Stefan Aust kriegt seinen „Gegen-Spiegel“

Der Start eines neuen Nachrichtenmagazins ist offenbar nur noch eine Frage der Zeit. Nach Informationen von MEEDIA wird Axel Springer mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Mehrheitsgesellschafter bei dem Zeitschriftenprojekt unter dem Arbeitstitel "Die Woche". Das Heft könnte sonntags erscheinen und würde von einer rund 100 Köpfe starken Mannschaft in Berlin produziert. Der Marktstart könnte noch im zweiten Quartal erfolgen. Investmentvolumen im ersten Jahr: rund 50 Millionen Euro.

Anzeige

Die Nordseeinsel Sylt war am letzten Wochenende Schauplatz eines ungewöhnlichen Treffens. In der "Sansibar" saß eine Runde von Springer-Chefredakteuren, die Vorstandschef Mathias Döpfner eingeladen hatte, und lauschte den Ausführungen von Stefan Aust. Auch wenn der nicht über sein Magazin-Projekt dozierte, schien die Message Döpfners klar: Der frühere Spiegel-Mann ist jetzt einer von uns.
Konzern-Sprecherin Edda Fels hatte die Sympathien des Medienhauses für das Projekt am Freitag bestätigt, jedoch auch betont, dass es noch kein "Go" gebe. Auf MEEDIA-Anfrage am Sonntag untermauerte sie dies und mailte: "Projekt interessant, haben wir uns auch angesehen, aber keine Entscheidung!" Tatsächlich ist das ein für ein börsennotiertes Unternehmen typisches Statement. Nach MEEDIA-Informationen unterstützt der Konzern-Vorstand das Projekt einhellig und ist festen Willens, das Wagnis einzugehen.
Für Vorstandschef Döpfner macht dies auch Sinn. Er hat sich in der Konjukturkrise weit mehr als andere als verlegerisch denkender Medienstratege positioniert, und gerade deshalb wäre für ihn der Start eines ambitionierten Magazins genau das richtige, weil antizyklische Signal an die Branche. Es ist zudem kein Geheimnis, dass Döpfner der Meinung ist, das ein Haus wie Springer mehr Relevanzmedien als die der blauen Zeitungsgruppe gut gebrauchen könnte: Die Welt ist nicht genug. 
Man kann über und gegen Stefan Aust sagen, was man will: Dass es mitten in der Krise zum Launch eines derart aufwändigen Titels kommt, ist allein einer beispiellosen Energieleistung des früheren Spiegel-Chefredakteurs zu verdanken. Für den WAZ-Konzern, der die Entwicklung finanzierte, dürfte sich das Investment gerechnet haben. Die Essener werden mit einem noch nicht quantifizierten Anteil an Bord bleiben und dürften von den weiteren Gesellschaftern für die bisher erbrachten Leistungen entschädigt werden. Mit dem Einstieg von Springer dürfte zudem allen Beteiligten klar sein: kein Geplänkel, dieses Projekt ist ernstgemeint.
Offen ist neben dem offiziellen Einstieg von Springer auch die Frage, wie sich die Gesellschafterstruktur darstellen wird. Neben der WAZ, deren Anteil der Spiegel in seiner neuen Ausgabe auf maximal 25 Prozent beziffert, wird wohl auch Aust Gesellschafter werden. Mindestens ein weiterer Investor ist noch unbekannt. Gerüchten zufolge wird dies kein Print-Verlag sein. Ausgestiegen aus den Verhandlungen sind das Schweizer Medienhaus Ringier, das derzeit mehr als genug mit eigenen Baustellen zu tun hat, sowie Hubert Burda Media. Bei Burda war die Verlockung groß, die Konkurrenz zum Focus selbst verlegerisch und vor allem kaufmännisch zu begleiten. Laut Spiegel überzeugte das Konzept die Konzernspitze allerdings nicht. "Zu 90er Jahre mäßig, nicht wirklich innovativ", sagen andere Quellen. Wiederum andere behaupten, dass Burda selbst Interesse an einer Beteiligung gezeigt habe, sich dann aber nicht dazu nicht durchringen konnte.
Wie auch immer: Alles spricht nun dafür, dass Stefan Aust, 63, schon bald wieder Chefredakteur eines Nachrichtenmagazins sein wird, und die publizistisch Auseinandersetzung mit seinen früheren Kollegen sowie dem Stern und dem Focus dürfte zum Spannendsten gehören, was das Medienjahr 2010 zu bieten hat.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige