Printprojekt Grimm: „Die Redaktion bin ich“

Ein neues Magazin: Fibelformat, 162 Seiten, mattschwarz sogar der Schnitt, 13 Euro. "Grimm" schmeichelt Hand und Auge – aber nicht dem Verstand. Der düstere Inhalt würfelt Texte über einsame Bazillen und Randfiguren der Pop-Kultur mit Gothic-Comics und Endzeit-Fotografien zusammen. Von "Ideen, die ihr für uns austragen müsst", ist im Editorial die Rede, an denen "die kleine, heile, selbstgerechte Welt" zerbricht. Satire oder Selbstüberschätzung? Ein Gespräch mit Chefredakteur Lars Brinkmann.

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Marketingmanager, Creative Director, Freier Journalist unter anderem bei Spex, taz, Jetzt-Magazin – Brinkmann hat vieles ausprobiert. Mit Grimm gibt der gelernte Werbekaufmann erstmals ein halbjährliches "Periodikum" heraus.

Warum ist das Magazin so aufwändig gestaltet?
Das war Teil der Idee, um einen verführerischen Aspekt drin zu haben. Eigentlich wollten wir das Magazin in Deutschland drucken, dann haben wir in Europa geguckt, aber den Druckereien war es zu aufwändig. Schließlich mussten wir nach China gehen, wo unser Verleger geschäftlich tätig ist. Dort konnte uns eine Druckerei einen Preis machen, den wir hier nicht einmal annäherungsweise bekommen hätten. Aber das hat ein Viertel der einjährigen Produktionszeit verschlungen.

Grimm ist offensichtlich ein sehr ambitioniertes Projekt. Sie schreiben, Sie wollen den Leser "mit Bildern und Texten belästigen, die außer uns keiner sehen will. Wer ist "uns"?
Das ist schon der erste Kunstgriff. Wir-Gruppen führen immer zu einer wie auch immer gearteten Einheit. Dazu gehört auch der Leser. Aber die Redaktion, das bin ich.

Der Inhalt erscheint uns wie ein Sammelsurium, zusammengehalten durch den Verzicht auf Farbe und durch düstre Themen. Die Redaktion hat darauf verzichtet, dem Leser die Inhalte zu vermitteln. Wer hat diese Inhalte ausgewählt?
Der Eindruck, das ist überwältigend und man weiß nicht, wohin es geht, ist natürlich beabsichtigt. Diese komische Themenmischung soll ein Rest-Enigma zwischen den Seiten bewahren. Was hat J.G. Ballard mit den Särgen in Ghana zu tun? Aber das ist auch gerade der Spaß daran. Deswegen wollte ich ein klassisches Layout, das wieder ein bisschen Ruhe hineinbringt. Dazwischen gibt es dann Ausreißer, wie die Shanghai-Story auf bebilderten Transparentseiten.

…und die Zusammenstellung?
Die ist aus einer Mischung. Ich habe Leute gezielt angeschrieben und um konkrete Texte gebeten. Anderen habe ich die Themenwahl überlassen und lediglich erklärt, worum es bei "Grimm" geht – die Gebrüder, die Väter der deutschen Sprache, aber auch den Gefühlszustand. Einige haben vollkommen selbständig Kombinationen aus Fotos und Text entwickelt. Das war schon fast ein Outsourcing der Redaktion.

Sie wollen nicht nur unterhalten, sondern informieren und die Wahrnehmung Ihrer Leser ändern. Was wollen Sie genau?
Das ist ein Stichwort, das ich aus den 70ern kenne. Man hat aber schon alles gemacht und gegen jede Regel verstoßen. Es ist nur noch begrenzt möglich, Wahrnehmung zu verändern. Das Ziel kann jedoch sein, den Blick auf etwas zu wenden, das man nicht ansehen wollte. Es gibt da zwei unterschiedliche Impulse: Das Gaffer-Phänomen – etwa Stephen Kings Magie des Autounfalls – und es gibt den gegenteiligen Impuls – Blut: schnell weg. Das kann man zum Beispiel bei der Jansen-Fotostrecke erleben.

Wieso diese Faszination vom Negativem, Düsteren?
Dabei spielt schwarzer Humor eine Rolle. Ich kenne die Vorwürfe: Der eine nennt’s 80er, der andere Gothic – eine Kultur, mit der ich noch nie etwas zu tun hatte.

…man sucht förmlich nach germanischen Runen und Dritte-Reich-Insignien…
(lacht) …und wir haben den Lesern ja auch den Gefallen getan und den Artikel über die SS und das Buch hineingenommen. Natürlich ruft das in der Zeichenwelt bestimmte Assoziationen hervor. Aber allein die Tatsache, dass Fraktur unter den Nazis verboten war, ist mir ein innerlicher Vorbeimarsch. Da bricht sich etwas, und das erwarte ich von Zeitungen oder Magazinen, die ich mir kaufe. Das ist aber keine Faszination am Negativen. Früher wurde gerne von "hidden truth" oder Desinformation gesprochen. Es gibt unheimlich viel da draußen, das wir nicht zur Kenntnis nehmen – das aber zu unserem Leben gehört.

Auch wenn es in China gedruckt wurde: Können die wenigen Insider-Anzeigen und der Einzelverkaufspreis von 13 Euro die Kosten decken?
Wir verkaufen keine Anzeigen, auch als Statement. Wir bekommen auch keine Zuschüsse. Grimm finanziert sich alleine über den Verkauf. Unser Breakeven ist tatsächlich etwas unrealistisch. Obwohl man es bei einem solchen Magazin nicht vermuten würde, steckt ein gewisses Maß an Altruismus dahinter. Wir wollen eigentlich nur, dass es rausgeht, sich selbst trägt und wir die nächste Ausgabe produzieren können.

Können Sie Gewinn machen?
Tatsächlich frisst der Vertrieb über den Kiosk unseren Gewinn. Wir verdienen nur am Direktvertrieb. Wir sind eher Longtail. Es macht mir nichts aus, einige Exemplare zurückzubehalten und die über Kanäle wie Ebay zu verkaufen. Dabei weiß ich, wie schwierig es ist, sich am Kiosk von 13 Euro zu trennen. Und wir stehen ja in Konkurrenz zu manchen anderen Readern. Dabei müssen wir es künftig sogar teurer machen. Aber dann liegt dann wie beim Yps noch irgendein Gimmick bei.

Es wird also eine zweites Grimm geben? Wird es das anders aussehen?
Ja, als Erscheinungstermin ist der 1. September anberaumt. Es wird beim Format bleiben. Alles andere kann sich über Nacht ändern.

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