Das Bildblog ist müde geworden

Vor gut einem Jahr erweiterte das Bildblog seine Berichterstattung von Bild auf alle Medien. Aus den "Notizen über eine große deutsche Boulevardzeitung" wurde ein "Watchblog für Medien". Gleichzeitig zog sich der Mitgründer Christoph Schultheis zurück. Anfang 2010 gab der bekannte Medienjournalist Stefan Niggemeier die Leitung des Blogs ab. Seither ist es ruhiger ums Bildblog geworden. Die Besucherzahlen sinken. Das Klein-Klein nimmt zu. Deutschlands bekanntestes Watchblog steht an einem Scheideweg.

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Das Bildblog, 2004 von Niggemeier und Schultheis gegründet, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das Blog wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Grimme Online Award. Es galt lange Zeit als das meistbesuchte und meistverlinkte deutsche Weblog. Stars wie Anke Engelke und Christoph Maria Herbst stellten sich unentgeltlich für einen Bildblog-Werbespot‚>Bildblog-Lesung in Berlin. Kein Zweifel, das Bildblog sorgte für reichlich Wirbel. Es war der Liebling der so genannten "Gegenöffentlichkeit". Das Vorzeige-Blog für alle Zweifler und Nichtwissenden, die mit der wunderbaren Welt des Web2.0 aus Skepsis oder Unkenntnis nichts oder wenig anzufangen wussten. Wenn man jemandem Blogs erklären wollte, war das Bildblog ein dankbares Beispiel. Es ist professionell gemacht, die Texte waren meisten gut bis bissig, die Bild-Zeitung kennt eh jeder und Sinn und Zweck des Bildblog waren somit schnell und einleuchtend erklärt.

Die Redaktion um das Tandem Niggemeier und Schultheis wühlte unermüdlich und deckte immer wieder Ungeheuerlichkeiten auf. Schlampereien und Schleichwerbung. Hetze und Häme. Das Bildblog verpflichtete mal prominente Gastautoren wie den Medienanwalt Christian Schertz. Mal rief es die Leser dazu auf, Fotos von Bild-Chef Kai Diekmann zu machen – eine Reaktion auf die Leser-Reporter der Bild. Dann durften die Leser Gratispostkarten als PR-Gag fürs Bildblog gestalten. Die Resonanz war jedesmal riesig, das Kreativpotenzial der Community schien unerschöpflich. Das Bildblog hat viel erreicht, das Verständnis für Sorgfalt und Interessensvermischung innerhalb wie außerhalb des Medienbetriebs geschärft und dabei auch noch glänzend unterhalten.

Auch auf Bild selbst blieb das Blog nicht ohne Wirkung. Die Zeitung führte 2006 eine Korrekturspalte ein und berief später einen Leserbeirat. Zeitweise wurden auch die Redaktionskonferenzen der Bild live im Internet übertragen. Maßnahmen, die zwar auch eine gewisse kosmetische Natur hatten, die es ohne das Bildblog wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Doch wie das so ist mit Projekten, die auf dem Engagement von ein oder zwei Individualisten fußen: Mit der Zeit wenden sich die Macher etwas Neuem zu und dem Projekt geht die Luft aus. Genau dies geschieht mittlerweile mit dem Bildblog.

Der subjektive Eindruck lässt sich mit Zahlen belegen. Besuchten laut Googles Research-Tool Ad Planner im Februar 2009 noch 150.000 Leute aus Deutschland das Blog, waren es im Februar 2010 nur noch 85.000 Unique Visitors – ein Minus von 43%. Das Bildblog gehört damit auch nicht mehr zu den zehn meistgelesenen Blogs des Landes. Ähnlich die Situation in den deutschen Blogcharts. Die Liste, für die Verlinkungen in anderen Blogs das relevante Kriterium sind, vergleichbar mit den Zitaterankings der Printbranche, wurde vom Start Anfang 2006 bis Ende 2007 ununterbrochen vom Bildblog angeführt, bis 2009 blieb es zumindest immer unter den ersten fünf. Im Laufe des weiteren Jahres 2009 rutschte es sogar erstmals aus der Top Ten, derzeit belegt es Rang 11.

An manchen Tagen sind die täglichen Lese- und Linktipps "6 vor 9" die einzigen Beiträge im Blog. Die Artikel selbst drehen sich oft nur noch um wirkliches Klein-Klein. Da werden Gerüchte um eine angebliche Affäre von Barack Obama angeprangert oder die Hamburger Morgenpost wird gegeißelt, weil sie sich mit einer zweiten Meldung um die Korrektur einer Klinsmann-Falschmeldung zu drücken versucht. Immer öfter denkt man beim Lesen solcher Beiträge: na und? Beim Bildblog dominieren mittlerweile kleine Nichtigkeiten. Das "große Schlimme", das in den Anfangstagen stets auch im Visier der Macher war, rückt in den Hintergrund.

Woran liegt das? Sind die Medien ein bisschen besser geworden oder die Wächter vom Bildblog müde? Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem.

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