Raffzahn reloaded: Business Punk is back

Das hat gerade noch gefehlt. Nachdem sich der Kerl im Herbst so daneben benommen hatte, kommt er schon wieder um die Ecke. Seit Donnerstag liegt "Business Punk", das etwas andere Wirtschaftsmagazin von Gruner + Jahr, wieder am Kiosk. Aber so auf Krawall gebürstet wie beim Debüt ist das Magazin trotz der pampigen Headline "Vergesst Facebook!" nicht. Der Business Punk wirkt, als hätte er ein paar Pillen weggelassen und mal eine Nacht durchgeschlafen. Aber offen gesagt: Eine fiese Type ist er immer noch...

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Das hatte gerade noch gefehlt. Nachdem sich der Kerl im Herbst so daneben benommen hatte, kommt er schon wieder um die Ecke. Seit Donnerstag liegt "Business Punk", das etwas andere Wirtschaftsmagazin von Gruner + Jahr, wieder am Kiosk. Aber so auf Krawall gebürstet wie beim Debüt ist das Magazin trotz der pampigen Headline "Vergesst Facebook!" nicht. Der Business Punk wirkt, als hätte er ein paar Pillen weggelassen und mal eine Nacht durchgeschlafen. Aber ehrlich: Eine fiese Type ist er immer noch…
Vorweg: Das Magazin insgesamt erscheint ausgereifter und zentrierter als beim ersten Versuch. Es gibt eine ganze Reihe lesenswerter Stories sowie ein eindrucksvolles Porträt über die Startup-Ikone Dennis Crowley und seinen hippen Dienst Foursquare. Der Sexismus und das Machogehabe des Startheftes sind spürbar zurückgefahren worden, was der Zeitschrift die schwül verklemmte Lüsternheit des One Shots vom Oktober nimmt. Das Layout ist nicht mehr wild und planlos, die Fotosprache stimmig und hochwertig.
So gesehen hätte Business Punk durchaus das Zeug zu einem erfolgreichen Magazin in jungen Zielgruppen, aber auch nur so gesehen. Denn auch der Punk reloaded in der Version 2010 ist ein Raffzahn, dem es nur um sich und seine Karriere geht – ein Menschentyp, der primär mit zoologischen Kategorien zu beschreiben ist, weil weder seine intellektuelle, geschweige denn die emotionale Dimension der Rede wert scheint. Abseits von Parties und Nightlife, dem eigentlichen Kern des Daseins eines Business Punks, wird tagsüber das soziale Stachelhalsband angelegt. Die Company wird zum Survival Camp, der Lebenspartner umso angenehmer, je seltener man sie oder ihn um sich hat, weil es verführerischer ist, mit den Kumpels einen drauf zu machen.
Das Grundproblem des Business Punks ist es, dass seine Helden in Wahrheit ganz anders sind als er. Je mehr er sich so gibt wie die, umso mehr wird ihm bewusst, dass er im Vergleich zu denen ein hedonistischer Hohlkopf ohne Ziele und Überzeugungen ist. Wohl deshalb müht sich das Magazin, den Weg nach oben zu ebnen. "Wer im Job weiterkommen will, muss dienen lernen … und im entscheidenden Moment kämpfen zu können", betitelt Business Punk ein achtseitiges Dossier zum Thema "Schnelle Karriere" und fordert die Zielgruppe damit aufs Äußerste: eine Überzeugung zu entwickeln und daran zu glauben, dass man erst Männchen machen muss, bevor man eiskalt zuschlägt.
Denn darum geht es, und diesen Geist verströmen die Porträts der Heroes des schnellen und globalen Business, in deren Biographien die Redakteure den Schlüssel zum Erfolg wittern, die kostbarste Handelsware des Magazins, das seinen Lesern vorgaukelt, dass sich easy Karriere machen lässt, wenn man Skrupel über Bord wirft und die richtigen Tricks und Typen zu nutzen versteht. Und deswegen Formeln ausgibt wie diese: "Der Weg zum Erfolg ist Style." Das streichelt das Ego der Männchen-Macher und tröstet sie darüber hinweg, dass die Stunde des Zuschlagens unerreichbar fern scheint. Der Business Punk gleicht einem pubertären Vorläufer des Erfolgstypen, dem es erkennbar an Authentizität mangelt.
Weil seine Welt ein Abziehbild der Realität ist, eine Mischung aus Hollywoodklischees, halbstarkem Posing und geborgter Identität, wundert es nicht, dass die Redaktion vor allem im Ausland nach Vorbildern fahndet. Selfmade in London, Manhattan oder Venedig, so läuft’s Business beim Punk. In Deutschland scheint von den üblichen Verdächtigen abgesehen an Heldensagen Ebbe zu herrschen, und die wenigen Beispiele wirken im Vergleich eher trist und langweilig.
Hier könnte die Lösung liegen: statt sich in stereotyper Glorifizierung der Erfolgreichen zu ergehen, könnte der Business Punk sich endlich mal ernsthaft und ehrlich um sich selbst kümmern. Vielleicht entdeckt er dabei ja jenseits von Konferenzintrigen und Komasaufen sogar eine soziale Ader. Das würde ihn am Ende womöglich zu einem ganz passablen Kerl machen.
Business Punk, ab 15. April 2010 im Handel, 6 Euro, Auflage 100.000 Exemplare, nächste Ausgabe erscheint am 16. September 2010. Anzeigenpreis 1/1 Seite: 9.000 Euro

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