Welt startet iPad- und Online-Offensive

Die Springer-Zeitung Welt prescht im Digitalgeschäft weiter vor: Nach frühem Start auf dem iPhone hat die Redaktion noch vor der Markteinführung des Tablet-PC aus dem Hause Apple auch eine App für das iPad gestartet – als erste deutsche Tageszeitung. Das Mini-Programm wartet vier Mal am Tag mit einer aktualisierten Ausgabe, exklusiven Inhalten und einer an die Print-Variante angelehnten Navigation auf. Welt-Manager Romanus Otte arbeitet zudem am nächsten Relaunch der Website.

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Bis dato hat der Axel-Springer-Verlag nach Ottes Angaben zirka 175.000 Apps von Welt und Bild für das iPhone verkauft. Sein Haus wolle daran auch auf der nächsten Produktklasse des US-amerikanischen Konzerns anknüpfen. Otte sagt: "Wir arbeiten weiter mit Hochdruck an der Etablierung dieser neuen Erlösquelle." Zumindest die Welt ist deshalb nun auch auf dem iPad zu haben – in einer 30-tägigen Einführungsphase für umme, dann erst einmal für 11,99 Euro pro Monat.
Die neue iPad-App der Welt gibt sich dabei besonders schlicht. Otte sagt, seine Redaktion spreche mit dieser Variante in erster Linie Leser von klassischen, also haptischen Zeitungen an: "Wir wollen genau dieses Leseerlebnis, das sie vom Gedruckten kennen, auf das iPad übertragen." Heißt konkret: "Wir sind die technischen und multimedialen Möglichkeiten, die das iPad bietet, sehr behutsam angegangen und halten die Dinge bewusst einfach." Das habe Apple dem Verlag auch geraten.
Die Welt-App habe etwa wie eine Zeitung "ein Anfang und ein Ende". Der Leser solle sich in der App bloß nicht verlieren. Und wie man eine Zeitung umblättere, navigiere der Leser hier von rechts nach links und von links nach rechts, nicht aber nach oben oder unten. Wer die Welt-App einschaltet, auf den warten zudem neben einer klassischen Titelseite zehn Ressorts – exklusiv im Vergleich zu Welt Online und der gedruckten Ausgabe sind dabei "Welt Reporter" und "Geschichte", wie sie sonst nur in der kostenpflichtigen Welt-App für das iPhone zu finden sind.
Dass die Welt bereits jetzt mit einer App starte, die Bild-Zeitung aus gleichem Hause aber noch warte, das habe durchaus System, so Otte. Das Ganze sei nämlich ein Ergebnis einer grundsätzlichen Abwägung: "Wollen wir schnell dabei sein oder ein Produkt reifen lassen, bevor wir damit auf den Markt kommen?", fragt der Stratege der Welt-Gruppe. Seine Redaktion wolle lieber von Anfang an dabei sein, wisse aber auch, "dass das nur der erste Schritt ist, dem viele weitere folgen werden". Otte: "Wir möchten jetzt vor allem mit unseren Lesern zusammen lernen, was wir verbessern können, und nach und nach neue Funktionen und Features nachschieben." So würden Videos erst im laufenden Betrieb folgen, gut eine Woche nach dem Start der iPad-App.
Die werde laut Otte in der Regel vier Mal pro Tag aktualisiert: Ein erstes Mal gegen 7 Uhr, dann gegen 12 Uhr, wieder gegen 18 Uhr und schließlich ein letztes Mal um etwa 22, bei Fußball-Begegnungen am Abend auch mal erst gegen 23 Uhr. Otte verspricht: "Die Produktion der einzelnen Ausgaben läuft nicht automatisiert, sondern ist Handarbeit." Die etwa 100 Geschichten pro App-Version, die letztlich natürlich aus dem Text-Pool der Welt-Gruppe kämen, konfektioniere ein Onlineredakteur exklusiv für die iPad-App. "Anders als die iPhone-App ist sie deshalb kein Derivat von Welt Online", so Otte. Mit den Print-Ausgaben habe "die Zeitung auf dem iPad" deshalb auch nur den Titel gemein.
Die Welt-Gruppe arbeitet unterdessen an einem weiteren Relaunch ihrer Webseite. Das Release IV steht an, wie die Neuauflage intern genannt wird. Otte kündigt sie für "die nächsten Tage, auf jedem Fall vor der Fußball-WM" an. Drei Neuerungen werden dann vor allem auffallen: Welt Online hat den eigenen Seitenkopf komprimiert. Logo, Navigation und Suchfeld fassen dann in Summe nur noch etwa ein Drittel des bisherigen Platzes. Außerdem fällt auf fast allen Seiten die "Rechtsspalte" mit Teasern weg. Beides soll helfen, auf Titel- und Ressortseiten deutlich mehr Geschichten gleich auf den ersten Blick anzupreisen. In der Artikelansicht bleibt damit zudem mehr Platz für den Fließtext, denn, so Otte: "Unsere Marktforschung hat ergeben, dass wir die Artikeltexte von Elementen wie Link- und Zitatkästen sowie eingeklinkten Bildern befreien sollten, damit der Lesefluss nicht gestört wird. Das haben wir getan." Jetzt finden sich Umfragen, Links und zusätzliche Bilder in der rechten Spalte, dort also, wo bisher Werbung stand oder redaktionsinterne Anzeigen für völlig andere Geschichten. "Wir nehmen so den Leser als Leser noch ernster als zuvor", wirbt Otte, der auch betont: "Gleichzeitig schaffen wir aber auch mehr Möglichkeiten, um Anzeigen besser in Szene setzen zu können und so einen weiteren Schritt in Richtung Wirtschaftlichkeit zu gehen." Auf Beispielen sind etwa deutlich wuchtigere Werbe-Banner auf der Startseite zu sehen. Und auch in einer neuen Fußleiste, die sich stets direkt oberhalb des Seitenendes befindet, können Anzeigenkunden ihre Marken präsentieren.
Dem jüngsten IVW-Ranking (April 2010) zufolge wuchs der Traffic auf Welt Online um satte 15 Prozent – während viele Mitbewerber wie auch Spiegel Online im Vergleich zum März schwächelten. Das Portal der überregionalen Springer-Qualitätszeitungen biss sich damit mit fast 30 Millionen Visits auf dem dritten Platz der deutschen Nachrichten-Websites fest, lag aber weiter weit vom zweiten Platz mit Spiegel Online entfernt, das mit 124 Millionen Visits mehr als vier Mal so viele Besuche zählte. Nach Ottes Angaben soll Welt Online im Gegensatz zu den Apps der Zeitungs-Gruppe zudem auch künftig kostenfrei bleiben – das Printarchiv von Welt und Welt am Sonntag inklusive. Damit solle die Reichweite der Marke Welt weiter erhöht werden können.

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