Job-Coach Hesse: der Rach für Arbeitslose

Schon wieder eine Doku-Soap: Nach schwer erziehbaren Jugendlichen und verschuldeten Existenzen startet RTL "Endlich wieder Arbeit" mit den Arbeitslosen des Landes. Der Sender schickt ihnen den Bewerbungscoach und Psychologen Jürgen Hesse vorbei, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Getreu dem Motto "Runter vom Sofa, rein in den Job" tritt er den Protagonisten in den Allerwertesten, ohne dabei ruppig zu werden. Das Hartz IV-Format lässt dabei den Fremdschämfaktor vermissen: alle Achtung.

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Jürgen Hesse ist der Christian Rach für Arbeitslose und Arbeitssuchende. Er kommt dann, wenn die Lage fast aussichtslos erscheint und nur noch jemand von außen Abhilfe schaffen kann. Der Diplom-Psychologe, Bewerbungs- und Karrierecoach streift seit Sonntag durch die deutschen Wohnzimmer und will vor allem eins: die träge Schar an Arbeitslosen wieder für die Arbeitssuche motivieren.
So macht der 58-Jährige, der auf den ersten Blick an Schuldnerberater Peter Zwegat erinnert, in der ersten Folge Station in seiner Heimatstadt Berlin, genauer gesagt Berlin-Tempelhof. Dort lebt die fünfköpfige Familie Betzel: Mutter Gisela (56), Vater Theo (54), Sohn Benni (18) und Tochter Cindy (20) inklusive ihres Verlobten Martin (23). Die Sippschaft lebt vom Lohn der Mutter, die in der Nachtverteilung der Post arbeitet. Dieser entspricht gerade mal 1.500 Euro im Monat.
Doch diese Summe könnte locker aufgestockt werden, würde Cindy nach 400 erfolglosen Bewerbungen als Auszubildende zur Tierarzthelferin endlich eine Stelle finden. Martin ist gelernter Tischler, wäre aber gern Konditor oder Bäcker, kriegt es aber nicht gebacken. Vater und Privat-Rocker Theo, gelernter Pferdepfleger mit Berufserfahrung als Handwerker und Reserve-Polizist, sucht zwei Jahre nach seinem Arbeitsunfall eine neue Beschäftigung: Über 100 Bewerbungen hat er bisher geschrieben.  
Mutter Gisela fällt es nur allzu schwer, ihre Meute für Arbeit zu motivieren. Ihr nächtlicher Job bei der Post und ihr Gesundheitszustand zerren an den Nerven. Im Oktober erkrankte die 56-Jährige an einem Herzinfarkt. "Ich traue mich nicht mal zu sterben", sagt sie. Die fehlende Sterbeversicherung und die aussichtslose Situation ihrer Familienmitglieder bereiten ihr Kopfzerbrechen. Und das ist eigentlich der Ursprung, warum Hesse zum Einsatz kommt: Gisela will Sicherheit, auch nach ihrem Tod.
Was zu Beginn so theatralisch in Szene gesetzt wird, Tränen und Schluchzen inklusive, zieht sich die erste Ausgabe von "Endlich wieder Arbeit" konsequent durch. Scheitert Theo an Aufgaben und droht seine Unmotivation wieder durchzukommen, erinnert Hesse ihn an seine kranke Frau. Als Theo schließlich sein Rocker-Outfit inklusive Haare und T-Shirt ablegt, ist das Happy-End in nicht allzu weiter Ferne: Er findet einen Job als Pferdepfleger. Und auch Tochter Cindy wird für ein Praktikum in einer Tierarztpraxis genommen. Einzig Martin bleibt auf der Strecke – aber das ist seine eigene Entscheidung. Schon nach dem ersten Probe-Vorstellungsgespräch mit Hesse gibt der 23-Jährige auf und will sich angeblich alleine um einen Job bemühen.
Es ist das kleine 1×1 des Erfolges, das RTL hier personifiziert durch Jürgen Hesse zeigt. Hesse haut zwar anfangs auf den Tisch, geht aber sensibel und trotzdem konsequent mit den Protagonisten um. Er zeigt ihnen ihre Schwächen und Stärken auf, macht sie zu durchsetzungsfähigen Persönlichkeiten und befähigt sie wieder dazu, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Sein Credo: Wenn man was will, dann schafft man es auch.
"Endlich wieder Arbeit" ist kein typisches Hartz IV-TV, wie wir es von anderen Fremdschäm-Formaten á la "Britt – der Talk um eins" kennen. Die Sendung führt niemanden vor, der Ernst der Lage wirkt weder überzogen streng noch lächerlich. Vielmehr ist es eine Doku-Soap, die ein wirklichkeitsnahes Bild von jenen abgibt, die wirklich arbeiten wollen, aber unter dem Mantel des Prekariats nur allzu oft den falschen Stempel aufgedrückt bekommen und sie vor allem eins macht: hoffnungslos.
RTL zeigt zunächst drei Folgen von "Endlich wieder Arbeit",  immer sonntags um 19.05 Uhr.

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