Vom Zeitungsreporter zum Fußball-Blogger

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust: Eigentlich würde Dieter Matz noch immer gerne mit der National-Elf zur Weltmeisterschaft fahren. Doch das Fußball-Urgestein des Hamburger Abendblatts darf nicht mehr mit. "Stattdessen bleib ich in Hamburg und mache 'Matz ab'", klagt er. Seit 2009 betreut der 62-Jährige ein HSV-Blog auf Abendblatt.de, das einzige ernstzunehmende Fußball-Webjournal einer großen Sport-Redaktion. Das einst kleine Online-Projekt entwickelt sich mittlerweile zu einem "überragenden Erfolg".

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"Die genauen Zugriffszahlen kenne ich nicht, weil ich sie gar nicht wissen will. Aber mir wird immer wieder versichert, dass es bei Abendblatt.de kaum eine traffic-stärkere Rubrik gibt", sagt Matz gegenüber MEEDIA. Für die Fans des HSVs ist das Blog längst eine der wichtigsten Web-Anlaufstellen. Kaum ein Posting hat unter 500 Wortmeldungen. "Der Rekord liegt sogar bei 1512 Kommentaren", sagt der Reporter stolz.

Das Erfolgsgeheimnis von "Matz ab" scheint auf den Tugenden klassischer journalistischer Arbeit zu beruhen: eine extreme Nähe zum Thema, sauberer Recherche und ausdauernde ehrliche Arbeit. "Seit dem vergangen Sommer erschienen jeden Tag mindestens ein Beitrag, meistens sogar zwei." Selbst an Weihnachten und den Feiertagen berichtet der Hamburger, der selbst die Raute im Herzen trägt, über seinen Verein. Dabei versäumt der Fußballverrückte kaum ein Training und keine Pressekonferenz.

Diese Arbeitsweise trägt längst Früchte. Matz war der Erste, der über den spektakulären Wechsel von Star-Stürmer Ruud van Nistelrooy berichtete und einer der Schnellsten, die das neue HSV-Führungs-Duo mit Trainer Armin Veh und Sportchef Bastian Reinhart kommentierten.

Spätestens mit diesen Geschichten hat Matz bewiesen, dass er längst wie ein echter Blogger arbeitet und denkt – eine Bezeichnung und ein Lebensstil, mit dem das Print-Urgestein jedoch nichts anfangen kann. "Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, hatte ich keine Ahnung von dem Metier. Heute mache ich das schon mit Lust, aber ich kann die ganzen Kollegen sehr gut verstehen, die sich das nicht antun wollen und lieber Print machen."

Für den 62-Jährigen ist das Internet noch immer ein junges Medium. Als er vor 29 Jahren als Abendblatt-Redakteur anfing den Hamburger Sport Verein zu begleiten, gab es weder ein stationäres noch ein mobiles Web. Seine Reputation erschrieb sich der gebürtige Reinbeker noch auf Papier. Bundesweite Bekanntheit erwarb sich Matz vor allem bei seinen Auftritte im Sport1-Doppelpass.

Seit 2008 baute das Abendblatt jedoch immer wieder die Redaktion um, so dass für den erfahrenen Sport-Haudegen unter Chefredakteur Claus Strunz irgendwann nur noch ein Platz im Web blieb. Zu den Weltmeisterschaften und Europapokalspielen fahren jetzt andere. Stattdessen muss sich Matz tagtäglich mit unfairen Cyber-Kritikern und Kommentar-Beleidigungen auseinandersetzen. "Früher habe ich einen kritischen Leserbrief in einem halben Jahr bekommen. Heute sind es 40 pro Tag." Dem erfahrenen Reporter, der schon jeden miesen Trick im Sport-Business erlebt hat, nimmt aber noch immer jede böse Leser-Bemerkung persönlich: "Manchmal könnte ich sterben."
Bisweilen erträgt Matz die andauernde Kritik aber auch einfach nicht mehr. Dann muss der Online-Chef des Abendblatts für seinen erfolgreichsten Blogger Hunderte von Kommentaren freischalten. Denn der sagt über sich selbst: "Ich bin manchmal ein ganz schönes Sensibelchen." Genau dieses feine Gespür für den richtigen Ton scheint das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Bloggers Widerwillen zu sein. Dank seiner extrem einfachen und übertrieben ehrlichen Springer-Schreibe gelingt es Matz immer wieder, dem HSV-Fan direkt aus dem Herzen zu sprechen und nicht den Verantwortlichen .

Matz hat das Problem, dass er als Überbringer von Vereins-Nachrichten von seiner Community immer wieder als eine art Quasi-Verantwortlicher mit in Sippenhaft genommen wird und sich für die Entscheidungen von Trainern, Vorsitzenden oder Managern beschimpfen lassen muss.

Die Standard-Vorwürfe an den 62-Jährigen lauten, dass er alle Entwicklungen rund um die Hamburger Kicker immer zu positiv sehen würde, dass er "alles und jeden zu lieb hat", dass er schlicht "keine Ahnung" habe und alles viel zu "oberflächlich" sehe. Natürlich darf auch der Klassiker in Sachen Sport-Reporter-Kritik nicht fehlen, nämlich dass man vor einem halben Jahr noch alles komplett konträr beschrieben habe.

Tatsächlich leiden viele Fußball-Berichterstatter darunter, dass ihre Artikel und Kommentare immer auch auf einer Momentaufnahme beruhen. Nicht umsonst heißt es: Sport-Reporter erklären Freitags warum A gegen B gewinnt, nur um am Montag zu schreiben, warum B gegen A gewinnen musste.

Die kritischen Stimmen machen jedoch nur einen Bruchteil der Blog-Besucher aus. Mit "Matz ab" gelang es dem Abendblatt als erste große Zeitung ein erfolgreiches Fußball-Blog zu etablieren, dass von einem Presse-Profi befüllt wird und den Fans des HSV eine echte Web-Heimat liefert. "Ich weiß, dass alle großen Zeitungen auch gerne ein solches Blog hätten", sagt Matz. "Doch die finden in ihren Sport-Redaktionen keinen, der freiwillig den Zeitaufwand erbringen und die ständigen Nörgler ertragen will."

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