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Springer vs. DuMont: Zeitungskrieg in Berlin?

Dicke Luft zwischen zwei Top-Medienhäusern: Wie MEEDIA aus sicherer Quelle erfuhr, bringt Axel Springer ab Montag im Ostteil Berlins ein Boulevard-Blatt namens B.Z. am Abend an die Kioske, das zum Start nur 40 Cent kosten soll. Pikant: Unter demselben Titel war bis zur Wende der heute von DuMont verlegte Berliner Kurier erschienen, der bislang den Ost-Berliner Markt dominiert. Dies könnte sich nun ändern. Auch wenn die offizielle Bestätigung noch fehlt, steht zu befürchten: Berlin droht ein Zeitungskrieg.

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Hans-Peter Buschheuer, 57, Chefredakteur des Berliner Kuriers, reagiert scharf: "Das Ganze ist nichts anderes als ein hochaggressiver Angriff auf den Kurier. Wir werden uns das nicht gefallen lassen." Nach Buschheuers Darstellung berät die Verlagsspitze derzeit über Gegenmaßnahmen. Wie diese aussehen könnten, ist nicht bekannt. Dies könnte zu einer kostenträchtigen Eskalation auf dem Zeitungsmarkt führen, die allerdings auf das Boulevard-Segement beschränkt sein dürfte. Der Springer-Konzern erklärte auf Anfrage von MEEDIA: "Die B.Z. am Abend ist ein Markttest der B.Z., Berlins größter Zeitung. Getestet werden in einigen ausgewählten Bezirken im Osten der Stadt die Möglichkeiten für ein neues Produkt als Ergänzung zur "klassischen" B.Z. Der Test beginnt Mitte April und hat das Ziel, neue Lesergruppen anzusprechen." Eine zeitliche Befristung für den Feldversuch gibt es demnach nicht.
Gerüchte über neue Marktaktivitäten Springers im Berliner Zeitungsgeschäft gibt es bereits seit Wochen, allerdings fehlten bislang konkrete Anhaltspunkte. Wie jetzt aber aus Grosso-Kreisen zu hören ist, soll das neue Springer-Blatt zunächst in den östlichsten Stadtteilen Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf erscheinen – lediglich ein "Markttest", wie es im Verlag abwiegelt heißt. Trotz des Titels, den ältere Ost-Bewohner noch aus DDR-Zeiten kennen, wird die Zeitung morgens ausgeliefert. Der neue Name Berliner Kurier war nach der Wende nötig geworden, weil Springer die Marke B.Z. aufgrund der älteren Namensrechte für sich allein beanspruchte. Gruner + Jahr hatte den Titel damals zusammen mit der Berliner Zeitung übernommen und später an die britische Mecom Group verkauft, die das deutsche Zeitungsgeschäft aufgrund der hohen Verschuldung der Konzernmutter im Januar 2009 an DuMont veräußerte.
Die redaktionelle Gestaltung des Springer-Titels ist ebenfalls noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich dürfte es sich um eine Art "B.Z. light", also eine abgespeckte Version des Westberliner Traditionstitels handeln. Allerdings hat die Entwicklung gezeigt, dass die Leser in Ost-Berlin nach wie vor mit West-Medien wenig anzufangen wissen und statt dessen Medien bevorzugen, die auf ihre Sichtweisen zugeschnitten sind. Dieses Konzept bediente der Berliner Kurier von Anfang an; die nach der Wende zunächst ebenfalls in Ost-Berlin expandierende B.Z. vergrätzte das Publikum dagegen mit dem offensiv auf westlichen Konservativismus ausgelegten Redaktionskurs, den der Blattmachers Georg Gafron (2001 bis 2003) später auf die Spitze trieb. Derzeit ist Peter Huth, 40, Chefredakteur der B.Z., und ss wird interessant sein zu sehen, ob und wie sich B.Z. redaktionell im Westen von der Light-Version im Osten unterscheiden wird.
Einer der Gründe für die Erschließung neuer Leserkreise ist offenbar die generell schwierige Lage auf dem hochkompetitiven regionalen Hauptstadtmarkt. Die B.Z. liegt zwar weiterhin klar vor dem Berliner Kurier. Im vierten Quartal 2009 verkaufte sich die B.Z. montags bis freitags 167.335 mal, darunter 129.549 mal im für Boulevardblätter besonders wichtigen Einzelverkauf. Der Berliner Kurier kam im selben Quartal auf 112.979 Gesamtverkäufe, bzw. 87.728 Einzelverkäufe.
Trotz der weiterhin klaren Führung hat die B.Z. in den vergangenen Jahren deutlich stärker verloren als der Kurier. So gingen der B.Z. vom vierten Quartal 2004 bis zum vierten Quartal 2009 heftige 36.940 Käufer abhanden – ein Minus von 18,1%. Der Berliner Kurier verlor in den selben fünf Jahren nur 7.623 Käufer – ein Minus von nur 6,3%. Im Einzelverkauf liegt der Verlust der B.Z. im 5-Jahres-Trend sogar bei dramatischen 35,3%, von über 200.000 rauschten die Absatzzahlen hier auf unter 130.000. Der Berliner Kurier rutschte von 100.482 auf 87.728 – ein vergleichsweise kleineres Minus von 12,7%.
Zuletzt verhagelte der lange Winter mit bei Eis und Schnee oft ungestreuten Gehwegen die Einzelverkaufsbilanz aller Boulevardtitel, die in Berlin erst dabei waren, auf eine Erholung nach der letzten Preisrunde zu hoffen. Die B.Z. hatte von 50 auf 60 Cent erhöht, der Kurier von 50 auf 55 Cent. In Ost-Berlin, wo die Käufer als extrem preissensibel gelten, kommt ein Einführungspreis von 40 Cent zumindest aus Sicht von DuMont einer Kampfansage gleich. Es ist nun die Frage, ob DuMont – mit ungewissem Ausgang – dagegenhält und seinerseits den mächtigen Konkurrenten etwa auf dem West-Berliner Kernmarkt herausfordert.
Die Entscheidung über angeblich bereits ausgearbeitete Szenarien liegt offenbar bei Alt-Verleger Alfred Neven DuMont. Der kennt Springer bislang nur als Verbündeten im Kölner Zeitungskrieg, als man 1999 gemeinsam das Gratisblatt 20 Minuten des norwegischen Konzerns Schibsted erfolgreich einbremste. Aber man sieht sich ja immer zwei Mal im Leben.

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