Sat.1: die Dauer-Baustelle im Fernsehen

Der Sender Sat.1 hat eine große Vergangenheit, war die Keimzelle des Privatfernsehens in Deutschland und hat mit "ran", dem "Glücksrad" oder "Kommissar Rex" legendäre Formate entwickelt. Heute ist der Sender unter dem Einfluss von wechselnden Besitzern, Geschäftsführern und Konzepten zu einer Dauer-Baustelle verkommen. Immer wieder wird versucht, den Sender neu zu positionieren, das verlorene Profil wiederzufinden. Nun läuft unter Andreas Bartl wieder einmal ein Neustart für Sat.1. Eine Bestandsaufnahme.

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Im Rahmen des so genannten Kabelpilotprojekts in Ludwigshafen nahm Sat.1 am 1. Januar 1984 den Sendebetrieb auf, einen Tag vor RTL Plus. Damals noch unter dem sperrigen Namen Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS). Der Name wurde bald zu Sat.1 geändert und der Sender bekam den berühmten bunten Ball in sein Logo gepackt.

Beteiligt an Sat.1 war in erster Linie der Münchner Medienmogul Leo Kirch und diverse Verleger. Lange galt Sat.1 auch als das "Verlegerfernsehen". Die Mächtigen der Print-Branche wollten zum Start des Privatfernsehens in dem neuen Medium mitmischen und vor allem mitverdienen. Genau wie heute im Internet. Und genau wie heute, hat es auch damals nicht so recht geklappt. Dabei war Sat.1 zunächst durchaus eine Erfolgsstory. Es gab viele erfolgreiche Formate. Die Sendung "ran" setzte Maßstäbe bei der Fußballübertragung im TV. Johannes B. Kerner, Reinhold Beckmann und Oliver Welke verdienten sich dort ihre TV-Sporen. Kerner reüssierte bei Sat.1 auch mit einer täglichen Talkshow, es gab Formate wie den Film-Film, die Gameshow "Glücksrad" und immer wieder hochklassig produzierte deutsche Filme und Serien, wie "Kommissar Rex" oder "Der Bulle von Tölz". Die letzte wirkliche durchschlagende Format-Innovation des Senders war vielleicht die Erfindung der Gerichtsshows mit "Richterin Barbara Salesch".

Aber es gab auch Probleme. Die Gesellschafterkonstruktion mit diversen Verlagen und der KirchGruppe sorgte für Reibungspunkte, die sich auch im Programm niederschlugen. Bestes Beispiel ist vielleicht das ambitioniert geplante Nachrichtenmagazin "Newsmaker", das 1999 von der TV-Sparte von Axel Springer ins Programm gedrückt wurde.  Nach katastrophalen Quoten wurde das Magazin erst modifiziert und dann abgesetzt.

Die wirklich schlimme Zeit begann aber erst nach dem Niedergang der KirchGruppe. Von 1995 bis 2000 hatte der Kirch-Vertraute Fred Kogel das Programm von Sat.1 als Geschäftsführer verantwortet und u.a. die "Harald Schmidt Show" zum Image-Aushängeschild des Senders gemacht. Danach kam Martin Hoffmann, der ebenfalls noch für Kontinuität stand. Mit dem Verkauf der Sendergruppe ProSiebenSat.1 an ein Konsortium um den Investor Haim Saban, wurde dann der Schweizer Roger Schawinski installiert. Der machte vor allem viel Wirbel, krempelte den kompletten Sender um sorgte für einige spektakuläre Flops, u.a. "Anke Late Night", der missglückte Versuch den geflohenen Harald Schmidt durch Anke Engelke zu ersetzen, eine grausige Sendung namens "Kämpf um Deine Frau!" oder das hanebüchene "Klatsch TV" mit Désirée Nick.

Einiges, wie die Telenovela "Verliebt in Berlin" funktionierte aber zeitweise auch. Der rastlose Schawinski schaffte es, Sat.1 kurzfristig wieder auf Gewinn zu trimmen. Unter ihm stiegen die Marktanteile des Sender von 10,2 auf 10,9 Prozent. 2006 lieferte er einen Rekordgewinn von 200 Mio. Euro ab. Das war dann schon gegen Ende seiner Laufbahn, als das Strohfeuer wieder verglühte. Die Marktanteile begannen wieder zu sinken und Schawinski zog von dannen. Gutes Timing, muss man heute sagen. Haim Saban schaffte es, die Sendergruppe ProSiebenSat.1 2006 mit gigantischem Gewinn an die Finanzinvestoren Permira und KKR zu verkaufen. Seither haben die das Sat.1-Problem an der Backe.

Der hektisch abgereiste Schawinski wurde durch Sat.1 Unterhaltungschef Matthias Alberti ersetzt. Dem stellte man bald Torsten Rossmann als Co-Geschäftsführer zur Seite. Info-Programme und Nacht-Nachrichten wurden gestrichen, der von Schawinski geholte Nachrichten-Anchorman Thomas Kausch gefeuert. Das war 2007. Im selben Jahr übernahm man die von Doping-Skandalen erschütterte und von den Öffentlich-Rechtlichen abgelegte Tour de France ins Programm und erlebte ein weiteres Quoten- und Image-Desaster. In der Zwischenzeit wurde der erfolgreiche bisherige ProSieben-Chef Andreas Bartl zu einer Art Ober-Boss für die deutschen Free-TV-Sender der Gruppe ernannt. "Es wird mehr Sat.1 denn je geben", verkündete er 2008 in der Süddeutschen Zeitung. Zunächst aber gab es wieder mal einen Riesenhaufen Ärger.

Der Konzern hatte beschlossen, den Sendersitz von Sat.1 von Berlin nach München-Unterföhrung, zu ProSieben und der Holding, zu verlegen. Die Belegschaft protestierte, es kam zum ersten Streik in der Geschichte des deutschen Privatfernsehens. Mit dem kabel-eins-Mann Guido Bolten kam wieder ein neuer Geschäftsführer und wieder gab es eine neue Sat.1-Offensive. Johannes B. Kerner wurde für viel Geld vom ZDF zurückgekauft, Oliver Pocher wurde verpflichtet, "ran" wiederbelebt, die Champions League Rechte geholt. Sat.1 sollte zu altem Glanz zurückfinden. Mit "Kerner" und der "Oliver Pocher Show" erlebte der Sender dann erneut Quoten-Schiffbruch. Bolten wurde in Rekordzeit als Geschäftsführer ersetzt.

Öfter als die Geschäftsführer wurden bei Sat.1 nur die Sender-Claims gewechselt. Von "Volle Stunde, volles Programm" (Kogels missglückter Einstand mit einer völlig verkorksten Programmreform) über "Ja!", "Powered by Emotion", "Sat.1 zeigt’s allen" bis zu "Colour your Life". Nun steht Andreas Bartl selbst am Sat.1-Ruder und verkündete unlängst: "Jetzt haben wir die Reset-Taste gedrückt." Er will unzählige neue Sendungen und Formate starten, vom Leben auf dem Land über Ärzte-Dokusoaps bis hin zum Köche-Casting. Motto: Irgendwas wird schon funktionieren. Unterdessen sinken die Quoten für die mit viel Hoffnung gestarteten neuen Serien "Der letzte Bulle" und "Danni Lowinski" schon wieder. Dass Sat.1 endlich zu sich selbst und zu seinen Zuschauern findet – man wünscht es dem Sender. Aber man mag es kaum noch glauben.

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