„Medien sind oft in eigener Sache parteilich“

Das Altpapier ist die älteste deutsche Medienkolumne in Internet. Das Projekt, bei dem Medienseiten von Zeitungen ausgewertet und kommentiert werden, gibt es seit dem Jahr 2000. Gestartet wurde die Kolumne bei der Netzeitung, wo sie aus Spargründen Ende 2008 eingestellt wurde. nach einer Phase bei dnews.de hat die Kolumne nun bei Evangelisch.de eine neue publizistische Heimat gefunden. MEEDIA übt sich mit dem dienstältesten Altpapier-Schreiber Christian Bartels in medialer Selbstbeobachtung.

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Das Altpapier hat bei Evangelisch.de mittlerweile die dritte Heimat im Netz gefunden. Fühlt ihr Euch als Wanderpokal?

Ist doch schön, dass derart unterschiedliche Auftraggeber immer an so einem Format Interesse hatten und haben, das keine Riesenklickmaschine ist. Allerdings wäre das Altpapier sicher noch bei der Netzeitung, wenn die nicht so exemplarisch runtergewirtschaftet worden wäre.

Seid ihr der "Perlentaucher der Medien"?

Manche meinen das. Ich würde sagen, wir sind ganz anders. Schon weil wir ja nicht eine Zeitung nach der anderen behandeln, sondern zumindest immer versuchen, größere Zusammenhänge herzustellen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Evangelisch.de zustande – Meta-Medienkritik würde man ja nicht zuallererst bei einem Kirchen-Portal vermuten?

Es gibt ja doch die kirchlichen Medienfachdienste, die eine ausgeruhte Form von Medienberichterstattung bieten, wie es sie sonst kaum noch gibt. Da gab es schon länger Kontakte.

Ihr macht das Altpapier seit dem Jahr 2000. Hat sich Eurer Wahrnehmung nach die Medienberichterstattung seither verändert?

Also ich schreib seit 2002 Altpapier und bin damit am längsten dabei. Verändert hat sich das natürlich wahnsinnig. Zur ursprünglichen Altpapier-Idee 2000, vor allem von Christoph Schultheis, gehörte auch, den Journalisten, die jeden Tag noch ganz viele Zeitungen durchblättern mussten, die Arbeit zu erleichtern. Dass viele gedruckte Artikel online verfügbar waren und auf einer Webseite in einen neuen, sinnvollen Zusammenhang gestellt werden konnten, war völlig neu. Heute kommen rund um die Uhr neue Texte rein und alle zitieren einander direkt oder nicht so direkt.

Hat sich Medienberichterstattung auch inhaltlich verändert?

Thematisch hat sie sich irrsinnig verändert. 2002 kannten viele Redakteure das Internet mehr oder weniger nicht, auch auf Medienseiten war es ein eher exotischer Aspekt. Heute weiß jeder, dass im Internet alle Medien zusammenfließen. Das Spektrum ist viel viel breiter geworden.

Wie gut ist die deutsche Medienberichterstattung?

Tja, man kann natürlich so einige Punkte identifizieren, in denen sie nicht so toll ist – weil viele Medien zu oft in eigener Sache parteilich sind, auch wenn es nicht dabei steht, oder weil so oft und gern einzelne Sendungen besprochen werden, aber viel zu selten der Gesamtausstoß des Fernsehens. Aber eigentlich ist die Medienberichterstattung schon schön vielfältig.

Was ist mit "Gesamtausstoß" gemeint?

Kurz gesagt, dass die GEZ-finanzierten Anstalten ganz viele gute Sendungen und ganz viele schlechte herstellen und sie in zu vielen einander zu ähnlichen Sendern abspielen. Obwohl auf Medienseiten ja sehr viel über die GEZ und das, was die Öffentlich-Rechtlichen dürfen und nicht dürfen sollten, geschrieben wird, wird viel zu wenig über grundsätzliche Strukturreformen diskutiert. Das ist zumindest eine meiner Lieblingsthesen.

Eure Kolumne heißt Altpapier. Aber welche Rolle spielt das Internet heute bei der Medienberichterstattung?

Der Name stand und steht ironisch dafür, dass wir Zeitungen mögen, aber nicht immer so wichtig nehmen wie sie sich selbst. Das Internet ist inzwischen natürlich wichtiger und wird es sicher bleiben, falls es den Verlagen nicht überraschend gelingen sollte, in großem Ausmaß Bezahlinhalte einzuführen. Andererseits fahren einige Zeitungen, FAZ und Süddeutsche, ganz gut damit, nicht alle Inhalte sofort frei online zu stellen. Das sind oft für uns wichtige Artikel.

Kauft ihr die Zeitungen noch immer in gedruckter Form, wie früher?

Wir arbeiten überwiegend mit dem Internet und mit E-Paper, haben aber immer einige Zeitungen auch physisch da, sozusagen stichprobenweise

Wie unterscheidet sich Medienberichterstattung in einer klassischen Zeitung von der im Internet?

Ich denke, das ist in allen Ressorts gleich: Im Internet gibt’s keine Zeilenbegrenzung und keinen fixen Redaktionsschluss, man kann tiefer gehen und viel spezieller werden.

Welche Rolle spielen Blogs, Twitter und Facebook bei der Medienberichterstattung?

Blogs spielen natürlich eine große Rolle, schon weil sie oft Positionen vertreten, die in den klassischen Medien kaum vorkommen, und viel tiefer in Themen einsteigen können. Viele Blogger schreiben ja sehr lange Texte, die so detailliert in keiner Zeitung stehen könnten. Über Twitter kann man Veranstaltungen vielleicht besser oder facettenreicher rekonstruieren als wenn man selber dort gewesen wäre. Andererseits fließen alle Kanäle ineinander und jedes Medium muss seine Inhalte in Twitter und Facebook gießen, um sie zu verbreiten, und der Strom aus alledem wird immer noch größer. Das ist kompliziert, aber spannend.

Beobachtet Ihr auch ausländische Medienberichterstattung?

Deutschsprachige Medien aus der Schweiz und, seltener, Österreich kommen manchmal vor. Zu iPad oder Facebook sind natürlich oft amerikanische Medien schneller und besser informiert. Aber um ausländische Medien geht es im Altpapier nur, wenn es inhaltlich zum Thema passt. Der Anspruch einer gewissen Vollständigkeit des Überblicks bezieht sich auf die deutschen Medien.

Welches ist die beste Medienseite Deutschlands, Print oder Online? Anwesende laufen natürlich außer Konkurrenz.

Eindeutig beste Seiten gibt’s nicht. Bei den Zeitungen haben Süddeutsche und FAZ ihren guten Ruf schon nicht ganz zu Unrecht, aber richtig gute und ziemlich schlechte Artikel stehen überall mal. Diese relativ große Vielfalt ist mit das Schöne an der Medienlandschaft. Auch um die Medienseite der FR, die im Zuge der DuMont-Umstrukturierungen wegfiel, war es etwas schade.

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