Lena siegt – und Raab ist der neue Siegel

"Lena macht ein Märchen wahr!" Mit dieser Headline brachte Bild die Sensation beim Eurovision Song Contest auf den Punkt. Doch dies gilt trotz der erstaunlichen Leistung der 19-Jährigen in erster Linie für Stefan Raab, der aus einer Abiturientin aus Hannover innerhalb weniger Monate einen europaweit bekannten Star machte. Raab wiederholte damit den Erfolg von Ralph Siegel 1982, dem letzten deutschen Sieg. Mehr noch: Raab ist der neue Siegel. MEEDIA vergleicht die unterschiedlichen Erfolgssysteme.

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Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein: TV-Entertainer Stefan Raab und Schlager-Fossil Ralph Siegel. Eines aber eint sie: ihre Liebe zum Eurovision Song Contest. Beide dominieren die deutschen Beiträge zu dem internationalen Liederwettstreit wie niemand sonst. Beide verfügen über erstaunliche Qualitäten als Song-Schreiber. Beide wechseln zwischen schrillen und zurückgenommenen Auftritten bei ihren Song-Contest-Nummern. Kein Zweifel: Stefan Raab ist der neue Ralph Siegel.
Raab selbst kokettierte bereits bei seinem allerersten Eurovision-Song-Contest-Einsatz 1998 mit der Nähe zum Schlager-König, indem er sich als Produzent des Guildo-Horn-Auftritts das Pseudonym Alf Igel verpasste. Was ironisch begann, wurde für Raab aber immer mehr zur ernsten Sache. Nach dem Erfolg seines Schützlings Horn (Platz 7 mit "Guildo hat euch lieb") kam Raab auf den Grandprix-Geschmack. Im Jahr 2000 trat er selbst mit der Dada-Gaga-Nummer "Wadde hadde dudde da?" an und erreichte Platz 5. Seit Siegels großer Zeit und seinem Grandprix-Triumph mit Nicoles "Ein bisschen Frieden" waren die deutschen Beiträge nicht mehr so erfolgreich wie unter den Fittichen Raabs.

Als Wettbewerbs-Fanatiker (u.a. "Wok WM", "Schlag den Raab") hat Raab beim Song-Contest offenbar Blut geleckt. Bei keiner anderen Veranstaltung kann er seine Passionen für den Wettkampf und Musik gleichzeitig ausleben wie hier. So schickte er im Jahr 2004 mit Max Mutzke wieder einen von ihm produzierten Künstler ins Rennen. Dafür hatte er eigens die Vor-Casting-Show "SSDSGPS" (Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star") entwickelt, aus der später der Bundesvision-Song-Contest hervorging. Mutzke kam mit dem ernsthaften, souligen Stück "Can’t wait until tonight" immerhin auf den 8. Platz und Raab erhielt für "SSDSGPS" einen Grimme-Preis. Mutzke verkörperte einen ähnlichen Typ wie damals die schlichte Nicole mit ihrer weißen Gitarre – den des bodenständigen Musikers. Genau wie Ralph Siegel zwischen Bombast (Dschingis Kahn) und Einfachheit (Nicole) pendelte, wagt Raab stets den Grat zwischen greller Ironie ("Wadde hadde dudde da?") und ernsthafter Musik.

Ein Jahr nach dem Raab-Debüt beim Song-Contest landete Ralph Siegel noch einmal einen Treffer mit der Gruppe Sürpriz und "Reise nach Jerusalem" (Platz 3), danach wurde es finster. Die Siegel-Nummern von Corinna Mey "I can’t live without music" (Platz 21) und "Let’s get happy" von der seltsamen Sängerin Lou (Platz 12) waren kreative Totalausfälle. Der alte Grandprix-Papst Ralph Siegel konnte die Wachablösung durch den jungen Wilden Raab verkraften und zog sich beleidigt ins Ausland zurück. Seither agierte Siegel mal mit, mal ohne Pseudonym als Produzent und/oder Komponist für die Schweiz, Malta und Montenegro.

Doch ohne Siegel oder Raab kamen die deutschen Beiträge beim Song-Contest erst Recht nicht vom Fleck. 2008 belegte die Casting-Kapelle No Angeles Platz 23 von 25. Die Retorten-Combo Alex Swings Oscar Sings kam 2009 auf Platz 20. Danach rief der hierzulande für den Eurovision Song Contest zuständige NDR in seiner Verzweiflung Stefan Raab um Hilfe. Der dürfte sich geschmeichelt gefühlt haben und lieferte. Gemeinsam mit der ARD stellte Raab die Vorauswahl als Casting-Show "Unser Star für Oslo" auf die Beine. Heraus kam das mit viel Vorschuss-Lorbeeren bedachte neue deutsche Fräulein-Wunder des Pop, Lena Meyer-Landrut.
Ihr Überraschungserfolg beim norwegischen Finale hat aus Raab endgültig den Mr. Eurovision der Neuzeit gemacht. Die Vorauswahl unter der Leitung Raabs erfährt im nächsten Jahr eine neue Auflage. Ohne Stefan Raab läuft hierzuland ein Sachen Eurovision-Song-Contest gar nichts mehr. Genau wie früher bei Ralph Siegel. Bis Raab Siegels Rekord von insgesamt 18 Grandprix-Songs eingestellt hat, hat er freilich noch ein bisschen Zeit.
Gezeigt hat Raab aber noch eins: Es braucht keine brutalen Auswahlriten wie bei RTLs DSDS, um in kürzester Zeit Talente zu international erfolgreichen Stars zu formen. Insofern ist das System Raab nicht nur erfolgreicher als das seines Grand Prix-Vorgängers, sondern auch ein Denkzettel an "Pop-Titan" Dieter Bohlen, der mit DSDS nur mäßig erfolgreiche deutsche Interpreten ohne internationale Wirkung hervorgebracht hat.

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