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Mein erstes iPad-Wochenende

Willkommen im neuen Zeitalter: Endlich ist das iPad da. Doch kann Apples seit Monaten hochgejazztes Wundertablet tatsächlich den turmhohen Erwartungen entsprechen? Es kann, hat MEEDIA-Autor Nils Jacobsen an seinem ersten iPad-Wochenende festgestellt, das dank der Eurovisions-Aufregung und Lena-Mania gleich zum Härtetest wurde. Das Schönste am iPad: Es reißt die Grenzen zwischen Arbeitsgerät und Freizeit-Gadget ein und macht den Umgang mit digitalen Informationen viel einfacher und selbstverständlicher.

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Willkommen im neuen Zeitalter: Endlich ist das iPad da. Doch kann Apples seit Monaten hochgejazztes Wundertablet tatsächlich den turmhohen Erwartungen entsprechen? Es kann, hat MEEDIA-Autor Nils Jacobsen an seinem ersten iPad-Wochenende festgestellt, das dank der Eurovisions-Aufregung und Lena-Mania gleich zum Härtetest wurde. Das Schönste am iPad: Es reißt die Grenzen zwischen Arbeitsgerät und Freizeit-Gadget ein und macht den Umgang mit digitalen Informationen viel einfacher und selbstverständlicher.

Wer zu spät kommt, den bestraft die Schlange. So geschehen am vergangenen Freitag, um 8 Uhr morgens im Einkaufszentrum Alstertal, bis heute einer der seltsamsten Orte, an dem man sich einen Apple Store vorstellen kann. Doch dort befindet er sich, wie man am Lärmpegel ahnt und dann tatsächlich an der Menschentraube, unzähligen Kamera-Teams und endlich dem weißen Apfel erkennt. Es geht gut aus für MEEDIA-Kollegen Dirk Kunde und mich – als wir nach zwei Stunden Wartezeit doch noch in Besitz des Apple Tablets kommen, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte, nachdem ich die Online-Vorbestellungsphase verpasst hatte.

Dass ich mich längst für die 64 GB-Version entschieden habe, ist mein Glück: Nur noch diese größtmögliche iPad-Version ist um 10 Uhr im Hamburger Apple Store verfügbar – und diese Größe ist die richtige für mich. Für viele iPad-Interessierte fängt hier die Kardinalfrage an: Welcher iPad passt zu mir? Die Antwort ist denkbar simpel: Je nach Mac-Typ. Da ich das iPad überall mit hinnehmen möchte, sollen so viele Daten wie möglich darauf passen. Über 30 GB ist mein Musikarchiv auf iTunes schwer – wenn ich mich nicht wie beim iPhone auf einzelne Wiedergabelisten beschränken will, sind die 100 Euro mehr für 32 GB gut angelegtes Geld.

App-Alarm: Noch zu wenig iPad-Applikationen verfügbar

Warum, wird schnell bei der ersten iTunes-Synchronisation klar, die kinderleicht die Daten vom iMac überträgt, die ich übertragen haben möchte – die Datenmenge füllt schnell zwei Drittel meines Speicherplatzes. Tatsächlich war ich wohl etwas zu großzügig in meiner Auswahl, wie ich wenig später feststelle: Alle iPhone-Apps wären beileibe nicht auf dem iPad nötig gewesen. Sie werden nämlich auch als solche angezeigt: in Original-Größe, was auf dem 9,7 Zoll großen iPad etwas verloren wirkt.

Hiermit wird offenbar, dass wir uns noch in der Stunde null des iPad App Stores befinden: Zum internationalen Start gibt es noch relativ wenig App-Angebote – im Vergleich zu den über 200.000 für das iPhone. Ich scanne also die iPad-Charts und lade App nach App herunter. Wie schon vielfach erwähnt, sticht unter den Verlagsangeboten die bemerkenswert erfolgreiche „Wired“-App hervor – ebenso wie das Condé Nast-Angebot von „GQ“, die die Fotostrecken gesondert in Szene zu setzen weiß.

Das vermisse ich bei den wenigen deutschen Angeboten bisher. Dennoch klarer Punktsieger zum Start: Die iPad-Angebote von Axel Springer mit dem opulenten iPad-Magazin „The Iconist“, einer viermal aktualisierten Welt-Ausgabe und dem im ersten Monat kostenlosen iKiosk, der alle Welt-Angebote, Bild, das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost bündelt. Ich glaube, ich habe noch nie so viel Zeitung gelesen wie in den letzten 24 Stunden. Der neue SPIEGEL zählt nicht dazu, weil ich nicht einsehe, für die iPad-Version mehr zu bezahlen als für die Papier-Fassung am Montag.

Dass kostenlose Inhalte auf dem iPad in höchster Qualität erhältlich sind, erfahre ich bei den Wirtschaftangeboten von Bloomberg und Reuters, die eine Klasse für sich sind und für jeden Wirtschaftsjournalisten oder Anleger eine Pflichtlektüre. So erfahre ich via iPad von der nächsten Schockwelle der Kapitalmärkte – Spanien herabgestuft, das Drama geht weiter, Euro und Börsen stürzen erneut ab. Kein schöner Ausklang des iDays.

Charmanter digitaler Verführer: Man will sich vom iPad nicht mehr trennen

Weitaus erfreulicher beginnt der Samstag, der Lena-Tag, dem wir seit Monaten entgegenfiebern. Gleich zum Aufstehen bin ich dank des iPads mit den wichtigsten Informationen versorgt. Hier offenbart sich mir die eigentliche Bedeutung, die Apples neuster Coup in Zukunft erlangen dürfte: Mehr als eine Stunden verbringe ich im Bett mit dem iPad, ehe ich überhaupt ans Aufstehen denke. Das wäre weder mit Laptop  noch mit iPhone passiert – das eine ist zu klein als dauerhaftes Lesegerät, das andere einfach zu schwer.

Das iPad indes liegt vor mir und lockt mit immer neuen Informationsangeboten – Internetsurfen war noch nie so intuitiv und buchstäblich greifbar. Parallel fließen neue Mails, Facebook-Einträge und Tweets ein, die mit Kommentaren oder Direct Messages von mir beantwortet werden – das Tippen auf der virtuellen Tastatur fällt viel leichter als befürchtet, nur das Innehalten bei den Umlauten stört zunächst noch.

Während ich mich einmal mehr in den Social Networks zu verlieren drohe, ist dann der bisher vielleicht schönste Frühlingstag angebrochen – raus an die Luft! Natürlich mit dem iPad, das seinen ersten Frischluft-Einsatz bekommt. Ich sitze im Café, zum Glück gibt es WLAN, ich habe mich noch nicht für einen Datentarif entschieden.

Eine halbe Stunde vergeht dank des Anlesens von Klassikern wie Franz Kafka, Mark Twain oder Sigmund Freud, die es kostenlos im iBooks Store herunterzuladen gibt,  wie im Flug, nur die Sonnenreflexion stört zunächst leicht, man kennt das von den glänzenden MacBooks. Etwas anderes von schweren Einkaufstüten: Ich spüre ein leichtes Ziehen an den Sehnenscheiden – die 700 Gramm während der vergangenen 24 Stunden machen sich bemerkbar. Ich bin es einfach nicht gewohnt.  Man sollte das nicht unterschätzen: Das iPad hat sein Gewicht. Das Dock oder das Keyboard Dock sind eine gute Investition, ich rüste nach.

Killerfeature des iPads: Die Bewegtbild-Wiedergabe

Dann ist schon Lena-Zeit. Wenn man ahnt, dass da etwas Bahnbrechendes passieren kann, möchte man es mit so vielen Freunden wie möglich teilen. Ich entscheide ich mich gegen Twitter und für Facebook, der Eurovision Song Contest ist internationale Angelegenheit, diese Freunde sind bei Facebook.

Für einen Moment kämpfe ich mit mir. Wieso gibt es noch keine Facebook-App für das iPad, sondern nur die alte iPhone-Applikation, frage ich mich. Dann wird mir klar, dass ich das iPad immer noch viel zu sehr als großes iPhone statt als anfassbares MacBook Air begreife – die passende Facebook-Darstellung ist natürlich die Web-Seite selber!

Ich nehme mir vor, jeden Song beim Eurovision Song Contest via Status-Update zu kommentieren. Fünf Songs lang geht das auf dem iPad mit relativ knappen Postings wie „Moldova: the average euro trash disco meets Lady Gaga“ gut, dann will ich Freunde verlinken – und scheitere. Die Links fließen via @-Befehl ebenso wenig ein wie der Facebook-Chat verfügbar ist. Hier verliert das iPad also noch den Härtetest – ich steige für die restlichen 20 Kandidaten aufs MacBook um, das mir plötzlich sehr schwer erscheint.

Als mir eine Facebook-Freundin, mit der ich länger nicht in Kontakt war, auf ein Status-Update antwortet, ertappe ich mich dabei, wie ich den Bildschirm des MacBooks anfasse, um ihr Bild zu vergrößern – ein Tag intensiver iPad-Gebrauch hat genügt, und der intuitive Umgang mit dem Display ist mir bereits in Fleisch in Blut übergegangen.

Dann gewinnt Lena tatsächlich und das iPad ist für eine überraschende Stunde tatsächlich vergessen. Doch nur, bis ich überblicken will, wie meine Freunde auf den Sensationssieg reagieren – und die großen Online-Medien titeln. Jetzt schlägt wieder die Stunde des iPads: Zwischen verschiedenen Internet-Seiten, dem Twitter-Stream und Mails  lässt sich auf dem Apple-Tablet viel schneller navigieren als auf dem sperrigen MacBook. Ich lasse das MacBook im Wohnzimmer stehen, nehme das iPad ins Bett, sehe mir auf YouTube noch einmal „Satellite“ an – und staune doppelt: über Lenas langen Weg an Europas Spitze und die enorm gute Qualität des YouTube-Videos. Die Wiedergabe des Bewegtbilds wo und wann man will, ist für mich das Killerfeature des iPad.

Das iPad: Notizblock und ständiger Wegbegleiter der Generation Facebook

Doch wie reagieren weniger technikaffine Menschen eigentlich auf das längst verklärte Apple-Tablet? Ich besuche meine Eltern am Sonntag und lasse sie auf das iPad los. Die Magie der Intuition entfaltet sich von Neuem – meine Eltern sind nach Minuten mit der Fingerwisch-Technik vertraut und von der Selbstverständlichkeit der Benutzung begeistert. Ich dachte seit der Präsentation im Januar, dass das iPad gut zu meiner Mutter passen könnte – es funktioniert.

Hierin liegt die ganze Tragweite des absehbaren Mega-Erfolgs, der die iPhone-Erfolgsstory sogar noch toppen könnte: Es ist nicht nur der angekündigte Missing Link zwischen Laptop und Smartphone. Es ist nicht nur ein Gerät für eine neue Zielgruppe, sondern vor allem für eine neue Einstellung.

Das iPad  bricht vielmehr die Grenze zwischen Arbeitswelt und Privatsphäre auf. Man kann es überall mit hinnehmen. Mal liegt es im Wohnzimmer, mal in der Küche, mal im Arbeitszimmer, mal einfach in der Tasche – ganz egal, der Akku hält tatsächlich erstaunlich lang. Schon nach dem ersten Tag ist es vollkommen mit Fingerabdrücken überzogen, die es seltsam gebraucht aussehen lassen. Na und? Es ist ein Gebrauchsgegenstand – ein Gebrauchsgegenstand für jeden, das macht es so angenehm.

Die alten Grenzen zwischen einem Computer, der von vielen immer noch als feindliches Arbeitsgerät empfunden wird, und einem Freitzeit-Tool wie einem Handy verwischen vollends. Das iPad ist beides, so wie das Leben im 21. Jahrhundert zunehmend verschwimmt zwischen einer Arbeitswelt, in der man immer öfter „on“ ist und einem Privatleben, dass dank Facebook & Co immer verzweigter und öffentlicher wird. Das iPad so zum ständigen Wegbegleiter  – zum Notizblock der Generation Facebook.

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