SZ Magazin auf der Spur des Nazi-Täters

Dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher John Demjanjuk wird in München der Prozess gemacht, und die Welt ist Zeuge: ein 90-Jähriger, mutmaßlich eines der schrecklichen Rädchen in der Mordmaschine der Nazis und der Beihilfe zur zigtausendfachen Tötung angeklagt. Jetzt berichtet die Süddeutsche Zeitung über einen weiteren Fall, in dem eine deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt: Aufgrund von Recherchen des SZ Magazins ist das Verfahren gegen einen früheren SS-Polizeihauptmann wieder aufgenommen worden.

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Der Mann, um den es geht, ist mittlerweile 95 Jahre alt und lebt unbehelligt in einer Doppelhaushälfte in Hannover. Sein Name: Erich Steidtmann. Die Indizienlage, über die die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf die Magazin-Nachforschungen am Donnerstag berichtet, ist bedrückend, wenn nicht gar erdrückend. Er steht im Verdacht, Anfang der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts als Bewacher des Warschauer Ghettos an Verbrechen beteiligt gewesen zu sein, die tausende Opfer forderten und deren grausige Umstände Lesern der detaillierten Vorgänge heute noch den Atem nehmen.
Steidtmann hat alle früheren Versuche, seine Schuld nachzuweisen, unbeschadet überstanden. Allem Anschein zufolge auch deswegen, weil er Angaben machte, die kaum zu überprüfen waren und möglicherweise nur dazu geeignet waren, sich einem Prozess zu entziehen. Den könnte er jetzt bekommen. Denn das, was die jungen Rechercheure des SZ Magazins, Christoph Cadenbach, 30, und Bastian Obermayer, 32, im Laufe ihrer Nachforschungen zusammengetragen haben, ist höchst beeindruckend und könnte zu einem Justizverfahren führen, wie es angesichts des hohen Lebensalters der Beteiligten, Opfer und Zeugen der Nazi-Zeit kaum noch welche geben dürfte.
Die Journalisten recherchierten auch eine erschreckende Statistik: Die westdeutsche Justiz ermittelte gegen mehr als 172.000 Personen wegen NS-Verbrechen. Nicht einmal 6.600 wurden rechtskräftig verurteilt, und nur 182 davon wegen Mordes. Sechs Millionen ermordete Juden stehen in der Gerichtsbilanz und nur 182 deutsche Mörder gegenüber. Das Volk gegen Erich Steidtmann – möglicherweise das letzte Verfahren seiner Art.
Erich Steidtmann machte bei Nachfragen der Ermittlungsbehörden offenbar mehrfach falsche Angaben in entscheidenden Punkten. Der ehemalige SS-Hauptsturmführer entzog sich damit über Jahrzehnte einem Prozess und war bei der Polizei sowie später als Fahrlehrer tätig. Als die Reporter des SZ Magazins ihn zu den Vorgängen befragen wollten, hatte er nichts zu sagen und beschied den jungen Journalisten: "Davon haben Sie doch keine Ahnung!"
Dass die vergessene Geschichte überhaupt wieder ans Licht kam, liegt an Steidtmann selbst: Der strengte Ende 2007 einen Prozess gegen eine frühere polnische Geliebte an, die eine Autobiographie veröffentlicht hatte, in der sie u.a. darüber berichtete, wie der namentlich nicht genannte SS-Mann sie schwängerte. Der damals fast 93-Jährige klagte "wegen Verletzung meiner Persönlichkeitsrechte, des Verdachts der Beleidigung, übler Nachrede u. Verleumdung durch Verbreitung in Buchform" und argumentierte, er fühle sich in seiner "Ehre als Berufsoffizier" verletzt. Auch dieser Fall ging durch die Presse, u.a. taz und Welt berichteten ausführlich.
Die Rechercheure des SZ Magazin gehen weiter. Nach ihren Erkenntnissen stellt sich eine andere und viel beschämendere Frage: Was bedeutet die Ehre als Berufsoffizier gegenüber dem Verdacht, an 36.500 Morden beteiligt gewesen zu sein? Und am Ende ist dies die vielleicht unbefriedigende, aber authentische Erkenntnis der SZ Magazin-Recherche: Dass derselbe Mann, der wortreich die Mutter seiner Tochter wegen Nichtigkeiten vor Gericht zerren will, in einem Mordverfahren zur eigenen Rolle im Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen Juden und Widerstandskämpfer nur ein Verhaltensmuster kennt: eiskaltes Schweigen. Und damit durchkommt.

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