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Die Entfernung der Medien von der Welt

Bei der Expo 2000 hatte die Medienindustrie noch viel Geld und Selbstbewusstsein und Thomas Middelhoff war Bertelsmann-Chef. Damals nannte der Medienkonzern sein Expo-Gebäude "Planet m". "m" für Medien. Heute geht es nüchterner zu, aber Medien bewegen sich, so scheint es, immer noch auf einem ganz eigenen Planeten. Bestes Beispiel ist das Auseinanderklaffen von medialer Berichterstattung und Äußerungen von Bürgern zum Rücktritt von Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten.

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Bei der Expo 2000 hatte die Medienindustrie noch viel Geld und Selbstbewusstsein und Thomas Middelhoff war Bertelsmann-Chef. Damals nannte der Medienkonzern sein Expo-Gebäude "Planet m". "m" für Medien. Heute geht es nüchterner zu, aber Medien bewegen sich, so scheint es, immer noch auf einem ganz eigenen Planeten. Bestes Beispiel ist das Auseinanderklaffen von medialer Berichterstattung und Äußerungen von Bürgern zum Rücktritt von Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten.

Selten war die Bewertung eines wichtigen Ereignisses in den klassischen Medien so einhellig wie im Fall des überraschenden Rücktritt Horst Köhlers vom Amt des Bundespräsidenten. So gut wie alle Medien, ganz egal ob stockkonservativ wie die FAZ oder liberal wie die Süddeutsche, verurteilten den Rücktritt Köhlers scharf. Ähnlich sah es aus bei den TV-Kommentaren von Tagesschau bis n-tv. Die Kommentatoren übten sich kollektiv im Köhler-Bashing. Dem zurückgetretenen Bundespräsidenten wurden abwechselnd Feigheit, Charakterschwäche und Unvermögen vorgeworfen. Er wurde als "Sponti" und "Null-Bock-Horst" (SZ) bezeichnet. Kollektiv wurde die "Macht des Wortes" beschworen, die der Bundespräsident habe und die Köhler nicht habe anwenden können. Bis in Formulierungsdetails hinein war hier der mediale Herdentrieb zu besichtigen.

Liest man dagegen in den vielen Leser-Kommentaren u.a. bei Spiegel Online, Welt, FAZ, SZ oder auch im Blog des Berliner Politik-Beraters Michael Spreng, ergibt sich ein anderes Bild. Hier erhält Köhler viel Zustimmung und Verständnis. Spiegel Online selbst schreibt, etwa zwei Drittel der Zuschriften und Foreneinträge würden Verständnis für den Rücktritt Köhlers zeigen. Es habe selten einen Bundespräsidenten gegeben, "der der Politik so unparteiisch und kritisch auf die Finger geschaut hat wie Köhler", schreibt ein Leser oder: "Schon merkwürdig, dass es die kompetenten Personen in der Politik nicht aushalten."

Köhler geht es bei seinem Rücktritt wie in seiner Amtszeit: Beliebt beim Volk, missverstanden und verschmäht von der politischen Kaste. Wobei die politische Kaste eigentlich eine politisch-mediale ist. Die Einheit der Bewertungen des Köhler-Rücktritts in Politik und Medien ist bemerkenswert. Ebenso bemerkenswert wie die Distanz dieser Bewertungen von den Stimmen der Bevölkerung.

Eine gewisse Entfremdung der Medien-Öffentlichkeit von der tatsächlichen Öffentlichkeit lässt sich auch an anderen Dingen festmachen. Nehmen wir die viel diskutierte Zukunft der Zeitung. Bewegt man sich in Medienkreisen scheint es ganz normal zu sein, dass jeder ein iPhone oder einen Blackberry besitzt und wahrscheinlich auch ein iPad oder bald ein ähnliches Gerät. In solchen Kreisen lädt man sich dann die aktuelle Wired-Ausgabe runter und diskutiert den aktuellen Artikel im Economist. Die Medienrealität in deutschen Straßen- und U-Bahnen ist eine andere. Da lesen die Leute meist Bild, Express oder eine Taschenbuchausgabe von Uta Danella oder Hera Lind. In der Tasche steckt ein Nokia-Handy.

Wer nur Leute kennt, die "in den Medien" oder im Umfeld von PR und Politik tätig sind, der könnte meinen, dass Twitter etwas ganz Normales ist. Eine spontane Umfrage bei den Verwandten aus der entfernten Provinz bringt dann meist ein anderes Bild zu Tage. Twitter hält man dort eher für die neue Eissorte von Langnese. Klar ist das provinziell. In den Medienmetropolen und Hauptstadt-Bezirken wird aber häufig vergessen, dass Deutschland zu 90 Prozent aus Provinz besteht. Wer wissen will, wie "das Volk" so tickt, der stellt sich besser auf den Markplatz nach Mannheim oder Buxtehude und hockt sich nicht ins Café Einstein in Berlin.

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