„Tageszeitung ist viel Fabrikarbeit“

Mission erfüllt: Für einen Tag übernahm Sascha Lobo die Leitung der Rhein-Zeitung. Seine Aufgabe: Die Redaktion aus ihrer Routine zu befreien. Im MEEDIA-Interview zieht der Web-Tausendsassa ein erstes Fazit: "Das Konzept hat funktioniert." Auch die Leser scheinen zufrieden. Dass Lobo nun umsattelt ist unwahrscheinlich. "Den Job eines Chefredakteurs bei einer Tageszeitung könnte ich nicht immer machen. Das würde ich gar nicht aushalten", sagt Lobo. Diese Papier-Maschine ist gefräßig und unerbittlich."

Anzeige

Wie war es, für einen Tag die Chefredaktion der Rhein-Zeitung zu übernehmen?
Es war multiple super: Zum einen hat es super viel Spaß gemacht, zum anderen war es aber auch super anstrengend. Den Job eines Chefredakteurs bei einer Tageszeitung könnte ich nicht immer machen. Das würde ich gar nicht aushalten. Diese Papier-Maschine ist gefräßig und unerbittlich. Ständig gibt es Druck oder andere Termine, die eingehalten werden müssen. So eine Tageszeitung ist doch ganz schön viel Fabrikarbeit.

Was hat Sie bei der Aufgabe am meisten überrascht?
Überraschend war, wie wenig Zeit man zum Schreiben hat. Ich hatte mir vorgenommen, zwei Texte zu verfassen. Sie sind okay geworden, aber nicht wirklich super. Aber alle drei Minuten kommt jemand mit einer Frage ins Büro oder es ist wieder eine Konferenz. Was ich völlig unterschätzt habe, ist die schiere Textmenge. Für einen Chefredakteur ist es unmöglich jeden Text zu lesen. Da braucht man schon ein verdammt gutes Team.

Sind Sie zufrieden mit dem gedruckten Ergebnis?
Persönlich war es mein Ziel, möglichst viel mitzunehmen. Ich glaube, dass ist mir auch gelungen. Ansonsten muss man sagen, dass mein Konzept, Erfahrungen die ich bereits im Internet machen konnte auf eine Tageszeitung zu übertragen, funktioniert hat. Die Idee war, jeden Redakteur über die Themen schreiben zu lassen, die ihn wirklich interessieren. So ist eine abwechslungsreiche und informative Ausgabe entstanden.

Was war der Höhepunkt des Projektes?
Am meisten hat mich die Story begeistert, in der wir die Leser aufgerufen haben, Fotos aus dem RZ-Land zu schicken. Da sind viele richtig gute Bilder dabei. So ist ein wunderbarer Querschnitt des Alltags entstanden.

Sind Sie froh, dass das Weltgeschehen Ihnen einen eher ruhigen Nachrichten-Tag schenkte?
Echte Breaking-News gibt es ja nur an wenigen Tagen. Wenn etwas Spektakuläres passiert wäre, hätten wir natürlich reagieren können. Ansonsten gehörte es zu unseren Zielen, dass wir uns ganz bewusst vom überdrehten Nachrichtengeschäft abgekoppelt haben. Die reine Aktualität kann das Internet besser als die Papierzeitung.

Wie haben die Leser reagiert?
Ich habe völlig unterschätzt, wie tief eine Lokalzeitung in einer Region verwurzelt ist. Auf dem Weg vom Hotel zum Bahnhof sprach mich die Kellnerin, der Hotel-Chef, der Taxifahrer, der Kaffee-Macher im Bahnhof, eine Gruppe älterer Menschen und eine Schüler-Gang nach meinem Job bei der Rhein-Zeitung an. Erst da wurde mir klar, welch eine starke Wirk-Macht auch heute noch eine lokale Tageszeitung hat.

Hat sich ihr Bild von Zeitungsjournalisten gewandelt?
Jein. Mich hat erstaunt, wie anstrengend der Job ist. Zudem ist es Wahnsinn, mit wie viel Energie und extremen Zeitaufwand die Journalisten ihrer Aufgabe nachgehen. Allerdings bin und werde ich kein Papiertyp mehr. Das passt einfach nicht zu mir.
>> Link zur e-Paper-Ausgabe

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige