„Ich bin ein großer Fan von Crowdfunding“

Medienmogul Rupert Murdoch wird nach der Website seines Wall Street Journal als nächstes die Online-Angebote der Times und Sunday Times kostenpflichtig machen. Seine Paid-Content-Strategie stößt unter den krisengebeutelten Verlegern derzeit auf Begeisterung wie auf Argwohn. Die Verunsicherung ist groß, mit welchem Erlösmodell in Zukunft Qualitätsjournalismus finanziert werden kann. Im MEEDIA-Interview diskutiert Medienexperte und Journalist Stephan Weichert verschiedene Lösungsansätze.

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Nach Murdoch baut nun auch Axel Springer Bezahlschranken um einige Online-Angebote auf. Ist Paid Content das Erlösmodell der Zukunft?

Dass gerade Rupert Murdoch der Vorreiter einer Bewegung ist, die sich zum Paid Content zurückentwickelt, ist sicher ein wichtiges Bekenntnis für die gesamte Branche. Seine Strategie ist ein Signal, mit dem er anderen Verlegern natürlich Mut macht. Doch das Grundproblem von Paid Content wird bleiben: Es müssen alle mitziehen, sonst wandern die Nutzer zur weiterhin kostenlosen Konkurrenz ab.

Was muss passieren, damit alle Verlage ihre Online-Inhalte kostenpflichtig machen? Muss sich die ökonomische Situation noch mehr verschlechtern?

Der wirtschaftliche Druck kann noch so sehr zunehmen, es weiß trotzdem keiner, ob Paid Content der Königsweg ist. Die Frage ist ja, ob es Verlagen gelingt, die Nutzer ihrer Online-Angebote umzuerziehen. Diese müssen mehr Bereitschaft entwickeln, für Journalismus im Internet etwas zu bezahlen. Das ist eine rein psychologische Frage, um die es da geht. Aber welcher der richtige Weg ist, müssen die Verlage einfach ausprobieren. Und es ist wichtig, dass gerade die großen Player sich diesem Trial-and-Error-Experiment stellen. Denn ein kleiner Verlag verfügt einfach nicht über das Kapital, um mal eben fünf Jahre ein Paid-Content-Modell auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass eines seiner Produkt sterben könnte, wenn es niemand mehr nutzt.

Viele Verlage hoffen darauf, ihre Nutzer mithilfe von Apps für Bezahlmodelle begeistern zu können. Setzt sich das durch?

Die bisherige technologische Evolution hat gezeigt, dass wir eigentlich rein gar nichts vorhersagen können. Dass so ein Gerät wie das iPhone eine derartige Revolution im Bereich der Nutzung und damit auch der Angebote auslösen würde, hat vor fünf Jahren einfach kein Mensch gewusst. Ich persönlich nutze auch sehr viele Apps wie das von der SZ, des Stern und von Focus und jetzt auch das vom Spiegel. Aber ganz ehrlich: Ich lese meine Artikel lieber nach wie vor im Netz oder in der Zeitung als in diesem kleinen Ding. Jetzt steht uns mit dem iPad aber wieder eine Revolution bevor und ich glaube, das wird eine Sensation. Das Gerät wird zu einem Must-have, das sich sehr viele Menschen kaufen werden, um darauf auch Nachrichten zu lesen.

Neben Paid Content gibt es auch noch weitere Erlösmodelle. In den USA existieren mit Spot.us und ProPublica beispielsweise journalistische Projekte, die sich über Spenden und Mäzene finanzieren.

Ich bin ein großer Fan von Crowdfunding und ich glaube, dass sich solche Modelle bald auch hierzulande etablieren. Ich experimentiere gerade mit meinen Studenten an ähnlichen Angeboten, wie das von Spot.us. Es gibt ja einige Journalisten, die diesem Modell durchaus skeptisch gegenüberstehen. Die argumentieren dann: „Wer dafür spendet, kann auch über die Inhalte von Geschichten bestimmen.“ Ich halte das aber für Humbug. Erstens wird dieses Argument fast ausschließlich von gut situierten Journalisten aus einer komfortablen Situation, nämlich einer Festanstellung heraus, angeführt – und eben nicht aus Sicht der Mehrheit der Journalisten, deren Jobs derzeit in Gefahr sind und die sich schlicht nach neuen Verdienstmöglichkeiten umsehen müssen. Das ist also zum einen eine interessengeleitete Debatte. Zum anderen ist es auch auf der Inhalte-Ebene ein Schreckgespenst. Denn es gibt etliche Mechanismen und Möglichkeiten um zu vermeiden, dass Stifter oder Spender Einfluss auf die Berichterstattung nehmen können.

Wie können solche Mechanismen aussehen?

Bei Spot.us kann man in der Regel nicht mehr als zwanzig Dollar pro Story spenden, die Beiträge werden gedeckelt. Und dann gibt es noch redaktionelle Mechanismen, mit denen man genau prüfen kann, wer eigentlich für welche Story spendet. Ich glaube also, es gibt sinnvolle Wege um zu vermeiden, dass spendenfinanzierte Berichterstattung beeinflussbar wird. Und wenn wir diese Voraussetzungen schaffen, halte ich Crowdfunding auch in Deutschland für eine gangbare Alternative zur Finanzierung von Qualitätsjournalismus, zum Beispiel, um teure Recherche oder Korrespondenten zu bezahlen. Nicht jeder Verlag kann sich wie Süddeutsche Zeitung oder Spiegel eine eigene Rechercheeinheit mit hochkarätigen Journalisten leisten. Für diesen Bereich wird es also neue Modelle geben müssen, um den Journalismus als Vierte Gewalt in diesem Land und in anderen Ländern zu erhalten. Wenn wir diesen Bereich weiterhin von Werbekunden und zahlenden Nutzern abhängig machen, wird es diese Form von Journalismus irgendwann nicht mehr geben.

ProPublica erhält von dem Unternehmerehepaar Marion und Herbert Sandler jährlich eine Finanzspritze von zehn Millionen Dollar. Wer kommt in Deutschland als Spender in Frage?

Wir haben in Deutschland eine Generation von sehr, sehr reichen Menschen, die bald sterben werden und gar nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Da steckt für mich ein großes Potenzial – nicht nur finanziell, sondern auch ideell – diese Menschen davon zu begeistern, ihr Vermächtnis in ein gesundes Mediensystem zu investieren. Hinzu kommt eine vitale Stiftungslandschaft mit zivilgesellschaftlichen Ansätzen, die in den vergangenen Jahren erst entstanden ist. Einige dieser Stiftungen suchen förmlich nach konkreten Projekten, wie sie ihr Geld sinnvoll in die Gesellschaft zurückfließen lassen können. Und Qualitätsjournalismus ist da sicher eine Option.

Sie haben angesprochen, dass bereits Stiftungen bei einigen Journalisten auf Kritik stoßen. An eine staatliche Subventionierung von journalistischen Produkten ist dann wohl gar nicht zu denken.

Staatliche Subventionierung halte ich offen gesagt ebenfalls für ein Problem und bin da eher skeptisch. Es kann einfach nicht sein, dass die direkte Verteilung von Töpfen an eine bestimmte Art von Medien gekoppelt wird. Wenn der Staat beispielsweise die Bunte finanzieren würde und sich wie kürzlich herausstellte, dass die Zeitschrift Politiker durch dubiose Detekteien beschattet, würden die Politiker doch dieser Zeitschrift sofort die Subventionen entziehen. Unabhängig davon, dass der Vorfall ein berufsethisches Fiasko für die Bunte war: Das kann und darf nicht die Idee der Pressefreiheit in Deutschland und auch in anderen Ländern sein, dass die Politik darüber befindet, welche Art von Journalismus gefördert wird und welche nicht. Auch kann es nicht sein, dass Medienpolitiker wie derzeit Staatsminister Bernd Neumann einzelne Branchen wie die Zeitungsindustrie protektionieren, um deren Niedergang zu prolongieren, aber gleichzeitig öffentlich-rechtliche Aktivitäten im Netz unterbinden wollen. Das kommt einer Förderpolitik nach Gutsherrenart sehr nahe. Journalismus muss unabhängig von solcherlei Einwirkungen der Politik sein und bleiben. Es gibt trotzdem zwei Modelle in Deutschland, bei denen zumindest die indirekte staatliche Medienförderung bestens funktioniert. Zum einen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, zum anderen bei der Bundeszentrale für politische Bildung, die im Bereich der Medienpädagogik und Journalistenweiterbildung wirklich sehr gute Arbeit leistet.

Alle Verleger haben im Moment mit einem Werberückgang zu kämpfen. Einige große US-Zeitschriftenverlage haben sich aus diesem Grund in einem Joint Venture zusammen getan, und entwickeln gemeinsam einen Online-Kiosk.

Ich halte es für eine wegweisende Entwicklung, dass die Verleger an einem Strang ziehen, obwohl sie Konkurrenten sind. Natürlich ist ihnen bei einem solchen Joint Venture auch daran gelegen, ihre Rendite zu sichern, aber hoffentlich ist ihnen auch der Journalismus wichtig. Und ein solches iTunes-Portal der Medienindustrie, das da entwickelt wird, mit Beträgen von 19 Cent pro Artikel, finde ich vielversprechend. iTunes wurde angenommen, und ich glaube, dass das auch mit journalistischen Inhalten funktionieren wird. Ein Portal, auf dem das Bezahlen kinderleicht ist, wäre tatsächlich eine Perspektive, wie Paid-Content-Modelle bald reüssieren könnten.

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