UK-Wahl zwingt Zeitungen, sich zu ändern

Am Donnerstag wählen die Briten ein neues Unterhaus. Der mediale Gewinner des Wahlkampfes steht jetzt schon fest: Es ist das Fernsehen. Als Verlierer des Dreikampfes um die Macht im Königreich sieht MEEDIA-Korrespondentin Nina May die Tageszeitungen, die in England traditionell sehr aktiv und durchaus parteiisch in die politischen Debatten eingreifen. Die Folge: Die Zeitungen werden sich ändern müssen und Wahlen in Zukunft eher wie Fußballspiele behandeln.

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Genau wie Obama in den USA hat die politische Opposition in Großbritannien sich Veränderung auf die Fahnen geschrieben. Nach 13 Jahren Labour sahen sich die Konservativen als die natürlichen Nachfolger, bis dann die TV-Debatten, im Stile der Präsidentschaftsdebatten in den USA, alles änderten. Nick Clegg, Vorsitzender der Liberal-Demokraten, kämpft ebenfalls für Veränderung, und als Außenseiter konnte er die Wähler mit seinem "REAL Change"-Standpunkt begeistern. Aus dem klassischen Zwei-Parteien-Rennen ist ein flotter Dreier geworden. Das bringt nicht nur die Sitzordnung im House of Parliament durcheinander, die Medien müssen sich auch an echte Veränderungen gewöhnen. Außer Rupert. 

Ich schaue eigentlich immer nur die gleichen Sachen im Fernsehen, aber in den letzten Wochen hab ich mir insgesamt 4,5 Stunden politisches Ping Pong angetan. Wobei es eher Ping-Pang-Pong war. Drei Debatten aufgeteilt auf drei Sender mit drei Kandidaten. David Cameron, die dumme Nuss von konservativem Vorsitzenden, hat die Liberal-Demokraten zu den übertragenen Debatten zugelassen – und die haben ihm als Dank gnadenlos Stimmen abgegraben. Dabei lief für David alles so gut. Der stellvertretende Parteivorsitzende Lord Ashcroft, der Multi-Millionär mit Off-Shore-Adresse um Steuern zu vermeiden, hat den Tories einen riesigen Scheck geschrieben, so dass sie hübsche Poster mit David im ganzen Land aufhängen konnten. Die wurden dann von Davids anderem wohlhabenden Wohltäter, Rupert Murdoch, fleißig in seinen Tageszeitungen Times und Sun sowie seinem TV-Kanal Sky News gezeigt. News Corp. kontrolliert 40 Prozent der britischen Medien. Was sollte da für David schief gehen?

Viel. Denn offenbar unterschätzten Rupert und David die Kraft des Fernsehen und von Twitter völlig. Diese volksverdummenden Massen- und Sozi-Medien. Liest denn hier in England keiner mehr Zeitung? Offenbar nicht. Denn das Volk ist nicht so dumm, wie die Tories und Murdoch es gern hätten. Die Briten haben langsam begriffen, dass alle Zeitungen hier parteiisch sind. Die Murdoch-Blätter waren schon immer als Tory-Titel bekannt, ebenso die größte nationale Tageszeitung Daily Telegraph und die Daily Mail. Der Guardian galt immer als Labour, hat sich letzte Woche aber für die Liberal-Demokraten ausgesprochen. Auf das richtige Pferd setzen bringt nicht nur journalistisches Prestige, einen guten Freund in No. 10 zu haben kann generell nicht schaden. Was kann man denen also noch glauben? Ist Live-Fernsehen nicht ehrlicher, auch wenn die 76 Regeln, nach denen die Debatten ausgefochten wurden (Applaus und Zwischenrufe vom Studiopublikum verboten), komplizierter als Cricket waren. Pubs, die sonst Fußballspiele zeigen, haben die Debatten live mit großer Popularität übertragen, und Dinner-Parties wurden zu Fernseh-Parties.

Wo bleiben in dieser Situation die Zeitungen? Im Abseits. Auch wenn die Wahl erst am Donnerstag ansteht, wird jetzt schon diskutiert, wie diese historische Wahl das prähistorische Printmedium beeinflusst. Insider meinen, dass die Zeitungen weniger parteiisch werden und in Zukunft die Wahlen mehr wie Fußballspiele behandeln. Beliebt beim Volke, mit vielen Teams, aber wer am Ende gewinnt, liegt im Allgemeinen der Redaktion wenig am Herzen. Es sei denn, es handelt sich um eine Lokalgazette und den dortigen Turnverein. Oder die Scottish National Party.

Kritiker der neuen Medienordnung können Sportanalogien schon jetzt nicht mehr hören. Es scheint sich alles in ein Pferderennen zu verwandeln, zumindest im Sprachgebrauch. Vorher war’s Fußball. Damit wird Politik genau wie im Fernsehen nur noch zur Show, statt sich mit der Substanz und den Ideologien genauer zu befassen, wie es im Print Tradition ist (oder sein sollte). Zahlreiche Fernsehprogramme in den letzten Tagen – allen voran auf Channel 4 – nahmen diese Rolle des tiefgründigen Journalismus nur zu gern an und versuchten rauszufinden, was Politiker dem Volk verheimlichen.

Damit bleibt den Zeitungen langsam nur noch die Gosse. Und/oder Gordon Brown. Haben Sie von Bigot-Gate gehört? Unser Noch-PM bezeichnete eine lebenslange Labour-Wählerin als Ausländerfeindin, hinter ihrem Rücken in seinem Auto. Allerdings war da noch ein Mikrophon an. Er suchte um Schadensbegrenzung, die allerdings im Falle Brown etwa so sinnvoll war wie auf dem Titanic-Deck mit einem Lappen aufzuwischen, und besuchte sie zuhause für eine "private Entschuldigung und Diskussion". Diese "private" Konversation wurde prompt von der Tabloid-Presse aufgegriffen, und die Pensionärin Gillian Duffy konnte mir ihrer Sensationsstory £250.000 machen.

Tonband und Mirkophon, die Brown zum Verhängnis wurden, gehören offenbar Sky News. Und das gehört Murdoch. Auch wenn das parteiische Printmedium sich in dieser Wahl dem Fernsehen als wahren Meinungsmacher beugen musste und seine Parteibücher erstmal einmotten kann, ist die Glotze alles andere als farbenblind.

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