ZDF: Frey stellt alle Sendungen auf Prüfstand

Seit dem heutigen 1. April ist Peter Frey der neue Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens und gleich zum Amtsantritt übt er überraschend deutliche Kritik am Status quo: Mit dem 3D-Studio der "heute"-Sendung sei er nur eingeschränkt zufrieden, viele Magazine hätten sich zu sehr angenähert. All das will er anpacken, dabei auch einzelne Moderatoren stärken – und anders als sein Vorgänger Nikolaus Brender selbst viel Präsenz auf dem Schirm zeigen. Freys Pläne im MEEDIA-Überblick.

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Freys dringlichste Baustelle ist nach eigenem Bekunden das virtuelle Nachrichtenstudio, das etwa 30 Millionen Euro gekostet hat und aus dem "heute" und "heute-journal" seit vergangenem Juli senden. Frey sagte kurz vor seinem Start als Chefredakteur einigen Journalisten bei einer ersten Vorstellungsrunde, er goutiere zwar die immense Leistung und dass das ZDF mit dem Bau einen großen Schritt nach vorn gemacht habe. Wie das Projekt auf dem Schirm wirke, gefalle ihm aber nicht immer: "Ich bin mit dem Produkt nur eingeschränkt zufrieden." Er monierte, das ZDF sei bisher nur den halben Weg gegangen.
Geht es nach Frey, zeigen die Moderatoren in der aktuellen Umsetzung zu wenig Präsenz. Frey will deshalb auf andere Kameraeinstellungen und -fahrten setzen, die Steffen Seibert & Co. nicht mehr in Postkartengröße zeigten. Ihm missfällt offensichtlich auch das Layout der Sendung. Frey sagte: "Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich die Moderatoren gegen die neue Technik behaupten müssen, obwohl die Technik eigentlich die Moderatoren unterstützten sollte." Und: "Das neue Studio reduziert die Pracht des Lebens." Das stellte Frey bei Schaltgesprächen fest, wo der Reporter im Trubel stehe, der Moderator aber im sterilen Studio. Frey: "Das kann nicht sein!"
Frey stellte aber auch klar, es gebe "keinen Weg zurück". Das müsse auch nicht zwingend sein, würden einige Redaktionen, die inzwischen ebenfalls aus dem neuen Studio sendeten, doch eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass die neue Technik sehr wohl gewinnbringend zum Einsatz kommen könne. Während Frey den Einsatz der virtuellen 3D-Grafiken in "heute" und "heute-journal" bemängelte und sagte, diese sogenannten Erklärräume seien in den aktuellen Formaten bereits reduziert worden, weil "nicht besonders überzeugen", lobte er den wöchentlichen "Blickpunkt" und das im wöchentlichen Tausch mit der ARD gesendete "Mittagsmagazin", die oft aber auch einen größeren Vorlauf für die 3D-Grafiken hätten.
Grundsätzlich müssten jetzt "alle Sendungen auf den Prüfstand", kündigte Frey an. Etablierte Marken abschaffen wolle er nicht, insbesondere den wöchentlichen Magazinen aber wieder stärkere eigene Profile verpassen. Sendungen wie "Wiso", "Frontal21" und "Mona Lisa" seien gut gemacht. Sie hätten sich aber thematisch "beträchtlich angenähert". Auch hier will Frey nachjustieren, der ein ZDF-Gewächs ist: Bereits seit 1983 arbeitet er für das ZDF, zunächst als Reporter für das "heute-journal", dann als USA-Korrespondent, als Referent des Brender-Vorgängers Klaus Bresser und als Leiter von Auslandsredaktion, "Morgenmagazin" und Hauptstadtstudio. Anders als Brender, der vom WDR auf den Mainzer Chefsessel wechselte, kennt Frey das Zweite wie seine Westentasche. Keine schlechte Grundlage.
Unter Frey dürfte zudem das Spiel weitergehen, handverlesene Moderatoren zu senderprägenden Gesichtern auszubauen. Jedenfalls sagte der Neue, er wolle die Anzahl der Moderatoren gerne verringern, um den beim Publikum bekanntesten Köpfen "größere Möglichkeiten" einzuräumen. Damit dürfte sich fortsetzen, was mit Claus Kleber getestet wurde: Ein paar Wenige machen viel. Gerade drehe Marietta Slomka für einen umfassenden Afrika-Schwerpunkt, der um den Start der diesjährigen Fußball-WM laufen soll.
Frey sagte zu seinem Start zudem, er habe an den Inhalten des Programms nichts auszusetzen, aber: "Das Problem besteht eher darin, Auffälligkeit zu schaffen." So will er häufiger Programmschwerpunkte bilden und diese auch stärker bewerben. Bei der Berichterstattung rund um die Missbräuche in der katholischen Kirche habe es beispielsweise exzellente Beiträge gegeben. Diese seien allerdings untergegangen – der Sender hätte stärker damit werben können. Eine weitere Möglichkeit sei, Themen der Sendungen aufeinander abzustimmen, die am gleichen Tag laufen. Konkret benannte Frey den Talk von Maybrit Illner und die "ZDF.reporter", die donnerstags laufen und nur vom "heute-journal" unterbrochen werden.
Während Brender eher im Hintergrund werkelte und meist nur bei großen Wahlen für einige Minuten auf dem Schirm auftauchte, will Frey gerne ein "sichtbarer Chefredakteur" sein. Er überlege, dafür die Sendung "Was nun?" häufiger ins Programm zu heben, die traditionell der Chefredakteur moderiert. Frey, der nach ZDF-Angaben über einen Jahresetat von etwa 500 Millionen Euro verfügt, sagte aber auch: "Ich habe Spaß daran, Formate zu entwickeln und die richtigen Leute zu finden." Das wolle er eventuell auch tun, um eine Sendung zu kreieren, "in der ich selbst eine Rolle spiele".

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