Ein Ex-Chefredakteur als Grabredner

Was für eine kunterbunte Medienwoche! Diesmal im Programm: Ein ehemaliger Chefredakteur, der jetzt als Grabredner unterwegs ist, ein Raubtierkapitalist, der sich in der Krise die eigenen Taschen vollstopft, zwei gute Beispiele dafür, dass Zeitungsjournalismus quicklebendig ist und als Bonus das Super-Denglisch-Wort, das uns in den nächsten Wochen noch viel Freude bereiten wird: "touchen". Komponiert haben den allzwecktauglichen Wort-Hybriden die WePad-Jungs von der Berliner Neofonie.

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Das hat Symbolkraft. Der ehemalige Chefredakteur von der Münchner Abendzeitung und der Neuen Westfälischen, Uwe Zimmer, arbeitet mittlerweile als Grabredner. Die Augsburger Allgemeine hat ein lesenswertes, dezentes Porträt über ihn und seine späte Berufung veröffentlicht. Natürlich liegt jetzt der Witz auf der Hand, ob er denn schon an einer Grabrede für die Zeitungsbranche gearbeitet hat. Wenn man den Text über Zimmer liest, darf man vermuten, dass er mit solchen Sprüchen nicht viel anfangen kann. Der ungewöhnliche Werdegang eines Alpha-Journalisten zeigt: Die Fähigkeit mit Worten umzugehen, kann auch außerhalb dieser manchmal hektischen, sich um sich selbst drehenden Branche etwas bewirken.

Ganz abgesehen davon gab es diese Woche auch mal wieder zwei Beispiele, dass der Zeitungsjournalismus noch lange nicht tot ist. Beide stammen aus der FAZ. Da war zum einen der dreiseitige Dossier-Text (macht die FAZ sowas jetzt öfter?) von Marcus Jauer über deutsche Blogger. Toll geschrieben und mit Aufwand recherchiert, war das ein prima Stück Print-Journalismus. Welches Online-Medium hätte sich Zeit und Aufwand gegönnt, einen Journalisten tagelang Blogger besuchen zu lassen, um dann einen Text von gewaltigem Umfang zu schreiben. Geschichten dieser Qualität und Tiefe leisten fast nur Print-Medien. Den meisten Online-Medien fehlt dazu nicht unbedingt der Wille, sondern schlicht das Geld. Und gleich noch ein Lob für die FAZ. Einen Tag nach dem Dossier schrieb der Computerwissenschaftler David Gelernter, der mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher bei Burdas DLD auf einem Podium saß, einen brillanten Feuilleton-Aufmacher über den Wert des physischen Buches. Das war kein rückwärtsgewandtes Holzmedien-Geschreibsel, sondern eine intelligente Hommage an das echte Buch samt Ausblick, welche Potenziale die E-Book-Idee hätte, würde man sie zur Abwechslung mal ernst nehmen.

Und damit es nicht gar zu kuschelig wird, schalten wir nun direkt ins Herz der Finsternis – zur Mecom nach Großbritannien. Zeitungs-Sparfuchs David Montgomery gönnte sich für das vergangene Jahr einen Gehaltszuwachs von 51 Prozent und lässt sich weiterhin in einer Limousine mit Chauffeur auf Firmenkosten herumkutschieren. Und das, obwohl seine sieche Zeitungsgruppe 850 Leute entlassen musste und der Profit um knapp 30 Prozent wegbrach. Bei der Berliner Zeitung und der Hamburger Morgenpost wird man immer noch froh sein, dass man diesen Typen los ist. "Monty" teilt mit dem fiesen Chef des Atomkraftwerks bei den "Simpsons", "Monty" Burns, nicht nur den Spitznamen und eine gewisse Ähnlichkeit (außer bei den Haaren), sondern auch und den fatalen Hang zum Raubtierkapitalismus.

Ordentlich Dampf gemacht haben sie ja, die Jungs von der Berliner Software-Firma Neofonie bei der Präsentation ihres WePad. Über die peinliche Nicht-Vorführung des Geräts wurde jetzt genug gelästert. Alle Augen richten sich nun auf den 26. April, an dem WePad-Guru Helmut Hoffer von Ankershoffen alles richtig machen will. Einige Auserwählte sollen das Gerät dann sogar "touchen" dürfen. Also abwarten, ob es beim zweiten Versuch besser klappt. Wenn Hoffer von Ankershoffen es diesmal wieder nicht hinbekommt, dass das Gerät "toucht", wird es eng. Schon bemerkenswert, wie leichtfertig eine etablierte, mittelständische Software-Firma mit guten Kunden mit ihrem Ruf spielt. Aber allein dafür, dass sie uns das Super-Denglisch-Wort "touchen" geschenkt haben, gebührt den Neofonie-Leuten Lob und Preis. Damit kann man auf Monate hinaus, lustige Überschriften zustammenzimmern. "Jetzt toucht es", "Ausgetoucht", "Auf Touch-Fühlung", "Touch-Mahal" und so weiter und so fort etc.pp. Danke, liebe Neofonie. Vielen, vielen Dank!

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