Günther Jauch: Ein Wechsel mit Risiken

Was bedeutet die Verpflichtung von Günther Jauch für die ARD? Und für ihn selbst? Die Ankunft des beliebtesten Deutschen führt zu einer Programmreform des späten Abends im Ersten. Anne Will wird auf einen Wochentag vertrieben, die Tagesthemen sollen künftig einheitlich um 22.15 Uhr beginnen. Das bietet eine ganze Menge Chancen, hat aber auch Risiken. Dass der Sympathieträger und Infotainer Jauch in der politischen Talk-Arena genauso reüssiert wie bei "Wer wird Millionär?", ist keineswegs sicher.

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Günther Jauch hat gute Gründe, dass er darauf bestanden hat, "Wer wird Millionär?" bei RTL weitermachen zu dürfen. Das Format dieser Quizshow und seine Person bilden mittlerweile eine perfekte Symbiose. Günther Jauch IST "Wer wird Millionär?", man kann sich schlicht keinen anderen Moderator mehr vorstellen. Redet man mit einer der mittelalten bis älteren Damen, die Jauch als TV-Persönlichkeit geradezu kultisch verehren, dann sagen die sehr oft: "Ich gucke den Jauch." Kaum eine sagt: "Ich schaue ‚Wer wird Millionär?’" Das Quiz-Format bei RTL gibt Jauch ungebremste Gelegenheit, seine großen Stärken auszuspielen: Den Dialog mit den Kandidaten. Das spielerische, scheinbar beiläufige Durchsprechen von Lebensentwürfen, das spontane Reagieren auf Telefon-Joker. Jauch hat aus "WWM" seine persönliche Emo-Show gemacht.

Die Moderation von "Stern TV" wird er abgeben. Das ist schade für RTL, Jauch selbst wird es verschmerzen. Das klassische Infotainment-Format wirkt nach 20 Jahren auf Sendung ohnehin nicht mehr taufrisch. Es ist bezeichnend, dass Jauch "Stern TV" freiwillig aufgibt, während Johannes B. Kerner bei Sat.1 nach wie vor versucht, seinen billigen "Stern TV"-Abklatsch im Programm zu etablieren. "Stern TV" soll ohne Jauch weitergeführt werden, wird aber ohne den Frontmann mindestens in der Bedeutungslosigkeit verschwinden und kurze Zeit später wahrscheinlich ganz verschwinden. Die Rolling Stones könnten ohne Mick Jagger auch nicht weitermachen. Das es ein im Grunde biederes Format wie "Stern TV" über so lange Zeit erfolgreich gegeben hat, war ohnehin ein gar nicht mal so kleines TV-Wunder.

Nun also bald die ARD. Der Sonntag-Abend-Sendeplatz nach dem "Tatort" oder dem "Polizeiruf" ist eine Institution. Aber keine, die man als Zuschauer bisher mit Kurzweil oder gar Erkenntnisgewinn in Verbindung bringen würde. Sabine Christiansen hat den Sonntagabend-Talk in der ARD zu einem geschwätzigen TV-Parlament ausgebaut. Ihre Nachfolgerin Anne Will zeigt mit jeder Sendung, dass das Talk-Format nicht das ihre ist. Die oft exzentrisch gewählten Gäste geraten vor dämmrig braun-beiger Kulisse regelmäßig hemmungslos ins Schwadronieren. Eine Phrase jagt die nächste. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die "Anne Will"-Talkshow ihre guten Quoten zu einem großen Teil dem, zumindest quotenmäßig, starken Vorprogramm verdankt. Wenn sie als Talkerin 2011 auf einen Werktag wechseln muss, dann wird es im direkten Vergleich mit Reinhold Beckmann, Frank Plasberg und Sandra Maischberger verdammt hart werden für Frau Will.

Und Günther Jauch? Um die Quoten muss er sich bei der ARD keine Sorgen machen. Erstens wird auch ihm der "Tatort"-Bonus zu Gute kommen. Zweitens ist er "der Jauch". Einer der wenigen TV-Stars, denen das Publikum sogar von Sender zu Sender folgt. Die Herausforderung für Jauch wird eher darin bestehen, mit dem aktuellen, Phrasen-gestählten und allzu stromlinienförmigen Polit-Personal eine spannende Sendung jenseits üblicher Blabla-Luftblasen hinzubekommen. So ziemlich der einzige, dem im deutschen Fernsehen bisher eine spannende politische Talkshow modernen Zuschnitts gelungen ist, ist Frank Plasberg mit seinem "Hart aber Fair". An ihm wird man Jauch messen müssen.

Dass Jauch sich das zutraut, daran besteht kein Zweifel. Bereits vor einem knappen Jahr gab er in einem bemerkenswert offenen und langen Interview mit dem Zeit-Magazin zu Protokoll, was ihm durch den Kopf geht, wenn er eine politische Talkshow sieht: "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung." Und weiter: "Die Signale, die in der Zeit nach meiner Absage von der ARD kamen, waren durchaus freundlich." Liest man das Interview heute nochmal, bekommen Jauchs Aussagen von vor fast einem Jahr eine prophetische Kraft.

Jauch und die ARD sind am Ziel. Im Lichte der Top-Personalie Jauch verblassen die Abgänge der TV-Leichtmatrosen Jörg Pilawa und Oliver Pocher, die dem schwerfälligen Gebührentanker ARD von der Fahne gegangen sind. Die ARD hat gezeigt, dass sie noch Top-Leute zu sich holen kann. Und Jauch kann auf dem Zenith seines TV-Schaffens zeigen, dass er auch in der politischen Arena so viel drauf hat, wie alle glauben. Beide Seiten, Jauch und die ARD, hätten etwas zu gewinnen, schrieb die Süddeutsche nach Bekanntwerden der Personalie. Das stimmt nicht so ganz. Die ARD hat bereits gewonnen. Günther Jauch muss erst noch spielen.

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