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Experte: nur „leichter Linksrutsch“ bei Cicero

Nach nur zwei Monaten musste sich Cicero-Chef Michael Naumann dem Vorwurf aussetzen, er würde einen "Linksruck" im Heft vollziehen. European-Gründer und Ex-Cicero-Online-Chef Alexander Görlach hatte in einem Artikel behauptet, Naumann sei von SPD-Kollegen beauftragt worden, um aus dem Magazin ein "linkes Kursbuch" zu entwickeln. Doch was ist dran an der These? MEEDIA fragte den unabhängigen Experten Hans J. Kleinsteuber. Fazit: Von einem Linksruck kann nicht die Rede sein, eher von einem kleinen Rutscher.

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Kleinsteuber ist emeritierter Professor für Journalistik und Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Zu seinen Fachgebieten zählt Medienpolitik sowie politische Kommunikation. Für MEEDIA wirft der 66-Jährige einen Blick in die Cicero-Ausgabe Mai 2010.
Bereits beim Anblick des Titelblattes, das ein gemaltes Porträt von Schauspielerin Grace Kelly zeigt, würde deutlich, dass das Magazin "ein Organ älterer Männer" sei, so Kleinsteuber. Das Durchschnittsalter der Autoren, wie beispielsweise Ernst Elitz und Monika Maron, sei überdurchschnittlich hoch. Beide wurden 1941 geboren.
Der Titel "Krieg und Friede" zeige, dass das Heft eher konventionelle Themen auswählt. "Krieg und Frieden ist so zeitlos, darüber kann man immer schreiben", sagt Kleinsteuber. Auffällig sei aber, dass die meisten der Autoren der Generation Protest und damit der des 68-jährigen Chefredakteurs angehören.
Und hier sei auch der springende Punkt in der politischen Einordnung festzumachen: "Autoren wie Hans Magnus Enzensberger und Alice Schwarzer haben den Hintergrund der ‚alten Linken’", so Kleinsteuber. In der aktuellen Cicero-Ausgabe sei deswegen ein "leichter Linksrutsch" zu vernehmen.
Dies macht der Professor aber nur an der Autorenauswahl fest: "Den Texten merkt man die politische Position ihrer Autoren aber nicht an", so der Professor. Enzensberger erinnert in seinem Cicero-Text an das Ende des Zweiten Weltkriegs bzw. das zerstörte Deutschland. Schwarzer schreibt über die Gerechtigkeit der Wehrpflicht und fragt, ob diese noch zeitgemäß ist. 
Naumann ging im Mai gegen drei Behauptungen des TheEuropean-Gründers juristisch vor. Um welche Vorwürfe es damals konkret ging, wurde nicht bekannt. Görlach unterzeichnete die vom Cicero-Chef veranlasste Unterlassungserklärung. Man wolle nicht über die Berechtigung der Aussagen streiten, teilte Görlach damals mit: "Auch wenn die beanstandeten Passagen nach unserer Meinung von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt sind, möchten wir doch das Prozessrisiko vermeiden und den Rechtsfrieden wieder herstellen." Die Analyse von Kleinsteuber zeigt jedenfalls, dass Görlachs Vorwurf des "Linksrucks" auf wackeligen Beinen stand.  

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