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Zwischen Generation Bleifuß & grüner Welle

Gäbe es im Magazinjournalismus so etwas wie Denkmalschutz, dann gehörte die Auto Motor und Sport der Stuttgarter Motorpresse wohl unter diesen gestellt. 1946 schlug ihre Geburtsstunde noch unter dem Namen Das Auto, und die Zeitschrift begleitete ihre Leser durch die Wirtschaftswunderjahre zu immer mehr Wohlstand und immer ausgefeilterer Technologie. Doch zuletzt stotterte der Vertriebsmotor der PS-Bibel erkennbar; wohl auch ein Grund, das Magazin nun gründlich getunt neu an den Start zu bringen.

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Ein frisch gelackter Hochglanztitel zeichnet die modellgepflegte "AMS" äußerlich aus. Im Heftinnern kommt sie mit einer Spurverbreiterung von 16 Seiten daher, die Chefredakteur Bernd Ostmann für neue Schwerpunktthemen nutzt. Aktuell geht es dabei um die Trends bei alternativen Antrieben, einen ausführlichen Vorbericht über die siebte Golf-Generation sowie einen beigeklebten Fahrzeug-Guide mit 400 Modellen des Jahrgangs 2010.
Wie gewohnt drückt die Redaktion dabei den Gasfuß gern bis zum Bodenblech durch. Da fliegt der Hintergrund auf Fotos dynamisch ins Unscharfe, scheinen die rot-weißen Hütchen beim Brems- und Slalomparcours vor den vorbeirasenden Testboliden zu erzittern. Ruhe kehrt erst auf den Seiten ein, die den raumgreifenden Datenblättern, Drehmoment-Kurven und Spezifikationen vorbehalten sind. Generationen von Lesern studierten diese andächtig und trafen danach ihre Kaufentscheidungen, selbst wenn die Unterschiede der Fahrzeugkonkurenten nach aufwändigen Rundumvergleichen häufig minimal ausfallen. Auto Motor und Sport ist die Referenz im Bereich Test und Technik, und die Prosa der Headliner beim Betexten des Dauer-Duells Metall gegen Metall ist legendär.
Und doch hat die AMS ein Problem. Für immer mehr Autointeressierte werden PS und nackte Fahrleistungen tendenziell unwichtiger, nehmen gleichzeitig Umweltbewusstsein und vormals sekundäre Tugenden einen wichtigeren Platz ein. Die früher so klare Bedürfnispyramide der Autonutzer wird von vielen geradezu auf den Kopf gestellt. Was aber bedeutet dies für ein Automagazin? Ein Wettbewerber wie Springers Autobild tut sich damit vergleichsweise leichter, denn das Blatt war stets wesentlich bodenständiger und am Normalverbraucher orientiert.
Die Stuttgarter dagegen setzen auf den ambitionierten und leistungsorientierten Fahrer und verschreiben sich nach wie vor dem politisch heute wenig korrekten Slogan "Benzin im Blut". Und sie propagieren weiter die Lust am Geschwindigkeitsrausch, etwa beim Report über das "reinrassige Renngerät" Porsche 911 GT3 RS, wo es der Autor auch sprachlich qualmen lässt. Motto: "Eine Runde geht noch."
Weit nüchterner sowie hier und da mit unübersehbarem Stirnrunzeln geht man in punkto Alternative Antriebe zur Sache, dem Eco-Schwerpunkt des relaunchten Magazins. "Selbst wenn in ferner Zukunft ausschließlich elektrisch betriebene Fahrzeuge zum Test antreten sollten", heißt es einleitend zum Thema Elektromobilität spitz, "wird eines der Hauptthemen die Differenz zwischen Werksangabe und realem Verbrauch bleiben." Gott sei Dank, möchte man hinzufügen, dass der E-Mini dennoch die 100 km/h-Marke schon nach 8,9 Sekunden "geknackt" hat, denn darauf kommt es ja schließlich an. Oder?
Ob gewollt oder nicht: Die Auto Motor Sport positioniert sich in diesen Dingen deutlich, und es wird schnell klar, dass man der Summe von Detailverbesserungen bei Motor, Getriebe, Karosserie und Reifen nach konventioneller Bauart mehr zutraut als den so hippen alternativen Antrieben. Die AMS will offenbar nicht anders, und wahrscheinlich kann sie nicht anders, ohne die Stammleser zu vergrätzen. Doch wie lange ist die Generation Bleifuß noch mehrheitssfähig?
So wie das relaunchte Heft daherkommt, bleibt sich das führende Automagazin auch bei der Vorschauf auf die kommende Ausgabe treu. In großer Aufmachung wird der erste Test des AMG-getunten Mercedes SLS  angekündigt: 571 PS, 6.3 Liter Hubraum, CO 2-Emission: 308 Gramm pro Kilometer. Oder wie der Hersteller in Anzeigen unfreiwillig zweideutig titelt: ein "Erdgeschoss".

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