Das Medien-Kartell gegen Wulff und Merkel

Nicht nur, dass sich die allgemeine Begeisterung der Medien für den niedersächsischen Bundespräsidentschafts-Aspiranten in sehr überschaubaren Grenzen hält: Am Wochenende ergriffen Springers WamS und BamS derart offensiv Partei für den Gegenkandidaten der Opposition, dass schon hieran klar wird, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Leitmedien und Bundesregierung derzeit ist. Und auch der Spiegel titelt Montag ebenso lapidar wie entschieden: "Joachim Gauck. Der bessere Präsident."

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Nicht nur, dass sich die allgemeine Begeisterung der Medien für den niedersächsischen Bundespräsidentschafts-Aspiranten in sehr überschaubaren Grenzen hält: Am Wochenende ergriffen Springers WamS und BamS derart offensiv Partei für den Gegenkandidaten der Opposition, dass schon hieran klar wird, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Leitmedien und Bundesregierung derzeit ist. Und auch der Spiegel titelt am Montag ebenso lapidar wie entschieden: Joachim Gauck. Der bessere Präsident.
Von einer "Belastung" der schwarz-gelben Koalition ist im Spiegel die Rede, entfacht durch das Abstimmungsduell zwischen dem niedersächsischem Ministerpräsidenten und dem integren langjährigen Leiter der Stasi-Aufklärungsbehörde, Joachim Gauck. Die Parlamentsbeobachter des Nachrichtenmagazins registrieren "ein Beben", das durch die Hauptstadtpolitik gehe und diagnostizieren bei Wulff einen schweren Fall von Wackelkandidatschaft: "Angela Merkel kann sich nicht mehr sicher sein, dass sie ihren Kandidaten Christian Wulff durchbringt." Der Spiegel hält "Merkels Mann" für "ziemlich blass", und das langjährige Sturmgeschütz der Demokratie nimmt es der Kanzlerin übel, dass sie sogar das Amt des Bundespräsidenten nach Art des üblichen innerparteilichen Postengeschachers zu verscherbeln im Begriff ist.

Vor diesem Hintergrund droht Angela Merkel ein Stimmungs-GAU, denn bis zur Wahl am 30. Juni ist es noch lang hin, und die Schlagzeilen der auflagenstarken Sonntagsblätter waren nicht freundlicher: "Gauck fliegen liberale Herzen zu", titelte die Welt am Sonntag süffisant und bezog sich auf die ostdeutschen FDP-Parteisoldaten, die Guido Westerwelle in der Präsidentenfrage die Gefolgschaft verweigern. Die Bild am Sonntag wählte die Radikallösung und schlagzeilte "Yes, we Gauck". Der zwecks Verständlichkeit im Vorspann der Titelseite mitgelieferte inhaltliche "Beipackzettel" behauptet: "Es riecht nach einem Ruck in Deutschland." Und weiter, in Anspielung auf die am Wochenende startende Fußball-WM: "Beginnt nun ein politisches Sommermärchen?"
Für Kanzlerin Merkel bedeuten diese Headlines Alarmstufe Rot. Mehr als drei Wochen werden sie und ihr latent tolpatschiger wie formulierungsschwacher Präsidentschaftskandidat – der immer noch ein wenig aussieht wie eine Nachher-Ausgabe eines Vorsitzenden der Jungen Union – durch das mediale Kreuzfeuer gehen müssen. Wo könnte Hilfe winken? Bei der konservativen FAZ? Eher nicht. Die beteiligte sich zwar nicht plakativ an der Kampagne contra Wulff oder pro Gauck. Statt dessen las die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aber Merkel die Leviten und monierte, dass die Kabinettschefin ihre Ministerin und mehrtägige Favoritin für die Köhler-Nachfolge, Ursula von Leyen, zu lange darüber im Unklaren gelassen habe, dass die Entscheidung der Union für Wulff bereits gefallen war.
Das Ganze ist eine Frage des Stils, oder genauer, eine des fehlenden. Die Entscheidung der verkrachten Koalition und ihrer bislang verkorksten Amtszeit für einen Kandidaten, dem der Job wohl haupftsächlich deshalb zugeschanzt werden soll, weil er dann der amtierenden Kanzlerin in ihrem Job nicht mehr gefährlich werden kann, ist einfach zu durchsichtig, als dass profilierte Polit-Kommentatoren dies den Regierungsparteien durchgehen zu lassen bereit wären. Und dies, das ist das Bemerkenswerte, gilt nicht für ein Medium, sondern für das Gros der Berichterstatter.
Hier scheint eine Rechnung in gewaltiger Höhe offen. Das steigert die Chancen des numerisch eigentlich chancenlosen Pastors aus Ostdeutschland, der für den Durchschnittsbürger zugleich so viel nachvollziehbarer das Zeug zum Bundespräsidenten hätte. Mit einer einzigen Personalie hat die Regierung ihren Kredit bei den Medien aufgebraucht, und die einschneidenden, schmerzhaften Nachrichten für die einstigen Wähler kommen ja erst noch.
Man muss kein Gauck-Fan sein, um anzunehmen, dass die Aktien des 70-Jährigen für das Amt der Ämter in den nächsten Wochen kräftig steigen dürften. Sein Gegner hat einfach zu sehr den Stallgeruch, die Parteikarriere stets über andere Interessen gestellt zu haben. Die Opposition um Sigmar Gabriel hat das gewittert und genutzt, die Medien reagieren allergisch. Als im Vergleich zu Gauck zwei Jahrzehnte jüngerer Noch-Favorit sollte Christian Wulff vielleicht einmal ein lehrreiches Wahldesaster via Google in Erinnerung rufen. Er braucht nur zwei Worte einzutippen: Heide Simonis.

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