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Gut, aber diffus: der ARD-Scientology-Abend

Wie kein anderes Medium kann das TV Themen setzen. Neuester Beweis: Der gestrige Scientology-Abend in der ARD. Erst lief der Spielfilm "Bis nichts mehr bleibt". Im Anschluss folgte die passende Diskussion bei "Hart aber fair". Frank Plasberg verbuchte dabei sogar einen Zuschauerrekord (7,47 Mio. gesamt). Der Film glänzte mit seiner Besetzung, ließ aber inhaltliche Fragen über das System Scientolgy offen. Auch die anschließende diffus geführte Debatte bei Plasberg erbrachte nur wenig Erhellendes.

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Frank Reiners (Felix Klare) versagt in seinem Architekturstudium, fährt Taxi um Frau Gine (Silke Bodenbender) und Tochter Sarah (Jessy Teichert/ Lale Kann) zu versorgen und wird von den gut situierten Schwiegereltern (Robert Azorn und Sabine Postel) geächtet. Der Anwalt Dr. Gert Ruppert (Kai Wiesinger) bringt ihm freundschaftlich die Scientology-Organisation nahe. Zunächst skeptisch, lässt sich Reiners auf Auditing, Dianetik und Co. ein und genießt ein Comeback in bessere Zeiten. Er bringt auch seiner Frau die "Org" nahe. Sie wird schnell von einer begeisterten zu einer fanatischen Anhängerin und steigt innerhalb der Organisation auf – zu Ungunsten ihres Mannes, der den Methoden von Scientology zunehmend skeptischer begegnet. Letztlich endet dieses Missverhältnis zwischen den Eheleuten darin, dass Reiners versucht, sich, seine Frau und die Tochter aus den Fängen der Organisation zu befreien. Schließlich sieht man sich vor Gericht wegen des Sorgerechtsstreits wieder.

Regisseur Niki Stein zeigt mit "Bis nichts mehr bleibt" einen Spielfilm, der auf wahren Erlebnissen beruht, aber in eine fiktionale Handlung übersetzt wurde. Ausgangspunkt ist die Gerichtsszene. Der Verlauf der Verhandlung wird durch Rückblenden unterbrochen, die die eigentliche Geschichte des jungen Paares erzählen – und das in einem Tempo, bei dem der Zuschauer zunächst irritiert zurückgelassen wird: Nach fünf Minuten Sendezeit sind die zwei verheiratet, nach zehn Minuten ist der einst kritische Protagonist Mitglied bei Scientology, nach der ersten halben Stunde ist Gine Reiners bereits "clear" und lässt sich dafür von den Scientolgy-Mitgliedern feiern. War man nicht mal halbwegs über die Organisation informiert, blieben viele Fragen zu Methode und dem "Org"-Vokabular offen, die aber später bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" geklärt werden sollten.

Dennoch: Die Geschichte zu "Bis nichts mehr bleibt" vereinfacht eindrucksvoll die Machenschaften der Organisation, die Darsteller überzeugen auf ganzer Linie. Besonders hervorzuheben ist Felix Klare, der im Stuttgarter "Tatort" als Kommissar Bootz ermittelt, und Nina Kunzendorf alias Helene Berg, die als Ethik-Offizier von Scientology agiert und dem System zunehmend kritischer gegenüber eingestellt wird. Ihnen nimmt man den Wandel vom begeisterten Anhänger zum kritischen Aussteiger ab. Auch Kai Wiesinger und Silke Bodenbender brillieren in ihren Rollen, auch wenn sich der Zuschauer weniger mit ihnen identifizieren kann.
Im Anschluss an den Film wurde dann bei "Hart aber fair" zum Thema "Sekten, Gurus und Gehirnwäsche – wie gefährlich sind moderne Seelenfänger?" debattiert. Komisch nur, dass der allgemein gehaltene Titel der Sendung nichts mit der geführten Diskussion zu tun hatte – denn eigentlich ging es nur um zwei Dinge: Scientology und die Wahrheit an dem Film. Zu Gast waren der Sprecher von Scientology Deutschland, Jürg Stettler, der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, der Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege, Sabine Riede als Expertin der Sekten-Info NRW und der Scientology-Aussteiger Wilfried Handl.

Anstatt mit vermeintlichen Vorurteilen und Klischees aufzuräumen, die der Film über die Organisation transportierte, versuchte Stettler sich mit Dementis aus der Affäre zu ziehen, die aber zugleich von Aussteiger Handl widerlegt wurden. Stettler verwies insgesamt drei Mal auf verschiedene Webseiten von Scientology, dier er als Belege für sein Gesagtes anbrachte – nicht sehr professionell in der Sache, doch als Pressesprecher hat er nur seinen Job gemacht.

Die Diskussion drifftete zu einem Ping-Pong in Glaubenssachen ab, der die Sekten-Expertin Riede als Schiedsrichterin zuteil wurde. Beckstein und Fliege waren eigentlich überflüssig. Nur Plasberg versuchte zwischendurch ungewohnt freundlich und bemüht neutral einzugreifen. Hängengeblieben ist die Aussage von Handl, die das eigentliche Resümee der Sendung gut zusammenfasst: "Scientology ist alles, nur sicher keine Kirche" – dafür aber ein Thema, über das die Gesellschaft spricht.

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