Presserat billigt Kirchen-Cover der Titanic

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt stellte bereits ihre Ermittlungen ein. Jetzt erteilt auch der Presserat dem Satire-Magazin Titanic die Absolution. In seiner gestrigen Sitzung hat der Presserat die insgesamt 198 Beschwerden gegen die Titanic-Titel-Karikatur "Kirche heute" als unbegründet zurückgewiesen. Der Beschwerdeausschuss sieht in dem Cover keine Verhöhnung von religiösen Gefühlen, sondern "eine Kritik an den Würdenträgern und der dahinter stehenden Kirche, die sich dieser Kritik stellen muss".

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Auf dem gemalten April-Cover ist zu sehen, wie ein katholischer Priester vor einem Kruzifix steht – allerdings aus besonderer Perspektive: Den Priester sieht man nur von hinten; sein Gesicht ist in Höhe des Genitalbereichs der Plastik angeordnet. Die Jesus-Figur hat einen erröteten Kopf und blutet aus den Wunden.

Das umstrittene Titanic-Cover

Die Beschwerden beriefen sich vor allem auf Ziffer 10 des Presse-Kodex. Er lautet: "Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen". Für den Beschwerdeausschuss spitzt die Karikatur einen gesellschaftlichen Missstand innerhalb der Institution Kirche zu, anstatt eine Religion zuschmähen. "Aufgabe von Karikaturen und Satire ist es, Diskussionen in einer Gesellschaft so aufzugreifen, dass sie diese pointiert und manchmal auch an Grenzen gehend darstellt", heißt es in der Erklärung der Medienwächter.

Nach Meinung des Beschwerdeausschuss visualisiert das "provozierende" Bild die aktuelle Debatte über den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen in der katholischen Kirche. "Genau deshalb rüttelt sie auf und veranlasst Leser, über die Missstände in der Kirche nachzudenken." Die Vorsitzende des Ausschusses, Ursula Ernst, erläutert: "Hier wird nicht Jesus oder der christliche Glaube verhöhnt, sondern das Verhalten christlicher Würdenträger kritisiert, die sich ihren Schutzbefohlenen gegenüber falsch verhalten haben. Eine Kirche, die dies deckt oder nicht genügend zur Aufklärung beiträgt, muss auch mit dieser Art von Kritik leben. In einer Demokratie ist die Pressefreiheit ein maßgebliches Gut, die auch Kritik an ihren Grundpfeilern, wie sie das Christentum in Deutschland darstellt, mit einschließt."
Im MEEDIA-Interview kommentierte Chefredakteur Leo Fischer die Presserats-Beschwerden: "Diese Reaktion ist für uns unverständlich, insbesondere der Vorwurf, durch diesen Titel könnte die katholische Kirche beleidigt werden. Wir wissen nicht, woher diese Interpretation kommt, und wir sind schockiert über die zum Teil anstößigen und jugendgefährdenden Phantasien, die dieser Titel in manchen Hirnen auslöst." Weiter sagte er, dass er ihn die heftigen Reaktionen überraschten:  "Wir hatten damit selbstverständlich nicht gerechnet, insbesondere nicht damit, daß wir so viele engagierte katholische Leser haben. Die lesen normalerweise andere satirische Zeischriften, etwa Focus oder Cicero."
Der Frankfurter Staatsanwaltschaft lagen insgesamt 18 Anzeigen wegen "Volksverhetzung" und "Beschimpfung von Bekenntnissen" vor. Die Strafanträge wurde jedoch alle abgeschmettert, weil die Behörde – laut einer Sprecherin – in dem Titelblatt eine Satire sah: "Der öffentliche Frieden wird durch die Zeichnung nicht gestört, da dieser durch den Missbrauchsskandal bereits gestört worden ist."

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt erklärte, dass Satire von Verzerrung und Übertreibung lebe. Da die Institution Kirche und damit keine Gruppe kritisiert werde, wäre der Vorwurf der "Volksverhetzung" nicht haltbar. Es gehe bei der Darstellung um das Versagen der Kirche, die durch Zitate von Geistlichen belegt würden.

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