Die „goebombe“ als Twitter-Lehrstück

Die Explosion einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg in Göttingen am Dienstagabend forderte drei Menschenleben. Das dramatische Ereignis wurde unter dem Stichwort "goebombe" bei Twitter in Echtzeit kommentiert. Dabei zeigten sich Fluch und Segen der Echtzeitkommunikation im Internet. Twitter informierte unmittelbarer und schneller als jedes andere Nachrichtenmedium. Aber auch Falschmeldungen verbreiteten sich rasend schnell und wurden sofort ungeprüft von Mainstream-Medien übernommen.

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Bezeichnend ist der Erfahrungsbericht eines Bloggers, der nach eigenen Angaben ohne Absicht am Abend der missglückten Bombenentschärfung, die Falschmeldung bei Twitter verbreitete, der laute Knall sei nicht die explodierte Bombe, sondern eine explodierte Gasleitung. Folgendermaßen beschrieb der Blogger später die Situation: "Die gerade eingefallene Freundin hatte mit ihrem Bruder telefoniert, praktischerweise war dieser in der freiwilligen Feuerwehr Göttingen. Der meinte wohl zu ihr, der laute Knall sei gar nicht die Bombe gewesen, da sei eine Gasleitung hochgegangen. Nun gut, dachte ich mir, Feuerwehr ist ne ganz gute Quelle, das hauste doch mal auf twitter. Großer Fehler! Meine Meldung, dass es sich bei der Explosion nicht um die #goebombe handeln würde, wurde gleich mal von 20 Leuten ge-retweeted (oder wie auch immer). Gleichzeitig kamen direkt Meldungen, dass noch nicht eine größere Zeitung Infos hätte, was denn jetzt genau passiert sei."

Als er merkte, dass tatsächlich die Bombe explodiert war, hat er seinen Tweet nach eigenen Angaben sofort gelöscht. Aber da war die vermeintliche Nachricht von der Gasexplosion schon durch zig Retweets in der Welt und nicht mehr zu stoppen. Innerhalb von Minuten habe Bild.de die Geschichte von der Gasexplosion aufgegriffen – nach Angaben des Bloggers ohne Rücksprache zu halten. Auch als lange offiziell bekannt war, dass tatsächlich die WK"-Bombe in Göttingen explodiert war, wurde die Falschmeldung mit der Gasexplosion immer noch weitergeleitet. Sogar jetzt noch finden sich "Info-Reste" zu den Gerüchten der nie stattgefundenen Gasexplosion in einigen Nachrichten-Portalen, zum Beispiel bei heute.de: "In Göttingen kursierende Gerüchte, eine Gasleitung sei explodiert, bestätigte er nicht. In einiger Entfernung zum Bombenfundort verlaufe zwar eine größere Gasleitung. Nach Angaben der Stadtwerke habe es aber keinen Druckabfall gegeben, so dass eine Gasexplosion auszuschließen sei."

Aber auch über die Falschmeldung mit der vermeintlichen Gasexplosion hinaus war der Abend der Bombenexplosion eine bemerkenswerte und verstörende Twitter-Erfahrung. Normale Nutzer, die zu den über 7.000 Evakuierten gehörten, twitterten genauso wie das Göttinger Tageblatt, Radiosender, die Bild-Zeitung und Interne-Spaßvögel wild durcheinander. Es entstand ein wilder Mix aus, Sprüchen, Nachrichten, Gerüchten, Beileidsbekundungen und betroffener Fassungslosigkeit. Bezeichnend ist der Satz, mit dem der Blogger, der die Falschmeldung von der Gasexplosion bei Twitter veröffentlichte, seinen Erfahrungsbericht endet: "Wenn demnächst mal wieder was passiert, dann lese ich das lieber am nächsten Tag irgendwo gescheit, selbst Nachrichten schreiben ist doch gefährlicher, als man denkt." Und man hofft, dass die Medien, die am nächsten Tag "gescheit" berichten, ihre Informationen nicht ausschließlich aus Online-Quellen beziehen.

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