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UK-Wahlkampf: Wie Murdoch Politik macht

In England geht’s rund: Soviel Spaß hatten die Briten nicht mehr seit dem Spesenskandal 2009. Zwei Wochen vor der Parlamentswahl in Großbritannien liegen die Nerven des Establishments frei. Galt bis vor ein paar Wochen ein konservativer Sieg als sicher, hat der liberal-demokratische Kandidat Nick Clegg eine beispiellose Aufholjagd dank neu-eingeführter TV-Debatten der drei Parteiführer hingelegt. Und Rupert Murdochs Times mischt kräftig mit und gibt den Wahlkämpfer für den Konservativen David Cameron.

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Hier geht’s rund – soviel Spaß hatten wir nicht mehr seit dem Spesenskandal letzten Sommer. Zwei Wochen vor der Parlamentswahl in Großbritannien liegen die Nerven des Establishments frei. Galt bis vor ein paar Wochen ein konservativer Sieg als sicher, hat der liberal-demokratische Kandidat Nick Clegg eine beispiellose Aufholjagd dank Neu-eingeführter TV-Debatten der drei Parteiführer hingelegt. Und Rupert Murdochs Times mischt kräftig mit und gibt den Wahlkämpfer für den Konservativen David Cameron.
Das Clegg-Phänomen seit der ersten Debatte vor acht Tagen – von um die 20% der Stimmen zum möglichen Sieger – mischt aber nicht nur die Politik-Szene auf. Medienmacher sehen sich ebenfalls mit einer neuen Realität konfrontiert: Die Macht der Zeitungen schwindet, das TV-Theater beeinflusst Wähler wie nie zuvor, und die wahre Stimmung im Lande kommt in Echtzeit auf Twitter zum Vorschein. Das stört ganz besonders Rupert Murdoch, dessen größte Titel Sun und Times traditionell die Konservativen unterstützen.

Dass diese neue Ordnung bei Murdochs einen wunden Punkt getroffen hat, wurde diese Woche nicht nur klar, der Independent  rieb auch noch fleißig Salz in die Wunde. Die Werbekampagne zum Indy-Relaunch deckt die Verflechtungen von Politik, Geld, Macht und Medien auf – und stellt sich selbst als Bastion für die Wahrheit ohne PR-Gedöns da. Die Slogans "Rupert Murdoch kontrolliert 40% der britischen Medien. Am 6. Mai (der Wahltag, Anm. d. Red) wird er das Gewicht der zwei größten Zeitungen im Lande hinter eine Partei werfen" und "Rupert Murdoch wird die Wahl nicht entscheiden. Sie werden es." (http://www.independent.co.uk/news/media/press/the-independent-truth-matters-1949116.html) führten zum dem bereits beschriebenen Showdown im Büro des Independents zwischen dessen Chefredakteur Simon Kelner und Rupert’s Sohn James Murdoch zusammen mit der Chefin von News International Rebekah Brooks. Auch wenn beide Seiten den Vorfall inzwischen etwas runterspielten – so sei es zwar ein unangekündigter Besuch, aber kein Hausfriedensbruch gewesen, wie in einigen Medien beschrieben – zeigt es blanke Nerven.

Der Independent kann, genau wie der liberal-demokratische Kandidat Clegg, die Wahrheit aussprechen, schließlich haben beide wenig zu verlieren. Der Indy ist eh die kleinste Zeitung und wurde gerade von dem russischen  Investoren Alexander Lebedev für ein britisches Pfund gekauft. Damit sind die ständig kreisenden Pleitegeier erst einmal vertrieben, und ein bisschen Kontroverse belebt das Geschäft. Clegg wurde von den Medien immer artig ignoriert, und wenn er jetzt  auf einmal in den Wahlprognosen abräumt, müssen die Journalisten der Sun & Co. wohl doch mal sein Parteiprogramm aus dem Mülleimer fischen und durchblättern.

Und wie die Medien – allen voran die Murdoch-Medien – die Politik beeinflussen, wird im Rahmen des Clegg-Phänomens stückchenweise aufgedeckt. So beschrieb der ehemalige Sun-Chefredakteur David Yelland diese Woche im Guardian, dass er nie jemanden auch nur zu der Parteikonferenz der Liberal-Demokraten schickte, während fünf Reporter plus ein paar Oberhäuptlinge von den Konferenzen der Konservativen und Labour-Partei  berichteten. Yelland ging soweit zu sagen, dass die "Lib Dems" oft von der Nachrichtenbühne verbannt waren, es sei denn, die Story war außergewöhnlich wichtig. Dass die Presse hier parteiisch ist, wissen wir, und bislang galten die Liberal-Demokraten als zu unwichtig, um sie mit Kolumnen zu umgarnen.

Es sind aber nicht nur die Murdoch-Titel, die auf einen konservativen Sieg gesetzt haben und nun in Panik geraten. Auch die Daily Mail – gern auch als ‚Hate Mail’ bezeichnet – sowie der erzkonservative Daily Telegraph hatten möglicherweise schon ihre Titelseiten mit Cameron als neuem Premierminister fertig. Die beiden einflussreichen Tageszeitungen haben diese Woche so bösartig gegen die Lib Dems gewettert, dass dahinter nicht nur Tory-Spin, sondern reine Panik vermutet wurde. Die Daily Mail brachte die Headline "Clegg in Nazi slur on Britain", die sich auf eine Kolumne von ihm in 2002 bezog (damit können Sie sich vielleicht auch denken, was die Mail sonst gern bringt), und der Telegraph versuchte, Clegg in einen Finanzskandal zu verwickeln.

Das Volk war nicht so dumm, auf diese Schmierenkampagne reinzufallen, und das Twitter-Gewitter lässt vermuten, dass diese fortlaufenden Anschuldigungen wenn überhaupt nur den Tories schaden. Wenn man Clegg für einige Miseren verantwortlich machen kann, warum dann nicht für alle. Unter @nickcleggsfault auf Twitter wird er für den Vulkanausbruch sowie den Tod von Goose in "Top Gun" verantwortlich gemacht, schreibt die Reden für Irans Diktator Ahmadinijad und sollte sich besser für den Mord von Kennedy verantworten.

Die Frage ist nun, wie dreist ist News Corp? Nicht nur Cleggs Erfolg, auch Murdoch’s Loyalität wurde diese Woche viel debattiert. Daher muss man sich fragen, warum seine Times heute unbeirrt mit ihrer konservativen Kampagne weitermacht, am Tag nach der zweiten TV-Debatte, die auf dem ebenfalls Murdoch-eigenen Sky News-Sender live ausgefochten wurde. Die Schlagzeile "Cameron nicks it as debates turn personal" beruft sich auf eine Umfrage der Zeitung zusammen mit Populus, wonach der Tory-Vorsitzende mit 37% einen Prozentpunkt besser als Clegg und 10% besser als Gordon Brown abschnitt. Der unabhängige Guardian hingegen erklärte Clegg zum Gewinner der Debatte. Laut Guardian/ICM-Umfrage bekam er 33% der Stimmen, während seine beiden Kontrahenten jeweils 29% erreichten.

Die Sun war wie die Times auf Camerons Seite und zeigte ihn mit leerem Bierglas offenbar nach der Debatte unter der Headline "Cam’s the man – Tory leader toasts TV debate victory", während Brown des Lügens bezichtigt und Clegg wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Waffenprogramm Trident beschimpft wurde. Die Daily Mail brachte gleich zwei für Cameron positive Artikel, und auch der Telegraph lies sich nicht beirren und beschrieb Camerons Auftritt als sein ‚Comeback’. Lediglich der Independent versuchte es mit einer ausgeglichenen Analyse der gestrigen Debatte.

Ob Familie Murdoch noch weitere Büros stürmt im verzweifelten Versuch, die etablierte Ordnung von Medien und Politik aufrecht zu erhalten, oder ob das Volk die Medienspielchen langsam durchschaut und für einen liberal-demokratischen Überraschungssieg sorgt, dazu mehr in den kommenden Wochen…

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