Die seltsame Info-Politik der Tagesschau

Seit 20. März sitzt der ARD-Wetterexperte Jörg Kachelmann wegen des Vorwurfs der schweren Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Seit gestern berichtet die ARD auch in der Tagesschau über den Fall. Die Redaktion ARD Aktuell hat von Anfang an die Linie vertreten, dass sie erst nach einer Anklageerhebung berichten würde und ist damit hoffnungslos hintendran. Mittlerweile gibt es schon den nächsten Fall, zu dem die ARD-Nachrichten erstmal schweigen: die Entführung der Bankiersfrau Maria Bögerl.

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In öffentlich-rechtlichen Rundfunknachrichten ist die Rede von dem Fall, "über den ganz Deutschland spricht" und "über den Sie ganz sicher schon viel gehört haben". Seit Tagen wird die Frau eines baden-württembergischen Sparkassenchefs vermisst. Der mysteriöse Fall schlägt hohe Wellen. In der ZDF-Sendung "Aktenzeichen xy ungelöst" wendete sich nun sogar die Familie mit einem erschütternden öffentlichen Appell an die mutmaßlichen Entführer. Alle Zeitungen, seriöse und Boulevard-Titel, berichten. Wer sich rein theoretisch nur mit der "Tagesschau" informieren würde, hätte viele Wochen später zwar etwas über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den bekannten Wetterexperten Jörg Kachelmann erfahren. Über den aktuellen, spektakulären Vermisstenfall aber nichts.

Wer naiv denkt, eine Nachrichtensendung wie die "Tagesschau" würde schlicht Nachrichten senden, ist offenbar falsch informiert. Die Redaktion von ARD Aktuell sendet nur, was sie denkt, dem Zuschauer auch zumuten zu können. Einen Einblick in die Gedankenwelt der "Tagesschau"-Redaktion gibt Kai Gniffke in seinem Blog-Beitrag zu der Entführung. Leute, die der Vermissten nahestehen hätten sich bei der "Tagesschau" gemeldet und darum gebeten, dass der Fall gemeldet wird, um Hinweise aus der Bevölkerung zu bekommen. Gniffke schreibt: "Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir einräumen: Ja, wir könnten in diesem Fall vielleicht helfen. Konsequent weitergedacht könnten wir jeden Tag durch Meldungen helfen, bei Knochenmarkspenden, bei Vermisstenanzeigen, bei der Aufklärung von Straftaten. Es ist schon ein seltsam-unangenehmer Gedanke, dass wir mitunter sogar Leben retten könnten, aber es nicht tun. Denn wir greifen diese Dinge nicht auf, weil wir glauben, dass die Tagesschau eine andere Aufgabe hat."
Die "Tagesschau" als potenzielle Herrin über Leben und Tod. Das klingt nach einer ungesunden Portion Hybris. Aber Gniffke hat hier in einem Punkt sogar Recht: Die "Tagesschau" hat andere Aufgaben, nämlich Nachrichten senden. Aber auch dies tut sie ja gerade nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass es ein bisschen schizophren wirkt, wenn die "Tagesschau" als oberste moralische Nachrichteninstanz vermeintlich Unseriöses verschweigt, dieses "Unseriöse" im Blog zur Sendung, in den ARD-Boulevardsendungen, in den ARD-Hörfunksender und ARD-Online-Angeboten aber lang und breit debattiert wird.

Man kann der ARD-Aktuell-Redaktion dabei nicht vorwerfen, sie sei inkonsequent. Im Gegenteil. Bereits als die Nicht-Berichterstattung im Fall Kachelmann kritisiert wurde, teilte Chefredakteur Kai Gniffke mit, dass erst mit einer Anklageerhebung für ihn der Grund zur Berichterstattung gegeben sei. "Der Maßstab war von Anfang an klar und wurde auch so kommuniziert: Im Fall einer Anklageerhebung gegen Jörg Kachelmann wird die ARD in ihren Nachrichtensendungen darüber berichten. In den heutigen Meldungen wird darauf hingewiesen, dass das Gericht noch über die Zulassung der Anklage entscheiden muss", sagte Das Erste-Sprecher Burchard Röver gestern zu MEEDIA.

"Tagesschau"-Chef Gniffke empfand aktuelle Presseanfragen zum Thema Kachelmann nach eigenen Aussagen im "Tagesschau"-Blog als "beinahe rührend". Er habe mal wieder gemerkt, "dass man es eigentlich immer nur falsch machen kann, unabhängig davon, wie man sich entscheidet". Dabei geht es gar nicht darum, die "Tagesschau"-Redaktion als "Umfaller" darzustellen, wie Gniffke argwöhnt. Das allzu zögerliche Nach-Melden von Nachrichten bei der Hauptnachrichtensendung der ARD ist leider sehr konsequent. Man darf gespannt sein, wann "Tagesschau"-Zuschauer über den Fall der vermissten Bankiersfrau informiert werden. Um mit dem kompletten aktuelle Nachrichtengeschehen des Tages grundversorgt zu werden, reicht die "Tagesschau" jedenfalls nicht aus.

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