Paid Content: Murdoch macht ernst

Lange wurde darüber gesprochen, nun wird es ernst: Die Online-Ausgabe der Times wird kostenpflichtig. Damit ist das News International-Blatt nicht nur die erste britische Tageszeitung, die zahlungspflichtig wird, Rupert Murdoch selbst scheint damit gegen seine eigene Überzeugung zu handeln, dass mehr Leser besser sind. Stattdessen setzt die Times auf einen elitären Leserkreis, dem die Meinung der Times-Kolumnisten als Sprachrohr des Establishments wichtig sind.

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Noch ist die alte Times live, aber wer auf die Link zur neuen Seite klickt (von timesonline.co.uk auf thetimes.co.uk) kann die Zukunft sehen. Das neue Layout ist deutlich mehr dem Print-Format angepasst mit klarer Prominenz für Leit- und Meinungsartikel der ‚Starkolumnisten’. Schließlich sollen die Online-Leser dazu bewegen, £1/Tag oder £2/Woche zu zahlen. "Wir verkaufen unseren Lesern keine Nachrichten, wir verkaufen ihnen die Times und Sunday Times", so wurde der leitende Redakteur Daniel Finkelstein im Guardian zitiert. Die Paywall wird endgültig gegen Ende Juni ernst, bis dahin kann man sich als Besucher registrieren.

Die neue Times verspricht klarer, nützlicher interaktiver zu sein, so dass der Otto Normal-Verbraucher ‚Teil der Times’ werden kann. Natürlich kein so wichtiger Teil wie die vielgepriesenen Starkolumnisten, aber zumindest kann man im täglichen Q&A die Journalisten befragen. Dann gibt’s online noch exklusive Bilder (z.B. von dem isländischen Vulkan – die gibt’s ja sonst nirgends), und ‚konkurrenzlose Grafiken’. Ein weiteres Plus ist die Sparte Times +, in der es exklusive Angebote für Ausstellungen, Restaurants und Reisen gibt.

Klar ist, dass die Zirkulation der Times Online deutlich kleiner wird, und damit eigentlich nicht mit Murdochs Liebe zu Massenmedien vereinbar ist. Schließlich hat er die Times auf das Tabloid-Format (also hoch statt breit) umgestellt und seine Mannschaft angehalten, einfachere Sätze zu schreiben. Nicht ganz so schlimm wie die Sun, aber kaum der elitäre Stil, den die Times mit dem neuen Konzept vermarkten will. Insidern zufolge ist das neue Times-Konzept eine Kopf- und keine Herzentscheidung für den Australier, der ‚Parasiten’ wie Google den Kampf angesagt hat.

Auch wenn das neue Layout der Times Online in einer nicht-repräsentativen Umfrage unter medienfreundlichen Freunden nicht gut ankam – etwas langweilig – ist die Sunday Times wesentlich ansprechender. Murdochs Sonntagskind hat eine ganz eigene Online-Identität bekommen mit animiertem Content und wechselnder Homepage, so dass sich die tägliche Rückkehr lohnt. Das Magazin-Format setzt auf Kultur, Stil und Reisen vor Nachrichten, die als klare Domaine der ‚normalen’ Times positioniert sind.

Der Culture Planner der Sunday Times ist direkt mit dem Plan eines anderen News International-Kindes verbunden: So können Times-Abonennten mit ihrem Kalender direkt ihre Set-Top Boxen von Sky programmieren.

Soweit ok. Eine nicht-repräsentative Umfrage im Freundeskreis bringt nicht viel Grund zur Hoffnung, dass Abonnenten schon jetzt mit Kreditkarte am Keyboard sitzen. Ist die Times wirklich wichtig genug ist, um für ihre vermeidliche Stellung als Meinungsmacher zu kassieren? Die anderen Tageszeitungen im Lande, allen voran die exzellente Seite des Guardian, sind weiterhin kostenfrei. Die BBC als öffentliche Anstalt, finanziert durch Steuergelder, hat gar keine Wahl. Keiner der so befragten Bekannten ist bereit, für die Times online zu zahlen, da sie überwiegend generelle Nachrichten liefert. Einzige Ausnahme, für die gezahlt wird: Spartenpublikationen. Für das Expertenwissen beispielsweise im Finanzwesen (Financial Times, Wall Street Journal) oder der Modeindustrie (Women’s Wear Daily, Draper’s) wird ohne Weiteres und ohne Zögern gezahlt. Ebenso für Archivrecherche. Aber für allgemeine Nachrichten?

Und bei der Online-Recherche wird die Times bald völlig außen vor sein, denn deren Nachrichten werden bei Google nur noch mit schlecht suchbarer Überschrift vertreten sein. Familie Murdoch hat ja einen vieldiskutierten Kampf mit Google angefangen, um die Copyright-Debatte journalistischer Arbeit. Auch deren Austritt aus LexisNexis beweist, dass es Rupert ums Prinzip geht, dass Inhalte nicht einfach umsonst angeboten werden können. Dabei hat er Facebook und Twitter entweder vergessen oder nimmt sie nicht ernst. Seine eigenen Journalisten dürfen ihre Arbeit weiterhin in ihren sozialen Netzwerken bewerben, und Zahlen von Experian Hitwise zufolge bringt Facebook zehnmal mehr (6,7%) Traffic zur britischen Times-Seite als Google. Wer also versucht, über die Murdochs Paywall umsonst zu klettern, wird dies eher mit Hilfe seiner Twitter- und Face-Freunde tun als per Google.

Auch der iHype dürfte News International wenig Freude bringen. Die Times hat neben der Financial Times als einzige nationale Zeitung in England rechtzeitig eine iPad-App auf den Markt gebracht. Für £9,99/Monat (exakt 28 Tage) ist die Nachrichten-App etwa so teuer wie ein normales Online-Abo, aber das ist nicht mit der iPad-App verlinkt, das heißt, User müssen für Online- und iPad-Times separat, und damit doppelt zahlen. Die Erklärung seitens der Times: Die iPad-Ausgabe ist ‚ein separates Produkt’, das anders zusammengestellt und ausgeführt ist und runtergeladen werden kann zum Offline-Lesen.

GQ-Chefredaktuer Dylan Jones bezeichnet sie als "Der Vorstoß in diese neue Ära des Online-Journalismus wird von Experten mit viel Interesse und Skepsis verfolgt. In Medienkreisen ist klar, dass journalistische Arbeit nicht wie bisher online verschenkt werden kann. Aber Nachrichten sind überall – GQ-Chefredaktuer Dylan Jones bezeichnet sie als "Sauerstoff", und davon gibt’s in der Web-Atmosphäre reichlich.

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