Kirchentag für die Web-TV-Gemeinde

Heute starten in München die Audiovisual Media Days. Veranstalter Achim Beißwenger lädt zum dritten Mal zum Stelldichein der Web-TV-Branche. Die 220 Teilnehmer aus Vertrieb und Produktion lockt die AMD10 in diesem Jahr mit 30 Speakern aus dem In- und Ausland, 25 Vorträgen und Panels rund um Online-Video, Web-TV und Social Media, sieben Ausstellern und zwei Workshops. In drei Jahren hat sich die Konferenz zum Kirchtag der Web-TV-Gemeinde gemausert.

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Fünf Jahre ist es her, dass YouTube an den Start ging. Seitdem ist Web-TV ein ungebrochener Trend im Netz. Anfangs mit erheblichen Produktionskosten von Verlagen und Sendern und nur geringen Einnahmen verbunden, scheint sich der Videosektor mittlerweile halbwegs etabliert zu haben. "Knapp 14 Stunden pro Woche schauen sich User Videos im Netz an", erklärt Alison Fennah von der EIAA in der Eröffnungsrede. Und das an sechs Tagen pro Woche. Web-Videos sind von keinem deutschen Nachrichtenportal mehr wegzudenken, sie sind ein elementarer Bestandteil von Werbekampagnen und PR-Strategien. Das Budget für klassische TV-Werbung wird zunehmend für intelligente Webproduktionen umgeschichtet.
Doch im Jahr 2010 steht der Bewegtbildsektor vor neuen Herausforderungen. Innerhalb des letzten Jahres stieg die Zahl der Social-Media-User rasant an. Facebook zählt bereits knapp eine halbe Milliarde User. Soziale Netwerke sind ein fester Bestandteil des Lebens geworden. Diesen Entwicklungen will Beißwenger mit der AMD10 Rechnung tragen. Denn für Vermarkter, Werbefirmen und Nachrichtenportale sind Social Networks noch Neuland. Ob „normales“ Web-TV hier funktioniert, weiß noch niemand. So wird Hermin Hainlein, Manager Consumer Communications bei Coca Cola, beispielsweise über den Aspekt von Social Media und Online-Video in der Presse- & PR-Arbeit referieren. Alexander Süß, Senior Manager Interactive Marketing bei Mercedes-Benz PKW, über die Rolle von Bewegtbild im digitalen Medienmix.

Quo Vadis, Bewegtbild?
Der wichtigste Trend bleibt aber die Mobilität. "Die technische Weiterentwicklung der mobilen Endgeräte in den vergangenen Jahren trägt maßgeblich dazu bei, dass Online-Videos für uns inzwischen zum Alltagsmedium geworden sind", erklärt Beißwenger. Jeder zweite Deutsche schaut sich Online-Videos an", meint Axel Schmiegelkow, CEO von Sevenload im ersten Panel.
Unter dem Motto „Quo Vadis, Bewegtbild?“ traf sich eine bunt zusammengestellte Runde. Holger Feist von Hubert Burda Media, Markus Frank von Microsoft Advertising, Florian Haller von Serviceplan, Malte Hildebrandt von SevenOne Ad Factory und der erst 15-jährige Podcaster Philipp Riederle. Man war sich einig, dass Web-TV für Verlage und TV-Sender gleichermaßen wichtig ist und weiter an Bedeutung gewinnen wird. Bis der Videosektor allerdings zur ernstzunehmenden Einnahmequellen wächst, seien noch einige Hürden zu nehmen. „Die Vermarktung ist derzeit die größte Schwachstelle", meint Axel Schmiegelkow. Die Tausender-Kontaktpreise (TKPs) müssten endlich auf ein sinnvolles Level ansteigen. "Von TKPs zu reden, macht im Moment keinen Sinn", kontert Malte Hildebrandt. "Die Umsätze sind gerade noch so gering. Streaming kostet Geld. Da geht es erst einmal darum, Werbekunden für das Format zu begeistern."

Überhaupt scheint die Etablierung einer vernünftigen Preisstruktur für Bewegtbild im Netz Verlage und TV-Sender gleichermaßen zu beschäftigen. "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich die Bepreisung von Videos im Netz ausdifferenziert. Beispielsweise in Richtung Zielgruppen-TKPs“, meint Markus Frank, Director Sales & Marketing bei Microsoft Advertising. "Immerhin geht es bei Werbung ja um Relevanz. Die wäre in kleinen, spitzen Zielgruppen natürlich umso höher.“
"Preisverfall im Netz stoppen"
Ob Paid Content abseits der Printprodukte im Web der Königsweg ist, um aufwändige Web-Produktionen zu finanzieren, konnten auch die geladenden Gäste nicht beantworten. "Allerdings gehe ich fest davon aus, dass Menschen für hochqualitative Inhalte im Netz bezahlen wollen. Das ist doch klar", ist sich Florian Haller, Geschäftsführer Serviceplan, sicher. "Das kostenlose Anbieten von gut produzierten Inhalten im Netz muss gar nicht sein", meint auch Malte Hildebrandt, Vorsitzender der Geschäftsführung von SevenOne Ad Factory. "Das wichtigste Geschäftsmodell ist allerdings, den Preisverfall im Netz zu stoppen. Das Medium Web-TV muss die Wertigkeit bekommen, die es verdient."

Von all diesen Problemen hat Philipp Riederle bisher nichts mitbekommen. Der 15-jährige Schüler betreibt erfolgreich seinen Podcast MeiniPhoneundIch. "Die paar Euro für Hosting-Gebühren im Monat kann ich als Schüler locker stemmen. Damit erreiche ich fast alle Altersgruppen", meint Philipp. "Ansonsten kostet mich die Produktion nur Geduld und Fleiß."

Auch in den nächsten zwei Tagen wird sich in München alles ums Bewegtbild im Netz drehen. In zwei Workshops werden die Teilnehmer mit der Entwicklung von iPad-Apps und der Integration von Bewegtbild in Social-Media-Kampagnen vertraut gemacht. In Panels diskutieren die Webserienmacher der Piet-Show über "Neue Formate für neue Generationen", Dirk Freytag von AdTech AG moderiert ein Panel zu "neuen Videotechnologien für neue Bewegtbildformate“ und ran-Chefredakteur Sven Frohberg diskutiert über die erfolgreiche Verlagerung des Produkts Fußball ins Netz.

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