Reitz-Figur: WAZ-Chef ein Mann für Merkel?

Er gilt als "Stimme des Westens", nun wird er als Sprachrohr der Kanzlerin gehandelt: WAZ-Chef Ulrich Reitz, so die taz, könnte den frisch gewählten BR-Intendanten und Noch-Regierungssprecher Ulrich Wilhelm beerben. Vor dem Hintergrund der zahmen WAZ-Berichterstattung zur NRW-Wahl und einem artigen Interview mit Kanzlerin Merkel ist die Sache brisant. Angeblich hat der 49-Jährige "keine Lust auf den Job" in Berlin. Die Chefredaktion der WAZ reagierte empört auf den Bericht (siehe Nachtrag).

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Die Spekulation versteckt taz-Autor Steffen Grimberg am Rande seines Artikels über den neuen Intendanten des Bayerischen Rundfunks. Ulrich Wilhelm war am 6. Mai mit 40 von 44 Stimmen im Rundfunkrat für den Posten gewählt worden. Nun werde über seinen Nachfolger in Berlin spekuliert – und dabei fällt, so die taz mit Hinweis auf Gerüchte im Westen, der Name Ulrich Reitz.
Reitz ist seit 2005 Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) und gilt als jemand, der politisch konservativ eingestellt ist und daraus auch kein Geheimnis macht. Als er von der Rheinischen Post zur WAZ wechselte, kolportierte die Süddeutsche Zeitung die Vermutung, dass Reitz die damals noch als sozialdemokratisch geltende WAZ zum "Kampforgan von Angela Merkel" umbauen wolle. Das Handelsblatt urteilte damals, dass eine "ungewöhnlichere Kombination" in der Medienlandschaft "kaum vorstellbar" sei.
Bei der NRW-Wahl zeigte sich, wo das politische Herz des WAZ-Chefredakeurs schlägt. Die Berichterstattung über Ministerpräsident Rüttgers, der später bei der Abstimmung ein Debakel erlebte, fiel zahnlos-harmlos aus. Dabei war der Wahlkampf gespickt von Indiskretionen über Fehltritte von Rüttgers. In einem Bericht des NDR-Medienmagazins Zapp sagte Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung über den NRW-Wahlkampf: "Wir haben hier das Phänomen, dass CDU-Leute Medien bombardieren mit Material gegen die CDU. Möglicherweise wählen die Leute am Ende sogar die Partei, die sie immer gewählt haben, aber sie wollen Rüttgers weg haben." Auch die WAZ dürfte mit den Informationen versorgt worden sein, so ist zu vermuten. Tatsache: Aufgegriffen wurde diese von anderen. Im WAZ-Westen stellte man sich aber hinter den CDU-Mann.
Auch das Interview, das Reitz und sein Kollege Miguel Sanches mit Angela Merkel Ende April führte, liest sich als ein nettes Get-Together zwischen Freunden, das zwar auch politische Fragen beinhaltete, jedoch klar darauf abzielte, für Rüttgers Partei zu ergreifen. Damit wird der Chefredakteur für das linke Blatt zur Reitz-Figur. Im taz-Artikel schreibt Grimberg, dass das Interview in Essen "durchaus als Bewerbungsschreiben" für den Regierungssprecher-Posten verstanden wird. Am Rande der Verleihung des Henri Nannen-Preises in Hamburg soll Reitz aber das Gerücht dementiert haben. Dass er keine Lust auf den Job habe, begründete Reitz laut taz damit, dass er jetzt schon mehr verdiene als die Kanzlerin. Ob ernst gemeint oder nicht: Bei Geld hört die Freundschaft halt auf.

Nachtrag, 11. Mai, 15.20 Uhr: In einer schriftlichen Erklärung äußert sich die Chefredaktion der WAZ empört zu der von der taz kolportierten Angelegenheit. Darin heißt es: "Der taz-Bericht hat mit Journalismus nichts zu tun, sondern ist nichts als üble Nachrede. Insbesondere verwahren wir uns gegen die Behauptung, kritiklosen willfährigen Journalismus zu betreiben. Das ist eine Unverschämtheit. Die taz hat es nicht einmal für nötig befunden, bei uns nachzufragen."

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