Die Medien-Eklats von Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki ist der einzige wirklich bekannte Literaturkritiker in Deutschland. Und er ist gleichzeitig ein höchst streitbarer Geist und begnadeter Entertainer. Unvergessen ist seine ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett" oder seine fulminante Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises vor zwei Jahren, weil im TV doch nur "Blödsinn" gezeigt werde. MEEDIA erinnert anlässlich seines gestrigen 90. Geburtstages an herausragende Medien-Eklats von und mit dem unvergleichlichen "MRR".

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"Das Literarische Quartett"

Die ZDF-Sendung, die Marcel Reich-Ranicki von 1998 bis 2001 leitete ist bis heute unerreichter Maßstab für Literatursendungen im Fernsehen. Reich-Ranicki selbst, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler plus jeweils ein Gast diskutierten mit großer Leidenschaft und Unterhaltungswert aktuelle Bücher. "MRR"-typisch kam es dabei mehr als einmal zum Eklat, vor allem im Dauerstreit mit seiner Antagonistin Sigrid Löffler. Die Sache eskalierte im Jahr 2000 im Streit über erotische Passagen in einem Roman Haruki Murakamis. "MRR" zu Frau Löffler: "Frau Löffler, das haben wir in jedem zweiten oder dritten Quartett. Jedes hoch erotische Buch wird von Ihnen total abgelehnt. Sie können die Liebe im Roman nicht ertragen." In Bunte bezeichnet Reich-Ranicki die Zusammenarbeit mit ihr später sogar als eine "Qual". Sigrid Löffler verliess das Quartett im Streit und warf Reich-Ranicki vor, die Sendung durch seinen "medialen Amoklauf" in ein "wüstes Spektakel" verwandelt zu haben. Ihr Ausstieg markierte den Anfang vom Ende des "Literarischen Quartetts".

Der Verriss von "Ein weites Feld"

Im Jahr 1995 verriss Marcel Reich-Ranicki das Buch "Ein weites Feld" vom Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass. Der Spiegel zeigte einen "MRR" auf dem Titel, wie er in einer Fotomontage buchstäblich das Buch zerreißt. Die heftige Besprechung von Grass‘ Werk setzte eine nicht minder heftige Diskussion in Gang, wie weit Kritik gehen darf und begründete eine jahrelange Fehde zwischen dem Schriftsteller und dem Kritiker. Sieben Jahre nach dem Verriss machte Grass "MRR" eine Art Friedensangebot, wenn dieser sich entschuldige. Reich-Ranicki reagiert auf die ihm eigene Art – mit einem gepfefferten offenen Brief in der FAZ. Auszug: "Warum sollte ich, frage ich ganz bescheiden, meine Kritik revidieren? Weil sie einen "horrenden Fehler" mit einer "Kränkung" Ihrer Person verbinde. Die Kränkung bedauere ich, doch bisweilen ist, was Sie Kränkung nennen, in der Kritik leider unvermeidbar. Und der Fehler? Meinen Sie wirklich, daß Sie berufen und imstande sind, das Fehlerhafte einer Kritik zu erkennen, die Ihrem Buch gewidmet ist?"

Der Skandal um "Tod eines Kritikers"

Die fast manische Beschäftigung von Teilen des Literaturbetriebs mit der Person Marcel Reich-Ranickis gipfelte 2002 in dem Schlüsselroman "Tod eines Kritikers" von Martin Walser. Walser beschrieb darin den Tod des Literaturkritikers André Ehrl-König, der unverkennbar eine literarische Darstellung des realen Reich-Ranickis war. Auch diesmal gab es wieder einen Eklat. Der Roman wurde der FAZ vorab zur Prüfung für eine Veröffentlichung vorgelegt. Der zuständige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher war von dem Roman so entsetzt, dass in einem Artikel öffentlich begründete, warum die FAZ den Roman nicht veröffentlichen werde. Dass Schirrmacher den Inhalt des Romans so vorab ohne Absprache öffentlich gemacht hatte, wurde wiederum als Verletzung der literarischen Spielregeln interpretiert und es gab einen lange dauernden Streit in den Feuilletons.

Die Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises

Im hohen Alter von 88 Jahren sorgte Marcel Reich-Ranicki noch einmal für einen handfesten Eklat als der die Annahme des Deutschen Fernsehpreises verweigerte und stattdessen eine Wut-Rede auf die schlechte Qualität des TV-Programms hielt. Was er während der Preisverleihung erlebt habe, sei für ihn so "widerwärtig" gewesen, dass er es "nicht ertragen" könne. Altersmilde kann man "MRR" nicht direkt vorwerfen. Und kein Reich-Ranicki-Eklat ohne Opfer. Als Elke Heidenreich in der FAZ den Ausbruch des Groß-Kritikers als "gerechten Zorn" rechtfertigte und nebenbei noch ihrem Arbeitgeber, dem ZDF, eins mitgab, weil ihre Sendung "lesen!" einen so schlechten Sendeplatz hatte, war Frau Heidenreich kurze Zeit später ihre Sendung los.

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