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‚An Koch konnte sich die Presse abarbeiten‘

Kein deutscher Politiker hat in der medialen Außenwirkung so polarisiert wie er: Mit dem Rücktritt von Roland Koch tritt einer der letzten Brachial-Rhetoriker von der politischen Bühne ab. "Alle Leute mit klaren Positionen, einem ausgeprägten Machtbewusstsein und polarisierenden Meinungen reizen die Medien", analysiert der ehemalige BamS-Chefredakteur und Politik-Berater Michael Spreng. Die mediale Zukunft sieht Spreng eher trist: "Versuchen Sie mal, mit Ronald Pofalla ein spannendes Interview zu machen."

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Hat Sie die Ankündigung von Roland Koch überrascht?
Natürlich. Sie hat uns alle überrascht.
Hat Koch damit auch die Kanzlerin überrascht? Auf der Pressekonferenz sagte er, dass er Angela Merkel schon vor einem Jahr informiert habe.
Das wird er schon getan haben. Allerdings hat er ihr bestimmt kein konkretes Datum genannt. Mit der letzten gewonnenen Hessen-Wahl im vergangen Jahr hatte Koch den Makel der fast verlorenen Ypsilanti-Wahl getilgt. Das versetzte ihn in die Position, jetzt unbedrängt und unbeschadet abzutreten.
Roland Koch war eine der großen medialen Reizfiguren. Warum?
Alle Leute mit klaren Positionen, einem ausgeprägten Machtbewusstsein und polarisierenden Meinungen reizen die Medien. An Koch hat sich die Presse kräftig abarbeiten können. Er wurde jedoch nicht in diese Rolle gedrängt, sondern hat sie auch bewusst gesucht und aufgebaut.
Wie bewerten Sie den Koch-Rückzug aus der Politik?
Merkel ist so langsam alleine zu Hause. Es hat eine Reihe von Abgängen gegeben. Von Merz, Stoiber, Oettinger oder auch der geschwächte Rüttgers. Christian Wulff ist als letzter starker Typ noch übrig geblieben. In der CDU ist mittlerweile eine ganze Männer-Generation zurückgetreten. Das wird die Partei verändern.
In welche Richtung?
Das ist die Frage. Fakt ist: Koch stand für den konservativen CDU-Flügel. Der verlor in den vergangen Jahren innerhalb der Partei immer mehr an Boden. Doch die dahinter stehende Wählerschicht ist für die Union von enormer strategischer Bedeutung. Gerade auch im Hinblick auf die konservativen Wähler dürfte der Koch-Rücktritt eine gefährliche Leerstelle hinterlassen. Ich hoffe nur, Angela Merkel glaubt jetzt nicht, dass das Regieren nun leichter werde.
Warum?
Die starken Männer, mit denen sie sich bislang auseinandersetzten musste, hatten klare Positionen. Heißt: Merkel konnte ihr Verhalten kühl kalkulieren. Jetzt steht ihr nur noch Christian Wulff gegenüber.
Roland Koch ist mit dem Anspruch gestartet einmal Kanzlerkandidat der Union zu werden. Woran ist er letztlich gescheitert?
An sich selbst, seinen Positionen und der Brachialgewalt mit der er sie durchsetzen wollte. Mit einigen Aktionen, wie der Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, ist er letztendlich weit über das Ziel hinausgeschossen. Dieses Spiel mit Ressentiments konnte einer CDU mit Merkelscher-Ausprägung nicht funktionieren. Das war noch die alte Dregger-Schule. 
Gerade hat Roland Koch in einem Spiegel-Interview harte Einschnitte auch im Bereich der Bildung und Kinderbetreuung gefordert. Halten Sie solche Aussagen für eine gezielte Provokation, um mehr Medien Aufmerksamkeit zu erzielen?
Dieses Interview müssen wir jetzt alle noch einmal lesen. Denn aufgrund der heutigen Ereignisse wissen wir, dass dieses Interview fast schon so etwas wie sein Vermächtnis ist. Eine der Kernaussagen: Koch hält offenbar die Haushaltskonsolidierung für das wichtigste Ziel der kommenden Jahre, das man ohne Rücksicht auf der CDU inzwischen liebgewordene Tabus, angehen müsse.
Als was wird die Medienfigur Koch in die Geschichte eingehen?
Für die einen war er ein Politiker, der bis an die Grenzen des Erträglichen ging und manchmal sogar darüber hinaus. Allerdings war er auch kein Weichspüler. Er ist ein hochintelligenter Politiker mit einer tatsächlich hohen Wirtschaftskompetenz. Sein Motto könnte gelautet haben: Nur die Harten kommen in den Garten. Ich persönlich habe einen großen Respekt vor seiner Entscheidung, seine Ämter selbst bestimmt und ohne Druck niederzulegen.
Roland Koch hat sich bezüglich seiner Zukunft bedeckt gehalten. Tippen Sie mal, was er ab Januar macht?
Auf der Pressekonferenz hat er es ja schon angedeutet: Er wird in die Wirtschaft gehen. Ich gehe davon aus, dass er in den Vorstand eines großen Unternehmens eintritt oder gar die alleinige Leitung eines Konzerns übernimmt. Das Zeug dazu hat er.
Wird er den Medien fehlen?
Ja. Versuchen Sie mal, mit Ronald Pofalla ein spannendes Interview zu machen.

Michael Spreng bloggt unter Sprengsatz.de

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