Diskussion um Wikileaks-Video

Am Tag eins nach dem Clip beginnt die Diskussion: Gestern erreichte das Wikileaks-Video, dass die Tötung von zwölf Menschen durch US-Soldaten zeigt, die deutschen Medien. Selbst die Tagesschau berichtete. Nun sieht sich Chefredakteur Kai Gniffke genötigt im Blog zur Sendung Stellung zu beziehen, warum man den brutalen Erschießungs-Film gezeigt habe. Für Netzwertig-Autor Peter Sennhauser beweist das Video sogar, "dass die amerikanischen Medien keine wirklich heißen Eisen mehr anzufassen bereit sind".

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Das Video zeigt, wie aus Hubschrauber-Perspektive eine Menschengruppe umkreist wird, darunter auch zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters.  Die Gruppe geht unbekümmert eine Straße entlag und lässt sich sichtlich auch nicht von dem Hubschrauber beeindrucken. Im Off sind die Soldaten zu hören, die die Gruppe als bewaffnete Aufständische identifizieren und die Erlaubnis zum Feuern einholen. Ohne Vorwarnung schießen sie auf die Gruppe und kommentieren ihre Tat mit: "Haha, ich hab ihn erwischt. Schau auf diese toten Bastarde." Ein Kollege entgegnet: "Nett". Zwölf Menschen sind bei dem Anschlag getötet worden. Wikileaks hat aus der 38-minütigen Originalfassung eine kürzere Version (17 Minuten) produziert und am Montag online gestellt.
Die Tagesschau zeigte am Dienstag einen kurzen Ausschnitt des Videos. Die Redaktion sei nach der Ausstrahlung der Sequenz gespalten gewesen, schreibt Chefredakteur Kai Gniffke. "Die einen fanden, dass wir noch früher aus den Bildern vom Beschuss hätten aussteigen sollen. Der andere Teil der Redaktion argumentierte, man habe diese Sequenz so lange zeigen müssen, um die Grausamkeit zu dokumentieren, vor allem gepaart mit dem Funkverkehr der Helikopter-Besatzung, der die ganze Szenerie in erschreckender Weise als eine Art Videospiel erscheinen ließ."  Er selbst ist der Meinung, dass man "vielleicht ein, zwei Sekunden weniger hätten zeigen können", doch in der derzeitigen Situation, in der der Kriegsbegriff diskutiert werde, "musste man Teile des Video zeigen".
Die Quelle des Videos ist für Gniffke nicht wichtig: "Entscheidend ist, ob es relevant ist, und dass es authentisch ist. Das müssen wir selbst bewerten und prüfen." Alles Material, das nicht von Korrespondenten oder Agenturen stamme, werde geprüft. "Ich bin mir sicher, dass die Zahl solcher Fälle in Zukunft zunehmen wird. Deshalb müssen wir intern Strukturen schaffen, die einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesem Material ermöglichen." Auch wenn solches Material immer wichtiger werde, würden "mindestens 99 Prozent der Bilder" auch künftig von Profis produziert.
Peter Sennhauser schreibt bei Netzwertig.com, dass  Wikileaks und ähnliche Organisationen nicht nur eine Bedrohung für die Politik und das Militär darstellen, sondern auch für die US-Medien. Die Veröffentlichung des Videos zeige, "dass die amerikanischen Medien keine wirklich heissen Eisen mehr anzufassen bereit sind".
Er hegt keine Zweifel daran, dass das Video auch Zeitungen und TV-Sendern in den USA vorlag. "Denn wer Kopf und Karriere riskiert, weil er oder sie es nicht ertragen kann, dass die Wahrheit vertuscht wird, wendet sich an die grössten und vertrauenswürdigsten Outlets", so Sennhauser. "Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung."

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