Frau Illner und das böse Internet

ZDF-Talkerin Maybrit Illner nahm sich unter dem Titel "Ausgespäht und abgezockt im Internet?" dem derzeit beliebten Thema an: Wie böse ist das Netz? Neben erwartbaren Gästen wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, saßen Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, Google-Sprecher Kay Oberbeck und Moderatorin Andrea Kiewel im Studio. Die zerfaserte Diskussion zeigt dann vor allem, wie schwer das Thema Internet im TV zu fassen ist.

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Die anwesenden Talkgäste gaben bereits woanders gesagte Meinungen und Haltungen von sich und redeten ansonsten aneinander und am Zuschauer vorbei. Der typische ZDF-Zuschauer dürfte ohnehin nicht lange dabei geblieben sein. Im Sekundentakt schwirrten Schlagworte durchs Studio wie Google Buzz, Opt-in- oder Opt-out-Verfahren, Twitter, Kinderporno, Datenschutz, Islamisten, Neonazis. Alles durcheinander ohne Richtung und Struktur.

Das Problem solcher Talkshows zum Thema Internet zeigte sich auch bei Maybrit Illner. Die Gäste sind zu unterschiedlich, das Thema zu komplex und vielschichtig, um wirklich alles in einer einstündigen Sendung im Schweinsgalopp abhaken zu können. Frank Schirrmacher gab seine Thesen aus seinem Buch "Payback" zum besten, dass der Mensch nicht Multitasking-fähig sei und unser Leben immer mehr von Algorithmen bestimmt zu werden droht. Frau Kurz vom Chaos Computer Club bekannte sich dazu, Google nicht zu benutzen. Kay Oberbeck gab den netten Google-Man von nebenan, Ministerin Aigner forderte Datenschutz und freute sich über ihren Vergleich von Datenschutzbestimmungen als offene oder geschlossene Fenster und Andrea Kiewel beschränkte sich in ihrer Rolle als "Mutter und Moderatorin" darauf, amüsiert skeptisch zu schauen und die Vorzüge der SMS zu preisen.

Hier passte leider gar nichts zusammen. Die Einspielfilme waren teils von rührender Naivität, wenn etwa die uralte Leier von den Silver Surfen und mit der Wii kegelnden Rentnern in Altersheimen abgespielt wurde. Entlarvend war hier allerdings die Reaktion von Maybrit Illner. Während im Film eine alte Dame mit der Wii kegelte und sichtlich Spaß daran hatte, formulierte Illner im Anschluss allen Ernstes: "Ballernde Rentner vor der Xbox, muss uns das Angst machen?"

Dies war so etwas wie die Dauerfrage, die über allem schwebte. Facebook, Google, Internet, Multitasking, Streetview, Pornos, Hitler etc.pp.: "Muss uns das Angst machen?" Antworten gab es freilich nicht. In einem anderen Einspielfilm wurden dann die üblichen Vorurteile über das Netz als Kinderporno-Schleuder und Terroristen- und Nazi-Netz geschürt.

Zwischendurch tauchte Ibrahim Evsan auf und sagte, dass die deutsche Politik und deutsche Unternehmen schon lange den Anschluss verloren haben. Oberbeck fing an mit Frau Aigner über die Höhe der Streetview-Kameras zu reden. Konsens in der Runde war, dass irgendwie alle gefordert sind: Unternehmen, Politik, Gesellschaft. Und, ach ja, man sollte doch bitte in Bildung investieren. Wer nicht schon selbst im Thema war, hatte als Zuschauer verloren. Und wer schon selbst im Bilde war, ärgerte sich höchstens über die vergeudete Sende- und Lebenszeit. Es wäre besser, Talkshows würden sich auf einzelne Aspekte des Netzes konzentrieren und diese konzentriert behandeln. Man macht ja auch keine Talkshow mit dem Thema "Ausgespäht und abgezockt im Leben?"

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