Nokia: der Niedergang eines Marktführers

"Einmal Nokia - immer Nokia." In den 90ern war dies ein geflügeltes Wort unter Anhängern der Handy-Marke. Nokia Handys galten als vorbildlich in Sachen Bedienung, Verarbeitung und Akkulaufzeit. Doch dann kam das iPhone. Bis heute ist es den Finnen nicht gelungen, ein echtes Konkurrenzprodukt zu entwickeln. Und auf Software-Seite hat sich in rasender Geschwindigkeit Googles Android-Plattform als neuer Quasi-Standard etabliert. Nokias Marktanteile bröckeln. Der Niedergang scheint nicht mehr abwendbar.

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Was Nokia derzeit passiert ist ein Lehrstück wie ein Technologie-Umschwung eine Marktführerschaft bedrohen kann. Eine neue Technik, in diesem Fall der Touchscreen und die Idee mit Handy-Miniprogrammen, den berühmten "Apps", hat den gesamten Mobilmarkt auf den Kopf gestellt. Vorher gab es Handys in erster Linie zum Telefonieren und SMS versenden. Es gab mit Nokias Aufklapp-Handy Communicator oder dem Manager-Spielzeug Blackberry zwar schon ein paar Smartphone-Vorgänger – der echte Boom begann aber erst mit dem iPhone. Seitdem wurden die Karten auf dem Highend-Markt für Handys neu gemischt.

Google entwickelte das offene Handy-Betriebssystem Android, das sich sehr schnell ebenfalls zu einer Erfolgsstory entwickelt hat, und bisher unbekannte Firmen wie HTC nach oben brachte. Mittlerweile deutet sich an, dass der Markt der lukrativen, weil teuren Smartphones unter drei Spielern aufgeteilt wird: Apple mit dem iPhone, Android-Handys und Blackberrys. Für Nokia (und auch für den glücklosen Fünften im Bunde: Palm) ist da schlicht kein Platz mehr.

Zwar wirtschaftet Nokia nach wie vor gut. Das Unternehmen schaffte im ersten Quartal 2010 eine Gewinnsteigerung von 122 auf 349 Mio. Euro, auch der Umsatz legte zu. Die Börse aber strafte Nokia gnadenlos ab. Der Aktienkurs fiel nach Bekanntgabe der jüngsten Zahlen um 13 Prozent. Die Börse bewertet eben das Zukunftsgeschäft und nicht die Gegenwart. Und die Zukunft für Nokia sieht düster aus. Der weltweite Handy-Marktanteil Nokias fiel von 41 Prozent im ersten Quartal 2008 auf 34,5 Prozent im dritten Quartal 2009. Im Segment mit Touchscreen-Handys hinkt Nokia Apple trotz einer Aufholjagd immer noch hinterher.

Aktuelle Nokia Smartphones mit Touchscreen, wie das N97 oder das N900 ernteten schlechte Kritiken in der Fachpresse, vor allem wegen Mängeln in der Bedienbarkeit, Nokias einstiger Paradedisziplin. Auch die Versuche mit dem Ovi Store Apples App Store und Androids Marketplace Konkurrenz zu machen, kommt nicht recht vorwärts. Mit dem neuen Modell N8 will Nokia nun erneut einen Versuch starten, zu Apple und Google aufzuschließen. Das N8 soll im dritten Quartal 2010 erhältlich sein. Nur: Dann ist Apple mit der nächsten Generation seines iPhones, die mutmaßlich im Sommer angekündigt wird, womöglich schon wieder einen Schritt voraus.

Die zunehmend verzweifelten Versuche Nokias, Symbian und Ovi als dritte Kraft im Smartphone-Sektor zu etablieren, eigen wie schwer es ist, einmal verpasste Trends umzukehren. Dabei haben die Finnen weiß Gott viel versucht. Nokia Handys wurden mit Musik vorausgestattet ("Comes with Music"), die Ovi Navigationssoftware wurde in einer Reaktion auf Google Maps kostenlos angeboten. Künftig soll es sogar einen kostenlosen Streaming-Dienst für Filme im Ovi Store geben. Alles vergebliche Mühe, weil das Geräteangebot nicht stimmt.

Apple bedient mit dem iPhone die Zielgruppe, die ein modernes, gut bedienbares und schickes Internet-Handy will. Die Android-Telefone sind eine gute iPhone-Alternative für alle, denen die Apple-Welt zu restriktiv und zu wenig offen ist. Und Blackberrys sind das Modell der Wahl für alle, die eine echte Tastatur wollen und viele E-Mails schreiben und empfangen, vor allem Geschäftsleute. Für Nokia bleibt die Marktführerschaft unter den billigen Schulhof-Handys. Und damit wird auf lange Sicht keine Weltmarktführerschaft zu halten sein.

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