Stürzt Rüttgers über Blog-Enthüllungen?

Aus eigener Kraft wäre sie wohl nie soweit gekommen: Sechs Tage vor der NRW-Wahl kann die SPD-Kandidatin Hannelore Kraft dem CDU-Amtsträger die Macht entreißen. Einen Anteil an ihrer Aufholjagd tragen ein oder mehrere Informanten, die seit Monaten Blogs und den Spiegel mit Indiskretionen über Rüttgers versorgen. Am Sonntag könnte erstmals ein deutscher Politiker durch kräftige Blog-Unterstützung abgewählt werden: Ein Sieg für die Blogger und eine Niederlage für die Regionalpresse von WAZ, Express und RP.

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In seinem Blog analysiert der ehemalige Bild am Sonntag-Chefredakteur Michael Spreng die Situation, mit der Jürgen Rüttgers so kurz vor der Wahl kämpfen muss: "Die Gegner, die ihn möglicherweise aufs politische Altenteil schicken, sind die Feinde im eigenen Haus. Auf der einen Seite die Berliner schwarz-gelbe Koalition unter der (Nicht-) Führung von Angela Merkel, auf der anderen Seite der geheimnisvolle Mister X, der seit Monaten nordrhein-westfälische Blogs und den Spiegel mit Skandal-Interna aus der CDU füttert." Weiter schreibt der ehemalige Wahlkampf-Manager von Edmund Stoiber: "Dieser Mister X (dahinter stecken ehemalige CDU-Mitarbeiter, die Rüttgers nur zu gut kennt) ist ein medienerfahrener Mann, der weiß, mit welchem Timing die Enthüllungen ihre schädlichste Kraft entfalten."

Diese Spreng-Analyse können die entscheidenden Blogger im NRW-Wahlkampf nur zustimmen. Gegenüber MEEDIA bestätigte Alfons Pieper, der Kopf hinter dem Blog Wir-in-NRW, dass nicht "nur ein ‚Mister X’" existiere. "Es gibt mehrere Informanten aus dem ‚Inner Circle‘ um Rüttgers." Sein Blogger-Kollege, der Ruhrbarone-Gründer David Schraven, gibt ihm recht. "Diese Menschen aus dem Innersten der CDU sind es, die heute die Informationen unter größter persönlicher Gefahr nach außen tragen", zitiert Spiegel Online den Journalisten, der mittlerweile als Recherche-Spezialist von der WAZ eingekauft wurde. Schraven glaubt, dass die Informanten Leute sind, die von Rüttgers und seinem Machtapparat "jahrelang unterdrückt" und "gemobbt" und "am Ende gefeuert" wurden.
Seit Monaten sabotieren diese Deepthroats den CDU-Wahlkampf. Aktueller Höhepukt ist die Spiegel-Enthüllung über eine vermeintliche CDU-Finanzaffäre, die taktisch geschickt – direkt eine Woche vor der Wahl – platziert wurde. Im vergangen Wahlkampf 2005 soll die christliche Union den Aufbau einer vermeintlich unabhängigen Wählerinitiative organisiert und finanziert haben.
Geschickt wurde so das prägende Thema für die letzte Woche vor der Abstimmung gesteuert. Nach demselben Muster begann bereits die heiße Phase des Wahlkampfes im vergangen Dezember. Damals erschütterte der "Rent a Rüttgers"-Skandal die CDU-Parteizentrale in Düsseldorf.
Nach dem großen Erfolg der durchgesteckte Interna haben der oder die Informanten wohl Spaß an der Sache bekommen. Seitdem versorgen sie hauptsächlich die Blogs Ruhrbarone und Piepers Wir in NRW regelmäßig mit kleinen oder größeren Bosheiten, Peinlichkeiten und anderem belastenden Material über den Landesvater Jürgen Rüttgers.
Sowohl hinter den Ruhrbaronen als auch hinter Wir in NRW stehen zum Teil gestandene Journalisten, die genau wissen, wie das Spiel mit wohl getimten Enthüllungen funktioniert.
Alfons Pieper ist ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der WAZ. Der erfahrene Schreiber und Rechercheur nutzt seinen Ruhestand für das Blog-Projekt. Zusammen mit einigen Mitstreitern bestückt er das Webjournal. Außer Pieper treten alle anderen Autoren unter Pseudonym auf, weil sie neben ihrer anonymen Blog-Identität für andere Verlage als Journalisten arbeiten und sich ihr Web-Engagement kaum mit den vertraglichen Verpflichtungen vereinbaren ließen.
Pieper kann so auf ein Team erfahrener Reporter und Redakteure zurückgreifen. "Wir sind alle schon weit über 20 Jahre in diesem Geschäft. Ich arbeite schon seit über 35 Jahre als Journalist", erklärt er gegenüber MEEDIA. Seine Arbeit und die seiner Mitstreiter stößt ein reges Leserinteresse. "Wir hatten schon 30.000 bis 40.000 Zugriffe in der Stunde. Wir hätten nie damit gerechnet, dass das Blog solch eine Dimension annimmt."
Dass die Blogger mit ihren Enthüllungen den Urnengang mitentscheiden können, glaubt Pieper nicht. Aber er gibt zu: "Der Wahlkampf hat durch diese Veröffentlichungen eine ganz neue Dynamik bekommen."
Unabhängig von der Frage, ob Schraven, Pieper & Co. die Wahl tatsächlich entscheiden können, ist ihr ungeheurer Erfolg und die Gegenöffentlichkeit, die sie aufbauen konnten eine Ohrfeige für die beherrschende Tagespresse in NRW. Denn weder die WAZ, eine der Kölner-Zeitungen oder die Rheinische Post konnten mit den Enthüllungen auftrumpfen.
"Die Chefredakteure müssen sich schon fragen lassen, ob sie alles richtig machen, wenn wir es mit unserer Berichterstattung innerhalb kürzester Zeit schaffen, tausende von Lesern zu erreichen. Und das ohne Werbung“, formiert Pieper vorsichtig gegenüber MEEDIA. Seinen Vorteil gegen die Mainstream-Medien sieht er darin, dass man "aktueller, spannender, kritischer und offensiver" sei. "Allerdings haben wir es auch einfacher, weil wir komplett unabhängig sind. Wir müssen auf keinen Verlag oder Medienhaus Rücksicht nehmen. Im Grunde betreiben wir, so hat es der Politik-Forscher Alemann ausgedrückt, eine Art Guerilla-Journalismus. Mit unseren Laptops als Waffen."
In Anbetracht der Tatsache, dass Piepers Mitstreiter alle in großen Verlagen arbeiten, hat diese Aussage einen ganz bitteren Beigeschmack. Bedeutet sie doch, dass die Journalisten in ihren eigentlichen Jobs ihren investigativen Neigungen nicht im vollen Umfang nachgehen können. Passend dazu schiebt er nach: "Wir machen das nur, weil es uns Spaß macht."
Besondere Ironie: Pieper und seine Mitstreiter bloggen unter der Web-Adresse Wir-in-nrw-blog.de. Die wesendlich griffigere Adresse WirInNRW.de ist bereits vergeben. Sie gehört der WAZ-Mediengruppe. Die Seite hat jedoch keinen eigene Inhalte mehr, sondern verweist lediglich auf die journalistische Sammelseite des Konzerns DerWesten.de

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