Heidi Klum, die Domina der Kleiderständer

Nur wenige Frauen sehen aus wie Models. Glücklicherweise. Denn Models per se sind weder durchgängig schön, noch weisen viele jenen Ernährungszustand auf, den Allgemeinmediziner als akzeptabel bezeichnen würden. Oberflächliche Betrachtungen ließen bei langjährigen Exemplaren Vermutungen über massive Vitamin- und Reifemängel zu. Mit "Germany's Next Top Model" verfolgt ProSieben Träume junger Frauen beim Laufenlernen. Frontfrau Heidi Klum ist Garantin für Erfolg wie Anlass für Kritik.

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Im Grunde genommen sind Models mobile Kleiderständer, die auf beleuchteten Bretterbühnen hin- und herlaufen: Nicht alle sehen aus, wie Frauen aussehen. Und keine von ihnen läuft, wie Frauen laufen. Nun liegt es im Wesen von Kleiderständern, dass das Kleid das Eigentliche ist – nicht der Ständer. "Germanys Next Top Model" folgt dem ambitionierten Ziel, einer Kandidatin aus der zunächst amorphen Masse junger Frauen durch penible und hartnäckige Selektion dabei zu helfen, ihren Traum zu verwirklichen: Den Traum, Deutschlands jährlich herausragendster Kleiderständer zu werden.
In Zeiten, in welchen – ungerechterweise – Models von ignoranten Yellow-Press-Killern schnell mal als exzentrische Kunstwesen missverstanden werden, die "overworked and underfucked" an sich selbst vorbei gelebt werden, scheint der konzeptuelle Ansatz von Heidis "Germanys Next Top Model" nicht nur ethisch einwandfrei, sondern geradezu friedensnobelpreisverdächtig. Als Preise winken der Siegerin das Titelbild einer anerkannten Fachzeitschrift für Kleiderständer, ein Werbevertrag mit einer Firma für Kleiderständerbehangprodukte und der Transfer von muffigen Vorstadtschulbänken im Spessart oder Zahnarztpraxis-Rezeptionen in der Eifel in die ganz große Welt verbogener Äußerlichkeiten. Allein: Vor das große Ziel, die eigene Seele auf hohem Niveau öffentlich verhungern lassen zu dürfen, hat der Herrgott seine Kollegin Heidi Klum gesetzt.
Die Selektion der Besten fordert – wie sollte es anders sein – eine harte Auslese: Innerhalb einer Staffel müssen die Bewerberinnen mehrmals in alltagsuntauglicher Bekleidung unter strenger Beobachtung hin- und herlaufen, und nur die Besten der hergelaufenen Mädels dürfen im nächsten Step der Staffel wieder auflaufen.
Die juvenile Gruppe unterschiedlicher, durchaus sympathischer Einzelschicksale wird an verschiedene Stellen der Welt gekarrt: In New York und Los Angeles nutzen farblose Photographen ihre von Heidi geliehene Autorität und schießen mit Kameras auf die Kandidatinnen, um deren "Personality" herauszubilden. Dieser phantastische Nachreifungsimpuls soll so vorhandene, pädagogische Defizite der ursprünglich Erziehungsverantwortlichen – modelkonform – korrigieren.
Zwischendrin gibt es Bewerbungs-Walks für Kunden: Die Models in spe konkurrieren um reale Aufträge vor Marketing-Verantwortlichen von Unternehmen. Denn jene suchen "Gesichter" für Kampagnen, und dabei ist ihnen deutlich anzumerken, wie gut es ihnen tut, selbst einmal ins Fernsehen zu kommen. So ist jedem geholfen, und irgendwie ist alles fürchterlich wichtig.
Göttin Heidi als Model-Bohlen des Laufstegs ist die Identifikationsfigur des (noch) erfolgreichen Formates: Die mehrheitlich blonde, deutsche Frau mit dem legendären Schweizer Kinderbuch-Vornamen installierte seit Beginn der Casting-Show einen engeren Führungskreis, der in der Jury mit ihr den Entwicklungsauftrag junger Menschinnen zum Erfolg führen sollte. Schon Heidi im Kinderbuch wusste: Ohne Alm-Öhi und Geissenpeter wird’s dünn mit Dramaturgie und Auflage. Vergangene Jury Assistenten Heidis prägten GNTM seit 2006 und wurden immer wieder mit dem scheinbaren Sachargument nötigen Wechsels von der Domina entsorgt.
Heidi, Chefin mit Tendenz zu kalten Augen und amerikanischer, oberflächlicher Fröhlichkeit, nutzte Berichten zufolge hierfür nie den direkten, offenen  Kontakt, sondern bevorzugte Mail, Pressemitteilungen oder Umwege. Die – in doppeltem Sinne – Betroffenen reagierten enttäuscht über Heidis Führungsstil und zeichneten ein Bild, welches Klum als kühle, machtbezogene Erfolgsmaschine präsentierte: Bruce Darnell, der Ex-GI mit Top-Nahkampfausbildung als liebenswert weibliche, affektierte Kultfigur, ist inzwischen Jury-Mitglied bei Bohlens Super-Talent. Darnell erfand fürs Fernsehen die Tränen neu. Nicht wenige befürchteten selbst bei dem Begrüßungs-Händedruck des Regisseurs, dass Bruce im Angesicht der überflutenden Nähe alle Schleusen öffnen würde.
Der Darnell Nachfolger "Rolfe" Scheider verlieh der eigenen Ängstlichkeit und Unsicherheit medial eine zunächst affektierte, dann jedoch derart sympathisch schrille Qualität, dass Zuschauer ihn über den Umweg fassungsloser Mitleidsimpulse letztlich in ihr Herz schlossen. "Rolfe" blieb auch im Gedächtnis, weil er "Model" immer deutsch und in Betonung auf der zweiten Silbe ("Mo…dell") aussprach und so unfreiwillig den Kern von GNTM karikierte.
Peyman Amin, seit Beginn als "Bad Guy" in der Jury von GNTM, war im richtigen Leben Ex-Agent und Unterstützer von Heidi. Er goss seine Enttäuschung über Heidis Führungsstil in ein Buch. Der Blick hinter die Fassade des Teams hatte soliden Ernüchterungsfaktor. Heidi dementierte, und dennoch blieb ein Eindruck: Macht frisst Hirn – soweit vorhanden. Und Heidi frisst Persönlichkeit. Das mag vielleicht schlau sein. Klug ist es nicht: Gute Führungskräfte fördern die Mitglieder von Leitungsteams und deren Erfolg. Zumindest deshalb, weil Qualität wächst und es dem Ganzen dient.
Heidi warf man vor, sie habe Sorge um Konkurrenz.  Diese Sorge jedoch wird stets geboren aus Unsicherheit und Zweifeln an eigener Stärke. Heidis aktuelle Alm-Öhis heißen Kristian Schuller und Qualid Ladraa ("Q"). Sie traten in der laufenden Staffel das Erbe jener an, die mit ihrer Neigung zu Widerspruch und unangemessen persönlichem Profil Heidi zu stark geraten sein sollen. Beide sind in der Sache anerkannte Fachleute: Alm-Öhi Schuller als Photograph und Geissenpeter Q Ladraa als  Marketing-Profi, Hollywood Insider, Freund von Paris Hilton, Britney Spears und vielen anderen.
In Ihren Jury-Rollen bei GNTM jedoch sind sie mit dem Titel "Abziehbild" nicht nur wohlwollend, sondern unangemessen euphorisch beschrieben: Schuller, der Mann mit Schiebermütze, Seidentuch und einer Stimme, die nach einem hartnäckigen Bohrmaschinen-Getriebeschaden klingt, wirkt wie ein Broker auf einer englischen Pferderennbahn der 30er Jahre, dem man mit dem Diebstahl der Zigarre sein Profil entwendet hat.
Die Ausstrahlung von "Q" gleicht der einer Praktikantin im Liegenschaftsamt einer rheinischen Kleinstadt, deren Fähigkeiten zu persönlicher Durchsetzung bereits mit dem Erwerb eines Graubrotes an ihre Grenzen zu gelangen scheinen. Suchte man eine Jury nach Kriterien maximaler Farblosigkeit und minimaler Kontur, man hätte auf der Suche nach dieser Symbiose des Elends selbst bei intensiven Bemühungen Schwierigkeiten, die diesbezügliche Trefferquote der aktuellen GNTM-Jury zu reproduzieren. Medial  ist das nicht einmal mehr bitter und viel zu dünn für lebendige Identifikation. Geradezu erwartungsgemäß hat die Chefin auch hier den Stecker gezogen: "Q" wird bei der nächsten Staffel laut Bild.de nicht mehr dabei sein. Begründung? Fehlanzeige.
Drehbuch, oder nicht: Die netten Mädels auf der Suche nach Erfüllung ihres Traumes hätten Besseres verdient: Liebevolleres, Härteres, Interessierteres, Beziehungsvolleres. Herrschaft und Führung sind nicht dasselbe. Der Preis falsch gelebter Macht hat Kosten fürs Format. Heidi, Heidi: Deine Welt sind die Zwerge.
Quotentechnisch ist GNTM immer noch stark, auch gegen große Fußball-Konkurrenz. Aber: Selbst aktuell 18,7 % bedeuten im Vergleich zu ca. 24 % in 2009 einen herben Verlust. Warum?
Ein Teil der Wahrheit: Heidi altert, und mit ihr altert der Kleiderständer-Contest. Vielleicht nicht schnell, aber unaufhaltsam. Will man dem entgegenwirken, braucht es Antworten, die über maskenhaftes Lächeln, monarchisches Herrschaftsgebaren und getriebene Fröhlichkeit hinausgehen. Als unsere Welt noch einfach war und übersichtlich, sollten Frauen nach Blumen riechen und Männer nach Benzin. Heidi Klum riecht nach Uran. Für Ihren Walk auf der Rasierklinge zwischen Herrschaft einerseits und Führung auf der anderen Seite allerdings gilt: Heidi klumpt.
Und hier, Heidi, habe ich leider kein Photo für Dich.

www.lesko.ch

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