ZDF: Expedition ins TV-Seichtgebiet

Alle Bemühungen, das ZDF für junge Zuschauer attraktiver zu machen, scheiterten bisher. Im April legten die Mainzel-Männer vom Lerchenberg mit 5,3 Prozent sogar ein neues Allzeit-Tief bei den Marktanteilen in der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hin. Neben der Fußball-WM setzen die Programm-Macher im Zweiten nun auf eine Ausweitung der Seichtgebiete nach dem Vorbild RTL. Kochshows, Dokutainment, eine neue Daily Soap und ein Stern-TV-Klon mit Jörg Pilawa sollen die ZDF-Misere richten.

Anzeige

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut für eine Reform des ZDF-Nachmittagsprogramms einen zweistelligen Mio-Betrag ausgeben will. Die Summe soll woanders zusammengespart werden, "intelligent" natürlich. Dies könnte freilich auch bedeuten, dass künftig an intelligentem Programm gespart wird. Bedenklich ist nämlich, in was Bellut die Millionen laut SZ investieren will: mehr Kochshows, mehr Dokutainment, eine neue Daily Soap und "unterhaltsame Tier-Geschichten". Sollten diese Pläne wahr werden, käme das einer inhaltlichen Bankrott-Erklärung des Zweiten Deutschen Fernsehens gleich.

Bereits jetzt gibt es im ZDF Programm nachmittags Köche ("Die Küchen-Schlacht" mit dem hauptberuflichen Schnurrbart-Träger Horst Lichter um 14.15 Uhr), Viecher ("Tierische Kumpel" um 15.15 Uhr) und die Telenovela "Hanna – Folge Deinem Herzen" um 16.15 Uhr. Die jetzt in der Süddeutschen bekannt gewordene Programm-Offensive würde bedeuten: more of the same. Ähnlich wie die bei den Quoten erfolgreichere ARD würde sich das ZDF weiter dem Marktführer bei den Jungen, RTL, annähern.

Dafür, dass sich das ZDF das Erfolgsrezept von RTL zum Vorbild nimmt, gibt es ein weiteres Indiz: Der als Johannes-B.-Kerner-Ersatzfigur eingekaufte Jörg Pilawa soll laut Spiegel eine Art "Stern TV" fürs Zweite machen. Nach dem unendlich langweiligen "SternTV"-Klon mit Kerner bei Sat.1 nun auch noch ein "Stern TV"-Klon im ZDF. Einfallslosigkeit kennt keine Grenzen. Getoppt wird dies nur noch von der Nachricht, dass ausgerechnet die Firma von "Stern TV"-Moderator Günther Jauch, das "Stern TV"-Format fürs ZDF produzieren soll. Bei Jauch gehe es zu "krawallig und seicht" zu, sollen die Mainzer Fernsehbosse laut Spiegel diagnostiziert haben. Und beauftragen gleich Jauch mit der Produktion des eigenen Formats. Man fragt sich ohnehin, welche Sendung sie gesehen haben. Man kann Jauchs "Stern TV" sicher in einigen Punkten kritisieren, aber "krawallig" war es eigentlich nie. Die zum Spiegel durchgestochene Äußerungen der ZDF-Bosse wirken vielmehr wie der hilflose Versuch einer Legitimation, dass einem nichts Besseres einfällt, als ein in die Jahre gekommenes Infotainment-Format wie "Stern TV" aus purer Ideen-Armut mit lau aufzukochen.

Dass "Stern TV" nach wie vor bei RTL gut läuft, dürfte zudem dem Charisma und der Beliebtheit Jauchs geschuldet sein. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass der blasse Schwiegermutter-Liebling Jörg Pilawa in eine solche Rolle hineinwachsen kann. Er war bereits in seiner Quiz-Show bei Sat.1 und später der ARD eine Art Günther Jauch für Arme. Es gibt keinen Grund, warum dies bei einem "Stern TV"-Aufguss anders werden sollte.

Wo die Millionen für die neue Expedition in die Seichtgebiete (Copyright des Begriffs "Seichtgebiete": Michael Jürgs) herkommen sollen, wollte Bellut nicht verraten. Zumindest spart man sich weitere Folgen der teuer produzierten beim Publikum aber durchgefallenen Serie "KDD Kriminaldauerdienst". Die letzten beiden Folgen der von Kritikern gelobten Reihe wurden wegen der schlechten Quoten vom ZDF spätnachts versendet. Ganz so, wie man es auch von einem Kommerzkanal erwarten würde.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige