Großartig! Schlimm! SZ-Magazin übers Web

Unzählige eingestellte Magazine, wie zum Beispiel das großartige Gruner + Jahr-Projekt Konrad, haben längst bewiesen: Es ist unmöglich, auf Papier wirklich befriedigend über das Internet zu schreiben. Diese Erfahrung muss nun auch das SZ-Magazin machen. Unter der Frage "Gut oder böse?" hat Chefredakteur Dominik Wichmann das Blatt zweigeteilt und lässt die Schüler des 32. Lehrgangs der Henri-Nannen-Journalistenschule in 13 Kapiteln über Pro und Contra Internet schreiben und "debattieren".

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Unzählige eingestellte Magazine, wie zum Beispiel das großartige Gruner + Jahr-Projekt Konrad, haben längst bewiesen: Es ist unmöglich, auf Papier wirklich befriedigend über das Internet zu schreiben. Diese Erfahrung muss nun auch das SZ-Magazin machen. Unter der Frage "Gut oder böse?" hat Chefredakteur Dominik Wichmann das Blatt zweigeteilt und lässt die Schüler des 32. Lehrgangs der Henri-Nannen-Journalistenschule in 13 Kapiteln über Pro und Contra Internet schreiben und "debattieren".
Die Antwort, die das Heft gibt, lässt sich knapp zusammenfassen: die einen sagen so, die anderen so. Ein wenig mehr Haltung und Position hätte dem Magazin gut getan. Vor allem vor dem Hintergrund, dass das Web-Heft eine direkte Antwort auf einen modernen Klassiker der SZ-Magazin-Historie ist.

Die Doppelseite zum Thema: Wahrheit und Lüge
Denn genau vor einem Jahr produzierte Wichmann ein Heft, das sich ganz der Frage widmete, "wofür wir noch Zeitungen brauchen". Letztendlich war die gesamte Ausgabe ein einziges bekehrendes Pro-Print-Plädoyer. Doch genau dieser Effekt funktioniert nun nicht mehr, weil der Inhalt im anderen und damit falschen Medium zu überzeugen versucht. Auf bedrucktem Papier wirken Storys aus einer digitalen Bits/Byts-Welt immer seltsam amputiert: Eine Story über das Erotikportal YouPorn kann noch so gut sein – und sie ist sauber recherchiert und gut geschrieben –, doch ohne die Option, direkt auf die Site zu verlinken und dem Leser so die Möglichkeit zu bieten, sich selbst ein Bild zu machen, fehlt dem Artikel einfach eine wichtige Komponente.

Die Doppelseite zum Thema: Befreien und
Unterdrücken

Zudem kommen viele Geschichten dem interessierten Surfer bekannt vor. Schon viel zu oft war die Story zu lesen, dass sich jeder eine Anleitung zum Bombenbau im Netz besorgen kann. Dasselbe gilt für einen Bericht zum Thema freie oder beleidigende Meinungsäußerungen in Online-Foren. Längst hatte selbst das kleinste Regionalblatt einen Text über Cyberchondrie. Über Menschen also, die, sobald sie sich kränklich fühlen, immer alle Symptome googlen und dann davon überzeugt sind, schwerkrank zu sein. Beispiel: Sie haben Fieber und Rückenschmerzen, also haben Sie Lungenkrebs.
Allerdings bringt das Heft auch berührende Geschichten, wie das Stück über Amy. Sie "wurde als Kind von ihrem Onkel missbraucht und dabei fotografiert. Zwölf Jahre später geht sie in die Offensive und verklagt jeden, der sich die Fotos im Netz ansieht – mit Erfolg." Jetzt.de-Chef Dirk von Gehlen beschäftigt sich sehr lesenswert mit der Fragwürdigkeit des Begriffs "geistiges Eigentum".

Der Fischmarkt-Fight
Ein echtes Highlight ist der Versuch zweier Schülerinnen auszuprobieren, wie einfach es ist, im Web ein Video berühmt zu machen. Sie drehten einen Clip über zwei pöbelnde Fischhändler, stellten es bei YouTube ein und beobachteten, wie der "Fischmarkt Fight" zum "inzwischen bekanntesten YouTube-Video über den Hamburger Fischmarkt" wurde. Aber auch hier wieder: Wie gerne möchte man beim Lesern auf den Play-Button klicken und den Firm sehen. Geht aber auf Papier nicht.
Die Henri-Nannen-Schüler hätten offenbar noch mehr gute Themen gehabt. In einem kleinen Making-Off erklären sie: "Vielleicht war es der Reiz des Verbotenen, der dazu führte, dass anfangs die Themenliste für Bösartigkeiten im Netz die längere war." So wollten sie zeigen "wie leicht oder schwierig ist es wirklich, die Kundendaten eines Unternehmens zu hacken, alle Profile von jemandem zu löschen, ein Fake in die Welt zu setzen oder tausend Euro von einem fremden Konto abzuheben?" Schade, dass sie es nicht ausprobiert haben. 
Online gibt es diese Woche gleich zwei Webseiten. "Auf sz-magazin.de finden Sie wie gewohnt alle Artikel aus dem Heft", erklärt das Blatt. "Unter sz-magazin.de/wiki allerdings können Sie jeden Text wie bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia ergänzen oder korrigieren. Ob die Beiträge besser oder schlechter werden, entscheiden nicht wir – sondern Sie." Damit wird das SZ-Magazin – fast schon ungewollt – beweisen, welche Kraft das Internet tatsächlich entfalten kann.

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