„Notizblock“: dpa nennt jetzt ihre Quellen

Der Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur (dpa) setzt seine angekündigte Serviceoffensive in die Tat um. Künftig hängen die dpa-Mitarbeiter diverse Kontaktdaten an ihre Meldungen, damit ihre Abnehmer leichter weiter recherchieren können. Was sich banal anhört, ist völlig neu – und leitet einen Kulturwandel in der Branche ein, auf den sich nicht jeder freuen wird, denn: Erstmals können Redakteure von Zeitungen, Onlinediensten und Sendern ohne Umwege mit den Agenturschreibern kommunizieren.

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Von diesem Freitag an hängen Büchners Leute ihren Texten einen ganzen Rattenschwanz an der „dpa-Notizblock“ heißt. Die Theorie dahinter: Die Agentur will im zunehmend harten Wettbewerb mit ddp, DAPD, AFP, Reuters und diversen Spartenagenturen mehr bieten als die bloße Nachricht. Der Marktführer arbeitet vielmehr an einem Rundum-Sorglos-Paket, bei dem der Einblick in die Notizbücher nur der Anfang ist. Büchner lässt derzeit eine völlig neue Kundenplattform namens „dpa News“ entwickeln und will so den Rückkanal einführen ­– jede Meldung, jedes Foto, jede Grafik wird wie in Blogs und vielen Nachrichtenseiten bekannt von den Kunden kommentierbar sein. Ob dröge Einstiege, plumpe Fehler, schiefe Analysen und offene Fragen: Jede Nachlässigkeit soll den dpa-Schreibern sofort auf die Füße fallen, das Angebot damit rasch einen Qualitätsschub erfahren.
Die aktuelle Neuerung setzt Büchner jedoch noch im klassischen Ticker um. MEEDIA sagte er: "Wir wollen zusätzliche Informationen liefern und den Dialog zwischen der dpa und den Redakteuren unsere Kunden vertiefen." Konkret heißt das: Während bisher dpa-Meldungen lediglich mit Kürzeln der Mitarbeiter endeten, stehen dort jetzt stets Klarnamen, sowohl von den Autoren als auch von den redigierenden und die Meldungen herausgebenden Redakteuren. Das macht der Konkurrent Reuters zwar schon seit einiger Zeit, die dpa bietet bei allen Beteiligten jedoch auch gleich Durchwahl und E-Mail-Adresse an – für Anregungen, Nachfragen, Beschwerden. Außen vor seien lediglich freie Mitarbeiter und Korrespondenten in Krisenregionen. Mussten sich Redakteure bei Print, Online und Sendern bisher umständlich bei dpa durchfragen, wer hinter einer Meldung steckte, haben sie jetzt den direkten Zugriff.
Hinzu kommt, dass dpa-Autoren im "dpa-Notizblock" ihre Recherchekontakte an die Kundschaft weiterreichen – es sei denn, Gesprächspartner lehnen das ab. "Mit dem dpa-Notizblock reichern wir Nachrichten mit Zusatzinformationen an und machen unsere Arbeit so transparent", sagte Büchner. "Dadurch unterstützen wir die Redaktionen unserer Kunden bei der weiteren Recherche und liefern ihnen Ansatzpunkte zur Aufbereitung eines Themas speziell für ihre Leser oder Hörer." Dazu sollen auch weitere Links zählen, bisher war es im Regelfall maximal einer. Mit anderen Worten: Ist die dpa also wie häufig nicht direkter Textlieferant sondern bietet Redaktionen eine Anregung für eine eigene Geschichte, finden sie in den Meldungen gleich das erste Rüstzeug. Das dürfte vor allem bei TV-Redakteuren auf gegenliebe stoßen, die ohnehin auf viele Protagonisten zugehen müssen. Auf der Webseite "dpa News", das in diesen Wochen von mehreren Kunden getestet wird und im Sommer starten soll, sollen außerdem in den Texten erwähnte Dokumente angehängt werden.
Entwickelt wurde die Technik "dpa-Notizbuch" von der neuen Einheit dpa-newslab um dessen Leiter Gerd Kamp, das wiederum an die dpa-Infocom angeschlossen ist. Die Einheit versteht sich als "Innovationseinheit der dpa" und arbeitet auch an Verlagslösungen für Apples iPad. Bereits 2009 hatte es den dpa-eigenen URL-Verkürzer dpaq ins Leben gerufen. Wie das "dpa-Notizbuch" technisch funktioniert, erklärt Kamp im Blog seiner Einheit.
Mit Kamps Team dpa-newslab wächst langsam aber sicher eine Konkurrenz zu den APA-LABS der Österreichischen Presseagentur heran, die bisher bei der Entwicklung von Redaktions-Services für Nachrichtenagenturen in Europa federführend und seit Jahrzehnten Partner der dpa ist. Sie bestellt allerdings auch dem dpa-Erzfeind ddp derzeit technisch das Feld, ein neues multimediataugliches Redaktionssystem und die Verteilung des Materials am bisherigen Satellitenkanal Mecom inklusive.

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