Die Fernseh-Hölle von Big Brother

RTL 2 hat die aktuelle Staffel von Big Brother bis zum 9. August verlängert. Grund sind die guten Quoten des zehnten Aufgusses des Menschen-Zoos. Der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen liegt bei bis zu elf Prozent. Ein sehr guter Wert für RTL 2. Die Sendung selbst hat sich von einem TV-Tabubruch zu einem Pseudo-Dauer-Porno gewandelt. Es dominieren Dusch-Szenen und verstörende Psycho-Experimente. "Big Brother" ist längst so etwas wie die Antithese zu gutem Fernsehen geworden.

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Die eigentümliche Karriere des TV-Formats "Big Brother" begann in Deutschland im Jahr 2000. Damals hatte die Idee, eine Reihe von Kandidaten eine gewisse Zeit in einen Wohn-Container einzusperren und mit Kameras beobachten zu lassen, noch echtes Skandal-Potenzial. Die Sendung wurde als Tabubruch wahrgenommen. Es gab zahlreiche Proteste von Medienaufsichtsbehörden und eine ganze Reihe medienwissenschaftlicher Arbeiten befassten sich mit der als "TV-Experiment" titulierten Sendung. Während es bei der Premiere von "Big Brother" die begleitende Boulevard-Presse bereits in hyperventilierende Erregungszustände versetzte wenn Kandidatin Sabrina einen Brustansatz zeigte, ist das großflächige Zurschaustellen von Frauenbrüsten, Piercings und Tätowierungen mittlerweile zum Markenzeichen der Reihe geworden.

Nachdem das bloße Einsperren und Beobachten auf Dauer zu langweilig wurde, versuchten die Produzenten von Endemol, die Aufreger- und Tabubruch-Schraube weiter anzuziehen. Man versuchte in späteren Staffeln mit Themen-Ideen wie "The Battle" oder "Survivor" die Kandidaten gegeneinander aufzuhetzen und Konflikte gezielt zu provozieren, anstatt nur darauf zu warten, dass Irgendwann Irgendetwas passierte.  Seit der neunten Staffel wird zudem in reichlich unverblümter Form stark auf Sex als Schlüsselreiz gesetzt. So wurde bereits für die neunten Staffel eine ehemalige Porno-Darstellerin ins Haus geschickt, die sich des öfteren nackt beim Duschen zeigt.

In der nun laufenden zehnten Staffel treiben die Produzenten das Sex-Thema und die Psycho-Konflikte auf eine neue Spitze. Diesmal sind gleich drei Erotik-Darsteller im Haus vertreten. Das gesamte Setting der Staffel erinnert an ein einziges, grausames Psycho-Experiment. So gab es in der ersten Hälfte der Staffel ein verdrecktes "Secret House" und ein Luxus-Haus. Die Bewohner des Luxus-Hauses konnten die Bewohner des ärmlichen Hauses beobachten, während diese von der Existenz des "guten" Hauses nichts wussten. Wer aus dem Armen-Haus rausflog, wechselte in das Luxus-Haus.

Ab dem Zeitpunkt, als alle aus dem "Secret House" umgezogen waren, führte die Produktionsfirma einen "Strafbereich" ein – eine Art Bambus-Knast in den Kandidaten geschickt wurden, nachdem sie gegen nicht näher definierte "Regeln" verstoßen hatten. Außerdem wurde eine so genannte "White Box" eingeführt. Ein weißer Würfel, in dem Kandidaten mit Licht- und Toneffekten begleitete Geschicklichkeits- oder Konzentrationsspielchen absolvieren müssen. Versagen sie, müssen sie meistens andere Kandidaten für Strafaufgaben auswählen. Ein Szenario, als habe Dr. Mabuse persönlich die Regie geführt.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, welches Menschenbild so eine Sendung fördert oder welches Menschenbild man haben muss, um sich so etwas überhaupt auszudenken. Es kann kein gutes sein. Für einen Tabubruch taugt "Big Brother" in seiner zehnten Ausprägung jedenfalls nicht mehr. Wer abgestumpft genug ist, sich dieses Format anzusehen, hat sich längst an den unaufhörlichen Strom an Bildern von nackten Brüsten, Tätowierungen, Demütigungen und verkrachten Biografien gewöhnt. "Big Brother" ist eine permanente Reizmaschine, die diverse TV-Sender, wie RTL 2 und Sky, sowie Internet-Portale, wie RTLs Clipfish, und die Boulevardpresse mit billigem Pseudo-Porno-Material versorgt.

Wenn die Zielgruppe das ständige Dusch-Teasing und die sich in Endlos-Schleife wiederholenden Schlagzeilen "Gibt’s bald Sex im Haus?" triebtechnisch nicht mehr aushält, wird sie zu Hardcore-Porno-Portalen wie YouPorn weitergeleitet. Dort wird aus dem Pseudo-Porno der "Big Brother"-Darsteller dann ein echter. Natürlich gegen Bezahlung. Dass es immer eine gewisse Menge an Leuten gibt, die auf Trash und primitive Schlüsselreize anspringen und diese Sendung einschalten, ist die eine Sache. Die Skrupellosigkeit und Konsequenz, mit der dieser Markt der niedersten Instinkte von Fernsehmachern bedient wird, ist allerdings angsteinflößend.  

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