Die Verlierer nach dem Lena-Triumph

Die Gewinner des Eurovision Song Contest sind leicht zu benennen: Das Fräuleinwunder Lena, ihr Entdecker und Förderer Stefan Raab und der ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. Der ESC-Triumph hinterlässt in der deutschen Medienlandschaft jedoch weit mehr Verlierer als Sieger: Allen voran ProSieben, Dieter Bohlen, aber auch Thomas Gottschalk. Der größte Loser ist aber Ralph Siegel, weil er seinen Nimbus als einziger Wissender verloren hat, der das Geheimrezept zum Grand Prix-Sieg kennt.

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Ralph Siegel
Der Songwriter freut sich nur verhalten über Lenas Sieg. Siegel nahm mit insgesamt 18 Kompositionen am Grand Prix teil und stand 1982 mit der Nicole-Hymne "Ein bisschen Frieden" auf dem Siegertreppchen. Trotzig besteht er weiterhin darauf, der einzige Deutsche zu sein, der den Wettbewerb bisher gewonnen hat. "Es handelt sich schließlich um einen Komponisten- und Texter-Wettbewerb", sagte er im Interview mit der Berliner Zeitung. Lenas Lied "Satellite" stammt aus der Feder der Amerikanerin Julie Frost und dem Dänen John Gordon. Außerdem sagte er der Zeitung: "Die Sieger werden bereits vor der Veranstaltung im Internet gekürt und somit sind die Auftritte am Abend nicht mehr das Ausschlaggebende. Das ist eine gravierende Verzerrung des ESC." In diesem Jahr feiert der Münchner seinen 65. Geburtstag. Vielleicht ist es an der Zeit, sich zurückzulehnen und sich auf das wirklich Wichtige im Leben zu konzentrieren. Was macht eigentlich Tochter Giulia?

Nicole
Sie holte 1982 den ersten und bisher einzigen Sieg für Deutschland und hatte ganze 28 Jahre dieses Alleinstellungsmerkmal. Ihr Lied "Ein bisschen Frieden", das durchaus auch eine politische Message in sich trug, wird nun verdrängt durch einen Song aus der Unterhaltungs-Umlaufbahn: "Satellite". Was Nicole aber trotz allem Lena-Wahn bleibt: Mit ihren damals 17 Jahren bleibt sie die bisher jüngste deutsche Siegern des Grand Prix.

Thomas Gottschalk und Günther Jauch
Bislang galt: Bei den TV-Moderatoren kommt keiner an Thomas Gottschalk und Günther Jauch vorbei. Die Freunde und ehemaligen BR-Kollegen kontrollieren seit Jahrzehnten die Zunft der Showmaster und Moderatoren. Seit Samstag ist aus dem Spitzen-Duo ein Trio geworden. Denn Stefan Raab ist nun auch im TV-Olymp angekommen. Aufgrund von Raabs Fähigkeit, ständig neue und unterhaltsame TV-Formate zu entwickeln, ist jetzt schon eine Wachablösung abzusehen. Mittelfristig wird der Kölner die beiden TV-Dauerbrenner überholen.

Dieter Bohlen
Über Jahre hinweg lief sein Superstar-System mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Bohlen suchte und förderte neue Gesichter für seine Pop-Maschinerie. Wer sich als besonders geeignet erwies, wurde vom Komponisten und Produzenten sogar mit einem seiner Songs ausgestattet. Das Bohlen-Verfahren basierte bislang auf einer kalkulierten Ex- und Hopp-Technik: Die Stars wurden gemacht und schnell wieder vergessen. Nach spätestens 1,5 Jahren braucht diese Maschine frisches Talent-Futter. Nachhaltig ist dieses System nicht.
Dem versucht Raab ein konträres Konzept entgegen zu setzten. Mit dem Lena-Sieg hat der Kölner einen Etappensieg errungen. Ob er jedoch wirklich langfristig echte Stars aufbauen kann, muss sich erst noch zeigen.

RTL
Das Bild nach Oslo scheint eindeutig: Das Trio Raab/ARD/ProSieben präsentiert sich überlegen. Die drei haben Lena gecastet und dann einen bislang einmaligen Hype entfacht. Zu solch einem Presse-Orkan hat es RTL, mit seiner traditionellen Bild-Kooperation bei seinen Casting-Projekten, bislang noch nicht gebracht. Lena war auf allen Kanälen und Zeitungen präsent. Die RTL-Superstars werden meist nur innerhalb der Kölner-Sendergruppe plus Bild rumgereicht. Was allerdings leicht vergessen wird: Von den Einschaltquoten her hatten das ProSieben-Casting keine Chance gegen RTLs "Deutschland sucht den Superstar".

ProSieben
Im Erfolgsteam Raab/ARD/ProSieben muss man den Privatsender auch zu den Verlierern zählen. Denn die Stunde des Triumphes in Oslo war eine ARD Veranstaltung. Auch bei den Sondersendungen hatte das Erste die Nase vor. Zudem liefen die Casting-Shows bei ProSieben lediglich solide. Das hätte im nächsten Jahr sicherlich anders ausgesehen. Nach dem nun aber klar ist, dass Lena ihren Titel verteidigen soll und es 2011 keine neuen Castings-Shows geben wird, verlieren die Münchner auch noch mehrere sicherer Quotenbringer.
Die klassische Gesangsausbildung
Charme und Eigenwilligkeit schlagen jahrelanges Stimm-Training. Zumindest scheint das eine der Lehren aus dem Oslo-Triumph zu sein. Mit ihrer Atem-Technik hätte Lena Meyer-Landrut in keiner Gesangsschule die Aufnahmeprüfung geschafft. Trotzdem setzte sie sich gegen unzählige ausgebildete Goldkehlchen durch, die durch jahrelange harte Arbeit in der Lage sind, direkt nach dem Aufstehen schwere Opern-Arien zu singen. Doch wie sagte Raab zu Spiegel Online: "Lena hätte mit jedem Song gewonnnen". Entscheidend war – frei nach Dieter Bohlen – die "Personality ".

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