Medien ächten anonyme Web-Kommentare

In den USA und auch hierzulande wird verstärkt über anonyme Kommentare bei Nachrichten-Websites diskutiert. Die Badische Zeitung fordert seit Ende Februar ein, dass sich Kommentatoren mit ihrem vollen Namen zu Wort melden. In den USA planen u.a. die New York Times und die Washington Post weitere Schritte, um die Diskussionskultur in den Kommentarspalten zu verbessern. Sogar die Huffington Post will künftig Kommentare regulieren und argumentiert: "Der Trend geht weg von der Anonymität."

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Die Wege, die die verschiedenen Medien gehen, um die Diskussionskultur in den Kommentarspalten zu verbessern, sind dabei sehr unterschiedlich. Die Badische Zeitung verlangt online einfach eine Registrierung mit echtem Namen, ohne dies jedoch zu prüfen. Zum Start der Aktion schrieb der Online-Leiter der Zeitung, Markus Hofmann: "Wenn sich Kommentarautoren mit ihrem Vor- und Nachnamen zu erkennen geben, so hat dies grundsätzlich einen positiven Einfluss darauf, wie fundiert, ernsthaft und rücksichtsvoll Debatten geführt werden. Wir sind der Meinung, dass dies die Qualitätsmerkmale sein sollten, die die Online-Diskussionen einer Tageszeitung auszeichnen." Mittlerweile hat er in einem Interview mit Dirk von Gehlen von Jetzt.de ein erstes positives Fazit gezogen: "Die Qualität der Kommentare hatte sich bereits vor der Umstellung peu à peu verbessert. Da sind wir durch die Umstellung nochmal einen Schritt vorwärts gekommen, aber es ist trotzdem noch nicht so, dass ich sagen würde: Wir haben das Optimum erreicht."

Manche Medien, wie die Times, prüfen Kommentare vor der Veröffentlichung. Beim Wall Street Journal können Kommentare so eingestellt werden, dass man nur die von Abonnenten lesen kann. Bei Jetzt.de der Jugend-Plattform der Süddeutschen Zeitung, können seit kurzem Kommentare bewertet werden. Solche mit schlechten Bewertungen werden weggeklappt und sind nicht mehr sofort zu sehen. Einen ähnlichen Schritt hat auch die reine Online-Zeitung The Huffington Post vor. Auch dort sollen Leser-Kommentare künftig bewertet werden, ähnlich wie die Nutzer-Kommentare bei Amazon. Leser-Beiträge mit guten Bewertungen würden dann weiter oben platziert. Die Idee dahinter ist, dass die Community als eine Art Qualitäts-Filter funktioniert und Pöbel-Kommentare so automatisch nach unten rutschen.

"Anonymität ist einfach die gängige Methode. Es ist ein akzeptierter Bestandteil des Internet aber es steht außer Frage, dass sich Leute hinter der Anonymität verstecken, um widerwärtige oder kontroverse Kommentare abzugeben", sagte Zeitungs-Gründerin Arianna Huffington der New York Times. Huffington weiter: "Die Regeln ändern sich und das Internet wird erwachsen, der Trend geht weg von der Anonymität." Laut einem Bericht der New York Times plant die Washington Post in den nächsten Monaten Kommentaren, die mit vollem Namen abgegeben werden, prominentere Platzierungen zu geben.

Ein paar gute Gründe, für die Veröffentlichung von Klarnamen im Web hat der Online-Journalist Howard Owens in seinem Weblog zusammengefasst. "Es gibt eine grundlegende Nachrichten-Ethik", schreibt er, "Leser haben ein Recht darauf, zu erfahren, wer etwas sagt." Es gebe ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit, das mit dem echten Namen einer Person verbunden ist. Aus gutem Grund hätten gedruckte Zeitungen schon lange darauf verzichtet, anonyme Leserbriefe zu veröffentlichen, so Owens. Das Argument, dass sich Medien selbst auch anonymer Quellen bedienen, lässt Owens nicht gelten. Wenn Medien Infos anonymer Quellen veröffentlichten, würden diese Informationen von den Journalisten in der Regel vorab geprüft. Im Netz dagegen würden anonyme Aussagen ungeprüft und ungefiltert veröffentlicht. Echte Hinweisgeber oder Personen, die berechtigt den Schutz der Anonymität suchten, weil sie sonst Repressalien zu fürchten hätten, könnten dies trotzdem noch tun.

Befeuert wurde die aktuelle Diskussion um Anonymität im Netz durch den Fall eines Anwalts aus Cleveland. Der Anwalt wurde auf der Website der Clevelander Zeitung The Plain Dealer immer wieder beschimpft. Als die Zeitung herausfand, dass die Kommentare von der Mailadresse einer Richterin kamen, die beruflich mit dem Anwalt zu tun hatte, entschloss sich die Redaktion, die Identität der Kommentatorin zu veröffentlichen. Die Richterin stritt ab, die Kommentare hinterlassen zu haben und hat nun ihrerseits die Zeitung verklagt. Bis zu einer allgemein akzeptierten Netzkultur ist wohl noch ein Stück Weg zurückzulegen.

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