Lena-Mania: das neue Fräuleinwunder

Sie kam, sang und siegte: Tausende standen in der Halle Spalier, 125 Millionen verfolgten den Eurovision Song Contests am Fernseher. Lena, noch wenige Tage zuvor nur eine von 39 Kandidatinnen und Kandidaten, hatte es geschafft und war im Augenblick des Sieges sprachlos. "It's ... Hi" war alles, was sie im ersten Moment der Siegerehrung hervorbrachte. Eine 19-Jährige am Ziel einer Blitzkarriere, in der es nur den Fast Forward-Modus gab. Überwältigt und fassungslos, wie ein ganze Nation.

Anzeige

"This is not real", stammelte die Siegerin, "this is too strong for me", wobei unklar war, ob sie damit die schwere Trophäe meinte und ihren trotz aller ermutigenden Prognosen unfassbaren Erfolg. Und so ging es weiter: "Oh my God, this so crazy … this is so absolutely awesome … Das kann nicht echt sein, ihr seid ja verrückt." Noch während Lena ihr "Satellite" noch einmal singen durfte, planten die TV-Macher bereits den Tag eins nach dem ersten Grand Prix-Triumph seit Nicoles "Ein bisschen Frieden" vor 28 Jahren. Die ARD verschiebt "Anne Will" und bringt am Sonntag Sondersendungen zum Thema Lena. Am Nachmittag wird die Hannoveranerin beispielsweise bei ihrer Ankunft in ihrer Heimat begleitet – so ein Medien-Aufgebot kennt man hierzulande nur von den Journalisten, wenn die Nationalelf nach einem erfolgreichen Turnier heimkehrt.

Spätestens jetzt ist klar: Für die Abiturientin wird nichts mehr so sein, wie es war. Für wen die ARD "Anne Will" verschiebt und Extra-Sendungen ins Programm hebt , der wird für lange Zeit zum festen Bestanteil des deutschen Medien-Establishments.
Einer der erstaunlichen Erkenntnisse der Fast Forward-Karriere von Lena ist, dass sie ihren steilen Aufstieg ganz ohne Bild schaffte. Seit Monaten verweigerte sich die 19-Jährige der Boulevard-Presse. Rigide schützte sie ihr Privatleben und weigerte sich sogar gegenüber RTL die Frage zu beantworten, ob ihre Eltern in Oslo seien.
Die strenge Abgrenzung zu Boulevard und Yellows hat sie von ihrem Mentor Stefan Raab übernommen. Er schützt sich und seine Familie ähnlich restriktiv, wie es etwa Günther Jauch oder Herbert Grönemeyer tun. So gesehen ließe sich sogar sagen: Wer es ohne die Bild schafft, spielt in der erste Promi-Liga.
An diesem Punkt zeigt sich einer der größten Unterschiede zwischen dem System Raab und der Bohlen-Maschinerie. Die DSDS-Kandidaten und -Sieger werden unter extremen Druck und mit viel Bild- und RTL-Unterstützung gemacht. Der Kölner TV-Entertainer setzt dagegen auf ein möglichst menschliches Casting-Verfahren, auf überzeugende Sangeskunst und ein glaubwürdiges Produkt statt auf massiven Medien-Druck, ohne dabei allerdings weniger ehrgeizig bei der Verfolgung seines Ziels zu sein. Ob allerdings das System Raab nachhaltiger ist als die Bohlen-Methode, steht noch nicht fest. Max Mutzke beispielsweise ist genauso in der Versenkung verschwunden wie die Superstars Thomas Godoj oder Alexander Klaws.
Über Wochen mussten Express, Hamburger Morgenpost, Berliner Kurier oder Bild und BamS ohne exklusives Meyer-Landrut-Material auskommen. Trotzdem blieb ihnen nichts anders übrig als über die Sängerin zu berichten. Der Grund: Seit der ersten Show von Raabs Oslo-Casting liebt das Publikum Lena. Die Sängerin scheint die seltene Gabe zu haben, durch den Fernseher hindurch die Herzen der Menschen im Sturm zu erobern. Dabei trifft sie nicht nur mitten in die deutsche Seele. Ihr Charme funktioniert offenbar in ganz Europa.
Allerdings scheint Lenas Aufstieg nicht nur auf emotionalen Faktoren zu beruhen. Er ließ sich auch am Computer berechnen. Vor dem Grand Prix-Finale stellte Google eine europaweite Kalkulation an. Das Modell kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Lena Meyer-Landrut triumphiert. Quod erat demonstrandum.
Offen und spannend zugleich ist nun die Frage, wie Boulevard-Medien und TV-Promi-Formate mit der dürren Informationslage im Privatbereich des neuen Superstars umgehen. Wo sonst Sieger Reporter und Kameras bereitwillig zu Homestories empfangen und damit die Medien weiter füttern, prallen sowohl Bild-Chefreporter als auch Frauke Ludowig-Kamerateams bei Lena an einer privaten Black Box ab. Auch das ist neu.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige