„Sternstunde des Aufklärungsjournalismus“

Wochenlang beschäftigten die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule die Presse. Die Sache avancierte zum Skandal, allerdings mit elf Jahren "Anlauf". Bereits 1999 hatte die Frankfurter Rundschau berichtet - doch kaum ein anderes Medium griff das Thema auf. Medien-Professor Bernhard Pörksen bezeichnet im MEEDIA-Interview die aktuelle Berichterstattung als "Sternstunde des Aufklärungsjournalismus" und erklärt, welche Faktoren zusammen kommen müssen, damit ein Skandal auch als solcher wahrgenommen wird.

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Wie beurteilen Sie die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule?
Es ist in der Summe und vor allem mit Blick auf die Qualitätszeitungen des Landes eine Sternstunde des Aufklärungsjournalismus, die wir hier beobachten können. Ein selbstreflexiver, ein behutsamer Journalismus, der den Opfern endlich eine Stimme gibt, sich von den Deutungseliten und Vertuschern der Vergangenheit nicht mehr einschüchtern lässt und das stets prekäre Verhältnis von Nähe und Distanz in der richtigen Weise austariert.

Wie meinen Sie das?
Ich würde es so plakativ und pathetisch sagen: Wenn man verstehen will, was guter Journalismus kann, wie er Schwachen eine Stimme gibt und Skandalöses skandalisiert, dann muss man sich die Beiträge von Jörg Schindler (Frankfurter Rundschau), Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung) und Volker Zastrow (FAZ am Sonntag) und die Dossiers der Zeit anschauen. 

Jörg Schindler hatte bereits 1999 in der Frankfurter Rundschau über die Fälle berichtet, damals ging das Thema jedoch unter. Woran lag das? Und warum schlugen die Enthüllungen dann 2010 so hohe Wellen?
Man kann hier sehen, dass ein Skandal besondere Bedingungen braucht, um überhaupt zum Skandal zu reifen und wahr genommen zu werden. Fakt ist: Seit 1999 stand alles in der Zeitung bzw. in der Frankfurter Rundschau. Fakt ist auch: Die Geschichte versandete, kaum ein anderes Medium griff die Missbrauchsgeschichte an der Odenwaldschule auf. Es gab keine nennenswerte Auseinandersetzung. Woran das lag? Es sind ganz verschiedene Gründe. Zum einen hat der kurze Zeit zuvor aufgedeckte CDU-Spendenskandal gewiss die öffentliche Aufmerksamkeit kannibalisiert. Zum anderen waren die ersten Opfer, die sich meldeten, anonym, ohne Gesicht. Heute sind diverse Prominente – als Opfer, als Verteidiger und Vertuscher, als Kommentatoren und Aufklärer – involviert.

Lag es denn nur an der damaligen Nachrichtenlage?
Nein. Dann gab und gibt es gewiss auch in einzelnen Redaktionen Konflikte: zwischen den Aufklärern und den Anhängern der Reformpädagogik, die gar nicht wollen, dass übertrieben nachgefragt und die eigenen Ideale und Idole durch so ein Ekel-Thema in Misskredit gebracht werden. Schließlich haben die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche in den USA und in Irland eine globale Sensibilität erzeugt und das Publikum gleichsam auf das Thema vorbereitet. Und man darf nicht vergessen: Es hat, als Jörg Schindler die Geschichte gewissermaßen einfach noch einmal aufgedeckt hat, auch eine Schulleiterin Margarita Kaufmann gegeben, die definitiv nicht zum Club der Bewunderer und Fans zählte und die den Opfern zugehört, sie ermutigt hat. Das ist im Übrigen eine erstaunliche Parallele zu dem Canisius-Kolleg: Auch hier gab es in der Gestalt des Paters Klaus Mertes die Figur des mutigen Einzelnen, der sich durch die Widerstände in den eigenen Reihen nicht weiter beeindrucken ließ.

Wieso war damals von "Sensationsjournalismus" die Rede?
Der Grund ist schlicht: Man wollte nicht hören und nicht wahr haben, was da berichtet wurde. Medienkritik wurde in der Missbrauchsdebatte immer auch als eine ziemlich hilflose Strategie der Schuldabwehr und des Täterschutzes eingesetzt; das lässt sich ebenso mit Blick auf die katholische Kirche zeigen. Man prügelt dann auf die Journalisten ein, letztlich um das Thema zu verschieben, die Überbringer der schlechten Nachricht anzugreifen und Deutungshoheit zurückzugewinnen. Wer die Berichterstattung über die aktuellen Missbrauchsskandale in der Zusammenschau liest, der sieht, dass sich die Kritik an Journalisten durchzieht: Die Verteidiger der Angeklagten behaupten eine "Hexenjagd", einen "Missbrauch des Missbrauchs", um so die Täter und Vertuscher zu den Opfern einer "Kampagne" umzuschminken und sie zu beschützen. Allerdings hat das insgesamt nicht besonders gut geklappt, weil hier renommierte Journalisten von Qualitätsmedien gearbeitet haben.

Welche Faktoren müssen gegeben sein, um ein solches Thema zu einem Skandal zu machen?
Es müssen drei Elemente gegeben sein, damit man sinnvoller Weise von einem Skandal sprechen kann. Zum einen: die Normverletzung, die Grenzüberschreitung. Dann die Enthüllung, die Veröffentlichung. Und schließlich die kollektive Empörung des Publikums. Wenn man diese Kriterien anlegt, dann sieht man: Es lag ein Skandal vor, der erstaunlicher Weise zunächst nicht als Skandal gesehen wurde. Es gab die Normverletzung, es gab die Berichterstattung, aber die kollektive Empörung eines größeren Publikums blieb zunächst aus. Hier also kommt das Interesse des Medienwissenschaftlers ins Spiel: Wer den Fall studiert, kann sehr viel darüber erfahren, wie öffentliche Aufmerksamkeit funktioniert – und was für eine gelingende Skandalisierung des ohnehin Skandalösen nötig ist: mutige Betroffene und couragierte Einzelne, die sich ihrer eigenen Moral und nicht mehr irgendeiner persönlichen oder institutionellen Loyalität verpflichtet fühlen; eine bereits vorhandene gesellschaftliche Sensibilität und eine massive Berichterstattung im Medienverbund, unterstützt durch Blogs und Rundmails von Betroffenen und Interessierten, die sich im Falle der Odenwaldschule blitzschnell wechselseitig informiert haben. Erst dieses Zusammenspiel von kleinen und großen Ursachen hat das Thema dann wirksam zum Skandal reifen lassen, ihm seine Wucht gegeben.

Wie sollten Journalisten generell mit dem Thema Missbrauch und mit Skandalen umgehen? Welche Verantwortung tragen sie?
Ich würde sagen: Missbrauchsskandale markieren ein Terrain, das man nur mit großer Sensibilität und Sorgfalt betreten kann, denn eines muss um jeden Preis vermieden werden: dass ein Opfer ein zweites Mal zum Opfer wird und dass Unschuldige zu Unrecht angeklagt und beschädigt werden. Aber ganz generell: Der Skandal hat in unserer stets etwas überreizten Mediengesellschaft zwei Gesichter.

Welche sind das?
Einerseits ist er ein Instrument der Aufklärung, andererseits dient er dem voyeuristischen Zeitvertreib. Einerseits erzwingt eine gelingende Skandalisierung, oft äußerst brutal, Verantwortung und den womöglich dringend gebotenen Neuanfang – und stimuliert doch andererseits häufig nur Schadenfreude und das kollektive Amüsement über den dramatischen Absturz der einst gefeierten Helden. Das ist das Doppelgesicht des Skandals, das ein verantwortungsvoller Journalist erkennen und einschätzen können muss.

Wie ist es zu bewerten, wenn Journalisten bzw. Personen der Öffentlichkeit selbst, wie im Fall Amelie Fried geschehen, über ihre Erfahrungen an der Odenwaldschule berichten?
Das war ein ganz wichtiger, ein sehr mutiger Text, ein dramatischer Appell an einen der Täter, sich seiner Verantwortung zu stellen – und eine leise, auch liebevolle Erinnerung an die eigene Schulzeit, die Freundschaften und die zweite Wirklichkeit des Alltags, die es auch gab. Auch hier haben große Zeitungen und Magazine eine sehr positive Rolle gespielt, weil sie Schriftsteller und Publizisten – man denke nur an die Artikel von Bodo Kirchhoff und Klaus von Dohnanyi – systematisch dazu angeregt haben, Nuancen sichtbar zu machen und für den Schrecken des Missbrauchs eine Sprache zu finden.

Also ist die Berichterstattung durchaus positiv zu bewerten?
Wäre das Thema nicht so unendlich traurig und alles andere als ein Stimmungs-Aufheller, könnte dies der Anlass sein, den von Krisen geschüttelten Journalismus einmal richtig zu feiern. Denn hier lässt sich exemplarisch zeigen, warum diese Gesellschaft guten Journalismus so dringend braucht: als eine unabhängige Instanz, die Selbstbeobachtung als Fremdbeobachtung betreiben kann; als ein Instrument der unerschrockenen, aber doch auch selbstkritischen Reflexion; als Taktgeber der effektiven Skandalisierung des tatsächlich Skandalösen. Nur ist einem nach Feiern aus diesem Anlass wirklich nicht zumute.

Zur Person: Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er – gemeinsam mit Jens Bergmann – das Buch "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung"
Zur Veranstaltung: Wann wird ein Skandal zum Skandal? Am 20. Mai um 20.15 Uhr diskutieren an der Universität Tübingen (Wilhelmstraße 50, Raum 036) Jörg Schindler (Frankfurter Rundschau), Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung) und Bernhard Pörksen über die Frage: "Wann wird ein Skandal zum Skandal? Der Missbrauch und die Medien – der Fall der Odenwaldschule aus der Sicht von Journalisten."

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