Die Erfolgsformel von DSDS

Eigentlich gibt es kaum etwas Einfacheres, als eine DSDS-Show zu verreissen. Zu plump sind die Sprüche der Jury um Plastik-Pop-Titan Bohlen. Zu ungelenk die Kandidaten und gar zu peinlich Moderator Marco Schreyl. Trotzdem ist diese Show, beziehungsweise dieses Format, eines der erfolgreichsten im deutschen Fernsehen. Das Geheimnis des DSDS-Erfolgs liegt in der Wandlung vom Musikwettbewerb hin zur Musik-Soap, bei der Dramaturgie und Emotion alles ist. Versuch einer Annäherung.

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Der Moderator

Das Unangenehmste zuerst. Genau wie die Sendung DSDS hat auch die Besetzung der undankbaren Moderatorenrolle eine Evolution durchgemacht. Die Show war in ihrer ersten und auch noch zweiten Staffel ein ernsthafter Nachwuchs-Musiker-Wettbewerb. Die Produzenten installierten zu Beginn Moderatoren, die ein gewisses Gegengewicht zur Jury darstellten. Doch schon die erste Besetzung mit Carsten Spengemann und Michelle Hunziker wurde von Dieter Bohlens Präsenz in der Jury gnadenlos erdrückt. Mit Marco Schreyl, der vorher mit Grinsekatzen-Mimik beim ZDF in "hallo Deutschland" den öffentlich-rechtlichen Boulevard-August gab, hat die Sendung nun den Moderatoren-Darsteller gefunden, der perfekt passt. Schreyl ist ein Mann, dem nichts zu peinlich ist. Er sagt das Lied "Unchained Melody" von den Righteous Brothers als "Unchain my Heart" an, er zwingt die Kandidatin Kim Debkowski zu einem ungelenken Discofox, wovor sogar die schon an Einiges gewohnte "Kim Gloss" in berechtigtem Entsetzen davonstöckelt. Er macht Witze, die jeder Beschreibung spotten ("Alle Leitungen sind belegt. Belegt ist auch, wenn Papa auf dem Klo hockt."). Und er hat offenbar hervorragend trainierte Stimmbänder, weil er während der gesamten Sendung souverän gegen das rasende Publikum anschreit. Schreyl ist laut, willig und vollkommen schmerzfrei. Mit seinen aufgerissenen Augen und Sprüchen auf Ballermann-Niveau ("Faust aufs Auge oder Allerwertester auf dem Eimer?") ist er die Idealbesetzung für diese Show, bei der so ziemlich jeder andere Moderator schon einen Nervenkollaps erlitten hätte. Außer vielleicht Jürgen Drews.

Die Kandidaten

Die Entwicklung von DSDS vom Musik-Wettbewerb zur Musik-Soap lässt sich auch an den Kandidaten erkennen. Rückblickend wirken die Teilnehmer der ersten und zweiten Staffel im Vergleich zur aktuellen bieder und langweilig. Damals gab es noch keine seltsamen Frisuren mit Mustern und Hüte, keine Ex-Knacki-Biografien. Auch wenn es immer wieder von den Produzenten abgestritten wird – die Ansammlung an verkrachten Existenzen in der Show ist bemerkenswert und deutet darauf hin, dass hier und da die Redaktion ein bisschen gelenkt haben könnte. Personifiziert wird dieser Trend hin zum quotengerecht verwertbaren Schicksal von Menowin Fröhlich. Der ehemalige Knast-Insasse hat die Show als seine letzte Chance bezeichnet. Und genau so tritt er auch an. Die Verzweiflung ist dem jungen Mann mit den Kastenbrot-Gesicht bei seinen Auftritten anzusehen. Er zuckt und schwitzt als habe er vor dem Auftritt noch schnell in die Steckdose gegriffen. Mit Kim Debkowski, die diesmal rausgeflogen ist, hatte man noch eine Art Lady Gaga für Arme dabei, mit dem Nachrücker Manuel Hoffmann den freundlichen Prolo von Nebenan ("Super, so fahr ich mit meinem Opel auch immer."). Schließlich gibt es die zwei Antagonisten und passionierten Kappenträger Menowin und Mehrzad, auf die wohl das Finale hinausläuft.

Die Jury

Besteht seit der dritten Staffel im Prinzip nur noch aus Dieter Bohlen und zwei wechselnden Stichwortgebern. In den ersten beiden Staffeln hatte Bohlen mit dem ehemaligen BMG-Manager Thomas Stein, Radiomoderator Thomas Bug und der Musikjournalistin Shona Fraser noch Sidekicks, denen ab und zu eine abweichende Meinung zugestanden wurde. Im Verlauf des Formats wurde die Dominanz von Bohlen aber immer stärker. Die Jury wurde auf drei Personen verkleinert und wer Bohlen zu widerspenstig wurde, flog raus. Mit Nina Eichinger und Volker Neumüller hat Bohlen nun zwei ganz und gar affirmative Kollegen an seiner Seite.
Die Bewertungen der Jury wechseln von den ersten Massen-Casting hin zu den so genannten Mottoshows. Zu Beginn des Formats sondert Bohlen in erster Linie diverse Fäkal-Sprüchen ab, in denen sehr häufig Klobürsten eine Rolle spielen, und die sich von Bild.de hervorragend zu einer Klick-Galerie weiterverarbeiten lassen. In den Mottoshows versucht sich Bohlen dann in einer differenzierteren, musikalischen Kritik. Dabei entsteht der Eindruck, dass die Jury-Bewertungen mit den tatsächlichen Leistungen der Kandidaten aber rein gar nichts zu tun haben, sondern einer festgelegten Dramaturgie folgen. Wenn ein Kandidat einen Einsatz versemmelt, wird dies einmal schwer gerügt, beim nächsten Mal mit einer Handbewegung abgetan. Selbst Auftritte, bei denen selbst für Laien hörbar die Töne verfehlt werden, werden von Bohlen mal als "scheiße" mal als "hammermäßig" etikettiert. Die Entwicklung von DSDS vom Musikwettbewerb zur Musik-Soap zeigt sich eben auch an der Jury. Die Dramaturgie zählt. Es geht um ein Auf und Ab der Emotionen und nicht darum, wer gut oder schlecht singt.

Das Studio

Nach wie vor beeindruckend ist der Aufwand, mit dem RTL die Show DSDS in Szene setzt. Das Bühnenbild ist gewaltig und setzt im deutschen TV Maßstäbe. Die Produktion setzt auch bei den technischen Rahmenbedingungen auf eine permanente Überreizung der Zuschauer. Zwischentöne sind nicht gefragt. Das Publikum, das in der Hauptsache aus Angehörigen, Freunden und Fans der Kandidaten besteht, brüllt und schreit die ganze Zeit. Es gibt keine andere Show im deutschen Fernsehen, die über die gesamten Laufzeit einen derartigen Geräuschpegel und künstlichen Erregungszustand aufrecht erhält.

DSDS spielt genau wie das andere RTL-Erfolgsformat "Bauer sucht Frau" gnadenlos mit den Emotionen von Kandidaten und Zuschauern. Dabei muss man zugeben, dass der Sender seine Gefühls-Achterbahnen mit beeindruckender Präzision produziert und präsentiert. Die Macher wissen, auf welche Knöpfe sie drücken müssen, bei der Studio-Beleuchtung und beim Zuschauer. Selbst wenn man sich für die Darbietungen der Kandidaten bei DSDS nicht recht erwärmen kann, fällt es schwer, sich der Faszination dieses TV-Rummels zu entziehen. DSDS so ein bisschen wie eine überzuckerte Süßigkeit in einer knallbunten Verpackung. Man weiß wohl, dass das nicht gesund sein kann. Aber man mampft es trotzdem.

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