Tvype: Leserreporter als Business-Modell

Das Amateurfoto-Projekt der Bild und die Lokalsenderkette von Andre Zalbertus bekommen heftige Konkurrenz: Am Dienstag ging mit Tvype eine neue Plattform an den Start, die Fotos und Videos von Hobby-Reportern an die Medien bringen will – quasi "14 14" für alle. Auch im Angebot: Medien können für Wunsch-Events nach Bürgerreportern suchen, Material gegen Aufschlag exklusiv lizenzieren, sich per Suchagent über neue Aufnahmen informieren lassen und eine White-Label-Lösung ordern.

Anzeige

Berlin-Mitte, Schlegelstraße 27, ein paar schlichte Büroräume in einem Mehrfamilienhaus. Hier hat Daniel Holle in den vergangenen Monaten mit einem Dutzend anderer Mitstreiter die Plattform Tvype aufgebaut. Gefördert mit einer Finanzspritze der EU von 100.000 Euro und dem Geld eines Privatinvestors, der unbekannt bleiben will, sei der Betrieb "für zwei Jahre locker gesichert". Bis dahin soll auf breiter Basis wachsen, womit Bild schon seit vier Jahren unterwegs ist: Die Arbeit mit Schnappschüssen von Unfällen, Katastrophen, Prominenten und Skurrilitäten.
"Wir haben immer wieder gesehen, dass hoch interessantes Bildmaterial von Privatleuten über zufällige Einzeldeals in die Medien aufgenommen wurde. Das zeigt uns, dass diese Inhalte für die professionelle Berichterstattung taugen", sagte Holle zu MEEDIA. "Was bisher aber fehlte, das war der professionelle und strukturierte Weg, damit der Bürgerreporter sein Material schnell in die Redaktionen bekommt – und die Redaktionen rechtzeitig von dem Material erfahren." Tvype soll genau hier die Brücke schlagen. Und das eben nicht nur exklusiv in einzelne Verlage hinein, wie das der Springer-Konzern für die eigene Zeitung macht.
Zehn Mitarbeiter prüfen laut Holle, was hochgeladen wird: "Ist es wirklich nachrichtlich interessant, ist es plausibel, ist es ethisch vertretbar?" Bestenfalls stehe das Material binnen zehn Minuten auf der Plattform. Sichtbar soll das Aktuellste nur für registrierte Medien sein, die per Online-Shopping auf Rechnung Fotos und Videos lizenzieren können. Den Preis legt der Zulieferer fest, ein Aktualitätsbonus kommt gegebenenfalls obendrauf, der mit fortschreitender Zeit fällt. Und will ein Medium einen Clip ganz exklusiv haben, koste das extra. Holle verspricht: 70 Prozent der Einnahmen blieben bei den Bürgerreportern hängen, wenn sie ihr Material nur über Tvype vertrieben, immerhin noch die Hälfte, wenn Tvype nur einer von vielen Kanälen sei. Denn auch das will Tvype sein: Eine Plattform, über die Profi-Fotografen und sogenannte Blaulicht-Reporter Material verticken können. Für sie plant Holle einen "Pro-Account" mit FTP-Schnittstelle.
Trotz eines rudimentären Checks des Materials durch das Tvype-Team mahnt Holle: "Wir werden den Redakteuren nie die journalistische Arbeit abnehmen können. Es wird immer ihnen überlassen sein, ob das Material ihren Qualitätsansprüchen genügt." Ob beispielsweise Persönlichkeitsrechte Dritter mit einer Veröffentlichung verletzt würden, muss auch künftig die einkaufende Redaktion prüfen. Die darf das Material zudem nicht weiterverkaufen – auch nicht, wenn sie für Exklusivität bezahlt. Damit schließt Holle Nachrichtenagenturen als Kunden von Tvype aus. Allen anderen will er hingegen White-Label-Lösungen anbieten: Zeitungen, Sender und Onlineportale, die ähnliches vorhaben wie Bild mit "14 14", können eine individuelle Eingabemaske bei Tvype ordern. Das Handling der Fotos und Filme übernimmt bei Bedarf der Berliner Dienstleister. Der ruft nach Wunsch von Medienkunden auch die Tvype-Mitglieder dazu auf, spezielle Events zu covern.
Auch sonst will er es Medienkunden möglichst bequem machen. Redakteure können sich ein Profil anlegen und sich nach festgelegten Kriterien informieren lassen, sobald neues Material vorliegt, das für sie interessant sein könnte – etwa nur "Unfälle in Berlin" oder "Sport in Bayern". Wer Material kauft, der bekommt auch Zugang zu den Kontaktdaten der Hobby-Reporter, für Rückfragen oder auch Interviews. Interessant dürfte das vor allem für Nachrichtensender sein. Holles größtes Problem liegt gleichzeitig auf der Hand: Er muss es schaffen, Tvype schnell so bekannt zu machen, dass auch derjenige an die Plattform denkt, der im Alltag oder Urlaub ganz zufällig Zeuge eines spannenden Ereignisses wird. Etablierte Marken wie Bild haben es dabei freilich deutlich einfacher.
Neben Bild arbeiten auch die Saarbrücker Zeitung und der Unternehmer Andre Zalbertus intensiv mit dem sogenannten User Generated Content (UGC): Er hat dafür mit seiner Frau sogar die Gesellschaft zur Förderung der Bürgerreporter gegründet, die das Bürgerreporter-Dasein professionalisieren will: mit Seminaren, Treffen und Presseausweisen, die 99 Euro kosten. Zalbertus hat vor allem mit dem Inhalt von Bürgerreportern seine Lokalsender-Kette Center.tv aufgebaut. Sie wechselt gerade ihren Besitzer: Die Rheinische Post, die bisher bloß eine Minderheitsbeteiligung hielt, hat beim Kartellamt die Komplettübernahme angekündigt. Das Geschäft mit dem Bürgerreporter floriert also sichtlicht. Mit dem Start von Tvype nimmt es noch zusätzlich an Fahrt auf.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige