Mister WeTab: „Wir bereuen nichts“

Es soll der iPad-Rivale aus Deutschland sein: Mit dem WeTab haben sich die Berliner Software-Spezialisten zum ersten Mal in den Konsumenten-Bereich vorgewagt – und sind dabei prompt auf die Nase gefallen. Was als PR-Coup gedacht war, geriet bei der "Produktvorstellung" zum Desaster. Nun bemüht sich Neofonie-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen um Schadensbegrenzung. Bei einem VDZ-Kongress am Dienstag in Hamburg wollte er die grundlegenden Zweifel an seinem Konzept zerstreuen.

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Eine halbe Stunde sprach der 36-Jährige vor rund 100 Verlagsvertretern im Szene-Hotel Empire Riverside. Bei der VDZ-Konferenz ging es um neue Geschäftsmodelle und Erlösstrategien. Hoffer von Ankershoffen referierte zu "Das WeTab – Auswirkungen und Chancen für Verlage". In Jackett und Jeans pries der Neofonie-Chef die Chancen von Tablet-Computern für die Verlage, sprach über Paid Content und neue Möglichkeiten für Vertriebserlöse. Vor allem aber redete er über sein WeTab. Demonstrieren konnte er es nicht, denn er hatte keins dabei.
Im Anschluss: "private" Sprechstunde für den MEEDIA-Reporter im Café mit Elblick gegenüber. Von Ankershoffen bestellt Caffè Latte und zündet sich eine Lucky Strike (Menthol) an. "Wir wollten das Gerät so früh wie möglich präsentieren", sagt er. Begründung: Man habe vom iPad-Hype profitieren wollen, "es musste schnell gehen". Bei den bisherigen Präsentationen seien "Vorserienmodelle" gezeigt worden, teilweise von Hand zusammengebastelt. Klar, dass da nicht alles funktioniert, beteuert der Berliner: "Es ist schwierig, ein Gerät zu verkaufen, das man nicht anfassen kann." Allerdings habe man den Markteinführungstermin zu früh und etwas zu optimistisch angekündigt. Statt August 2010 solle das WeTab nun im September kommen. Dennoch würde er es wieder so machen: "Wir bereuen nichts."
Eine der Säulen in der PR-Strategie des Neofonie-Chefs sind Online-Communities. Auf der WeTab-Fansite bei Facebook allerdings hatten sich die Diskussionen rund um das angekündigte Produkt schnell verselbstständigt. User spekulierten über Hardwarekomponenten und Spezifikationen. Auch von Ankershoffen musste reichlich Frusttoleranz aufbringen. "Immerhin", sagt er tapfer, "kennt man uns jetzt." Nun müsse man nur noch die Phase überbrücken, bis die Geräte verfügbar sind. Fragt sich nur, wie lange die dauert.
"Wir sind in Vorproduktion", sagt von Ankershoffen, Genaueres zu seinen Lieferanten erfährt man nicht. Das WeTab werde "in Asien" gefertigt, ist alles, was ihm zu entlocken ist. Aha. Die Zulieferkette für die Massenproduktion sei gesichert, das Problem des Kundenservices gelöst. Es gebe bereits "individuelle Liefertermine": "Man kann bei Amazon bestellen, und es wird kommen". Der Beweis, dass es das Gerät gibt, fehlt weiter, ebenso wichtige Spezifikationen.
Doch von Ankershoffen denkt längst weiter. Er scheint sich geradezu als Retter der Verlage zu verstehen und stellt dabei deren seit Jahrhunderten tradiertes Geschäftsmodell, nämlich den Verkauf von Inhalten, mit Blick auf die digitale Welt und Apples Erlösmodell in Frage. Er behauptet: "Erlöse funktionieren nur über Endgeräte." Nach seiner Meinung müssen die Verlage stärker in das Hardware-Geschäft einsteigen, zum Beispiel über subventionierte WeTabs. Nur so könnten die Verleger ihre Eigenständigkeit bewahren, Kontrolle über die Kundenstämme behalten und inhaltliche sowie wirtschaftliche Restriktionen von Plattformen wie dem iPad umgehen.
Als Alternative will er das WeTab als "kooperatives Erlösmodell" anbieten: Verlage sollen die Preise für Paid Content selbst bestimmen können, inhaltliche Einschränkungen soll es nicht geben, die Kundenkontakte sollen bei den Verlagen bleiben, und schließlich sollen die Verlage stärker an den Erlösen beteiligt werden.
Bislang setzt der Schweizer Ringier Verlag auf das Neofonie-Tablet, Gruner + Jahr bereitet bereits eine elektronische Ausgabe des "stern" für das WeTab vor. Doch ob und wann dieses tatsächlich kommt, ist am Baumwall umstritten. Auf den Fluren des Hamburger Verlagshauses heißt der Neofonie-Chef inzwischen "Hoffnungsanker".
Nachtrag: Helmut Hoffer von Ankershoffen äußerte sich zur MEEDIA-Berichterstattung, dass er kein WeTab beim Vortrag präsentierte: "Ich hatte eins dabei. In einer Präsentationssituation ist aber ein hantieren mit einem Tablet sinnlos, da die letzten Reihen dann ohnehin nichts sehen können."

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