„Manchmal fühlte ich mich wie an der Uni“

Seit Februar 2009 verantwortet Imke Deigner als Channel & Brand Manager den Musiksender Viva. Ins Berufsleben startete die 45-Jährige als Trainee bei Unilever Deutschland. Von 1998 bis 2007 folgten verschiedenen Positionen bei der heutigen ProSiebenSat.1 Media AG. Im März 2007 wechselte Deigner zu MTV Networks. Im Gespräch mit Christopher Lesko beschreibt sie ihre Erfahrungen als Sender-Chefin und spricht über die Branche und ihre Zukunftspläne.

Anzeige

Sie sind seit 2009 Geschäftsführerin von Viva, einem jungen Sender. Wie alt darf man werden, als Führungskraft eines jungen Mediums?
Eine Frage, die ich mir natürlich auch schon gestellt habe. Meiner Meinung nach gibt es dafür keine Altersbegrenzung. Es ist vielmehr eine Frage von Persönlichkeit und Einstellung. So lange man sich in diesem Job wohl fühlt, kann man ihn auch machen. Wichtig ist allerdings, dass in den Teams Mitarbeiter sind, die den direkten Kontakt zur Zielgruppe haben. Deshalb finde ich auch die Arbeit mit unseren Praktikanten sehr spannend.
Was unterscheidet die Arbeit und die Kultur bei Viva von anderen Sendern?
Viva ist ein kleiner, junger und bunter Sender. So ähnlich ist auch die Kultur. Als ich hierher kam, habe ich mich manchmal gefühlt wie in der Uni. Die Größe und die vielen jungen Mitarbeiter dürfen aber nicht darüber hinweg täuschen, dass MTV Networks ein international agierendes professionelles Unternehmen ist, das sich ab einer gewissen Führungsebene auch nicht sehr von anderen Unternehmen unterscheidet.
Was zeichnet VIVA aus?
Viva ist eine  junge und sehr positive Entertainment Marke. Unsere Zuschauer sollen sich gut unterhalten fühlen und entspannen können. Dabei  ist uns ist die Zuschauernähe extrem wichtig, und wir achten sehr darauf, dass wir uns mit allem was wir tun auf Augenhöhe der Zuschauer befinden. Dass uns das gelingt merken wir an den Reaktionen unserer Zuschauer und an deren starkem Bedürfnis mit uns zu interagieren.
Welches sind aktuell Ihre größten Herausforderungen?
Die Antwort wird jetzt nicht überraschen: Für einen kleinen Sender wie Viva ist die wirtschaftliche Gesamtsituation im Zusammenhang mit der ständig wachsenden Wettbewerbsintensität im deutschen Werbemarkt sicherlich die größte Herausforderung. Im Zusammenhang damit natürlich auch der Umgang mit sinkenden Budgets vor dem Hintergrund stetig gestiegener Anforderungen.
Wovon hängt für Sie Erfolg ab?
Das hängt natürlich immer davon ab, wie Erfolg definiert ist. Erfolg ist das Erreichen beruflicher wie auch persönlicher Ziele oder auch einfach, dass man wie beim Fußball  ein gutes Spiel gemacht hat – unabhängig davon, ob die Mannschaft am Ende gewonnen hat oder nicht.
Was bietet denn heutzutage "Musik-TV", das es nicht auch im Web gäbe?
Musik-TV ist ja mehr, als einfach nur das Abspielen von Musik-Videos, auch wenn es bei Viva sehr viele Chart- und Clipshows gibt. Wir setzen das Ganze in einen  redaktionellen Rahmen und bereiten Musikthemen entsprechend redaktionell auf. Darüber hinaus haben wir durch unsere unterschiedlichen Programme eine viel größere Programmvielfalt. Und – ganz wichtig – wir geben Viva mit unseren  beliebten Moderatoren ein Gesicht und werden damit anfassbar für unseren Zuschauer. Damit haben VIVA oder auch MTV ein viel größeres Identifikationspotenzial als irgendeine Plattform im Web.
Wir leben in Zeiten der Globalisierung. Wie unterscheidet sich der deutsche TV-Markt vom europäischen?
In jedem Land gibt es eine eigene spezifische Situation, sodass man eigentlich nicht vom europäischen TV Markt sprechen kann. Allgemein kann man über Deutschland aber sagen, dass wir der wettbewerbsintensivste  Markt mit der größten Free -TV- Dichte sind.
Ende Mai fand mit vielen Stars die Verleihung des  Viva Comet 2010, statt. Wie sieht Ihr persönlicher Rückblick aus?
Viel Aufregung, tolle Show, ausverkaufte Halle, gute Stimmung, begeisterte Fans, gute Quoten und der beste Tag aller Zeiten für unsere Online-Seite. Also Zufriedenheit auf ganzer Linie.
Die Moderation von Collien Fernandes hat ja große Wellen bei Bild.de und anderen hervorgerufen…
Collien hat  sich lediglich darauf bezogen, was zuvor in den Medien kursierte, und das hat der Moderation des Comet eine aus unserer Sicht durchaus positive Würze gegeben. Grundsätzlich ist uns wichtig, dass unsere Moderatoren eine Meinung haben und ein individuelles Profil. Jemanden, der nur vom Teleprompter ablesen kann, suchen wir nicht.
Wie stehen Sie überhaupt  zu klassischen Casting-Formaten: DSDS, Popstars USFO, usw.?
Dazu habe ich eine berufliche und eine private Meinung. Castingformate wurden mehrfach tot gesagt und sind heute erfolgreicher denn je. Die meisten sind wirklich gut gemachtes Entertainment. Privat finde ich den Hype um die Gewinner oft nicht nachvollziehbar. Wir haben viele gute Musiker in Deutschland, die kämpfen müssen, und für die ich mir mehr Aufmerksamkeit wünschen würde.
Was eigentlich macht einen sogenannten Star aus?
Ich möchte mich jetzt nicht dazu äußern, wer bei uns so alles Star oder Promi ist, aber generell machen Medien im Zusammenspiel mit den Konsumenten jemanden zum Star – dieser genießt  zumindest für eine gewisse Zeit große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Was den jeweiligen Star dann ausmacht, ist durchaus unterschiedlich – manchmal ist es auch Talent.
Was bedeutet Musik für Sie persönlich?
Ich bin mit Musik aufgewachsen. Mein Vater spielt bis heute täglich mehrere Stunden Klavier. Manchmal hat er auch zusammen mit Freunden musiziert – das war für uns Kinder dann spannend.  Ich selber habe auch viele Jahre Klavier gespielt, und als ich damit aufgehört habe, ist die Liebe zur Musik und auch zu sehr unterschiedlichen Musikrichtungen geblieben.  Privat bin ich allerdings weit weniger "mainstream" als beruflich.
Wenn man sich Führungsstrukturen klassischer Unternehmen anschaut, findet man auf Ihrer Hierarchie-Ebene nur wenig Frauen. Muss man da männlicher werden, als die männlichen Kollegen und Führungskräfte?
Ich würde nicht sagen, dass man das muss. Ich zumindest bin nicht männlicher geworden (soweit ich das beurteilen kann – mein Mann würde sicher zustimmen;). Frauen haben meist andere Stärken als  Männer und sollten diese auch leben – dann lebt es sich als Frau auch sehr angenehm in der Männerwelt. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Frauen sich weniger zutrauen als Männer, was sie gar nicht müssten und Männer dazu neigen, sich zu überschätzen. Das erklärt zumindest einen Teil der Besetzung von Führungspositionen. Ich glaube im Übrigen auch, dass Männer ihren Artgenossen mehr zutrauen als Frauen und sich von Frauen in Führungspositionen auch gerne irritiert fühlen.  
Welchen Führungsstil üben Sie aus?
Teamorientiert und kooperativ.
Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?
In der Regel zwischen 50 und 60 Stunden – in Wochen mit vielen Abendveranstaltungen auch gerne mal mehr.
Wie stehen Sie persönlich zu neuen Medien und Social Media?
Persönlich bin ich kein großer Fan davon, weil ich nicht wirklich dazu neige, meine Person öffentlich zugänglich zu machen. Nichts desto trotz habe ich dort auch alte Freunde wieder getroffen und mich gefreut. Natürlich nutze ich aus professionellen Gründen einige dieser Netzwerke  und aus beruflicher Sicht  ist das eine hochinteressante Entwicklung mit vielen neuen Möglichkeiten.
Lesen Sie noch Zeitung?
Klar,  vor allem am Wochenende, im Flugzeug und manchmal, wenn ich abends früh genug nach Hause komme. Ich bin auch großer Zeitschriften Fan – vor allem sonntagmorgens im Bett.
Wird es in 20 Jahren überhaupt noch TV-Sender geben?
Internet und TV werden weiter zusammenwachsen und es wird zunehmend mehr um Content und Contentdistribution, als um die eigentliche Plattform gehen.  Trotzdem gehe ich davon aus, dass es auch in 20 Jahren noch TV Sender geben wird, vielleicht ein paar weniger als heute.
Sie sind in Tübingen geboren, haben in Bamberg studiert, lange in München gelebt und gearbeitet und sind in Berlin gelandet. Was ist nach all dem Ihre Heimat?
Auf jeden Fall Süddeutschland. Meine Eltern leben in der Ortenau in der Nähe von Strasbourg. Dort bin ich aufgewachsen und hänge sehr an dieser Gegend. Als persönliche Heimat empfinde ich allerdings  München und Umland. Ich habe dort sehr viele Jahre gelebt und mich dort wohler gefühlt als an irgendeinem anderen Ort in Deutschland. Und derer habe ich viele ausprobiert.
Angenommen, Sie hätten eine Summe X zur freien Verfügung, um sie für ein soziales Thema zu spenden, wie würden Sie diese einsetzen?
Entweder für ein soziales Thema in meinem direkten Umfeld oder für ein Menschenrechtsthema – das mache ich jetzt auch schon. Ich würde mich auch im Umwelt- und Naturschutz engagieren.
Was zeichnet denn die Person Imke Deigner aus?
Das finde ich schwierig zu beantworten. Einen kleinen Einblick gewährt dieses Interview.
Was können Sie überhaupt nicht leiden?
 Unehrlichkeit und Distanzlosigkeit.
Was bedeutet Ihnen Geld?
Sicherheit und die Freiheit, das machen zu können, was ich mir wünsche.
Wie entspannen Sie?
Ruhe und Natur – am liebsten ohne viele Menschen.  Auch liebe ich alles, was mit Bergen und Skifahren zu tun hat.  Und natürlich  ein Abend mit gutem Essen, gutem Wein und netten Freunden.
Wie möchten Sie alt werden?
Zusammen mit meinem Mann in einem umgebauten Bauernhof mit Blick auf die Alpen. Vielleicht schaffe ich das ja noch.
Vielen Dank für das Gespräch

www.lesko.ch

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige